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Tennis

Der "Smiling Assassin" im Wimbledon-Modus

Von Max Marbeiter
Sabine Lisicki steht zum zweiten Mal in ihrer Karriere im Halbfinale von Wimbledon
© getty

Jahr für Jahr überzeugt Sabine Lisicki im All England Club. Das Turnier an der Church Road übt auf die 23-Jährige einen ganz besonderen Einfluss aus. Nach ihrem Erfolg über Serena Williams steht sie inzwischen im Halbfinale (ab 16 Uhr im LIVE-TICKER) und macht sich nun Hoffnungen auf den Wimbledon-Sieg. Dabei verlief ihr Jahr alles andere als reibungslos.

Gute Laune kommt einfach an. Speziell, wenn sie so offen zur Schau gestellt wird, wie bei Sabine Lisicki. Ob während ihrer Matches, nach Fehlern oder nach Siegen - die Deutsche lächelt. Eigentlich immer. Das Publikum im All England Club liebt sie dafür. Die "BBC" verpasste ihr den Spitznamen "Smiling Assasin".

Und genau so tritt Lisicki dieser Tage in Wimbledon auf. Mit viel Freude, wenn es darauf ankommt aber gnadenlos. Der Viertelfinalsieg gegen Kaia Kanepi war souverän, wirklich beeindruckend war aber, wie Lisicki die Nummer eins aus dem Turnier warf.

Das Match gegen Serena Williams hatte Höhen und Tiefen, im dritten Satz lag die Deutsche bereits ein Break zurück. Lisicki fightete sich aber zurück und brachte der Amerikanerin schlussendlich ihre erste Niederlage nach zuvor 34 Siegen in Folge bei.

Tenniselite glaubt an Triumph

Im Anschluss gratulierte die gesamte Tenniswelt. Selbst Dirk Nowitzki schickte via "Twitter" Grüße gen Church Road. Noch wichtiger aber: Die drei größten deutschen Filzkugel-Koryphäen Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich waren sich einig: Sabine Lisicki kann Wimbledon gewinnen.

Trotz der Erfolge der letzten Jahre wäre das durchaus überraschend. Denn bislang ist es nicht Lisickis Saison. Häufig schied sie früh aus, erreichte lediglich in Thailand und Memphis das Finale.

Oft macht es den Anschein, als habe sie auf anderen Belägen nicht dieselbe Sicherheit wie auf Gras, wo sie bislang ihre größten Erfolge feierte. Zudem warfen Verletzungen - speziell an Knöchel und Schulter - die 23-Jährige immer wieder zurück.

Drei Trainerwechsel in sechs Monaten

Auch in diesem Jahr musste sie krankheitsbedingt einige Turniere absagen. Während ihrer Karriere beendedete Lisicki bereits 13 Matches vorzeitig. Vorzeitig endeten auch die beiden bisherigen Grand Slams dieser Saison. In Paris war nach Runde drei Schluss, bei den Australian Open entpuppte sich sogar der Auftakt als Ende.

Zwei Mal zog das Ausscheiden eine Veränderung in Lisickis Umfeld nach sich: Der Trainer wurde gewechselt. Nach der Erstrundenniederlage in Melbourne gegen Caroline Wozniacki nahm die Berlinern die Arbeit mit Ricardo Sanchez, dem Coach der Dänin auf, nur um nach wenigen Monaten Robert Orlik anzuheuern.

Das Drittrundenaus gegen Sara Errani bei den French Open bedeutete wiederum das Ende dieser Liaison. Und das kurz vor Wimbledon. Mit Wim Fissette scheint Lisicki nun aber tatsächlich den richtigen Trainer gefunden zu haben. Der Belgier führte bereits Kim Clijsters nach ihrem Comeback 2009 zum Grand-Slam-Titel bei den US Open. Ein Kunststück, das er mit Lisicki in England wiederholen möchte.

Mit Fissette den richtigen Trainer gefunden?

Vor allem aber bekommt der Belgier ein Detail besonders gut hin. "Was mir besonders gut gefällt, ist dass er mit meinem Vater zusammenarbeitet", erzählte Lisicki während eines Gesprächs mit "Sky Sports". "Dadurch habe ich quasi zwei Coaches. Die Kommunikation untereinander ist bei uns sehr gut."

Dr. Richard Lisicki ist eine wichtige Bezugsperson der Deutschen, stets an ihrer Seite und trainiert sie, seitdem sie sieben ist. Entsprechend essentiell ist ein gutes Verhältnis zwischen Vater und Trainer. Fissette gelingt dieser Spagat. Und so ist aus Lisicki, der Enttäuschten von Paris, Lisicki, die Favoriten von Wimbledon geworden.

Plötzlich Favoritin

Denn als nichts anderes gilt die 23-Jährige inzwischen. Einen Beitrag leisten da sicherlich die Erfolge der Vergangenheit, als sie Li Na und Maria Sharapova besiegte, als sie 2011 als erst zweite Wild-Card-Spielerin überhaupt ins Halbfinale einzog. Kurz: Sabine Lisicki hat bewiesen, dass sie mit dem Belag Gras und dem Turnier-Mythos Wimbledon bestens umzugehen weiß. "Wenn sie hierher kommt ist sie ein anderer Mensch", verriet ihr Vater "Sky". "Diese Tradition fasziniert und motiviert sie."

Dazu kommt ihr ihre Art des Tennisspiels auf dem schnellen Untergrund zugute. Ein starker erster Aufschlag. Druckvolle Grundschläge. All das passt hervorragend zum heiligen Rasen von Wimbledon. "Ich fühle mich auf Gras zu Hause", sagt sie selbst - und man glaubt es ihr nach den vergangenen Tagen aufs Wort.

Auch spielerisch wurde Lisicki reifer. "Sabine zeigt hier nicht nur Bum-Bum-Tennis, sondern auch große Qualitäten in der Defensive. Sie spielt nicht einfach drauflos, sondern mit viel Überlegung", attestiert ihr die 18-malige Grand-Slam-Siegerin Martina Navratilova eine positive Entwicklung.

Inzwischen, und das dürfte ein weiterer nicht unwesentlicher Faktor sein, weiß die Deutsche zudem mit schwierigen Situationen umzugehen. Gegen Samantha Stosur verlor sie den ersten Satz mit 4:6, gestattete der Australierin im Anschluss jedoch nur noch drei Spielgewinne. Gegen Serena Williams, die Dominatorin des Damentennis, gewann Lisicki den ersten Satz klar, brach in der Folge ein, verlor Satz Nummer zwei und lag im dritten bereits mit 0:3 zurück. Das Ende ist bekannt.

Für jede Situation gerüstet

Nach einem solchen Sieg wäre ein Leichtes gewesen, Kaia Kanepi zu unterschätzen. Doch Lisicki ging ihr Match von Beginn an konzentriert an und gewann schließlich souverän. "Die Erfahrungen der letzten Jahre haben in diesem Viertelfinale definitiv geholfen", sagte sie nach dem Spiel - und auch das glaubt man ihr.

Lisicki wirkt reifer und hat doch nichts von ihrer Leichtigkeit verloren. Durch ihr sympathisches Auftreten hat sie die Fans im All England Club längst hinter sich gebracht. Das wird sich auch im Halbfinale gegen Agnieszka Radwanska nicht ändern.

Gegen die nun top-gesetzte Polin ist Lisicki nach den gezeigten Leistungen beinahe schon Favoritin. Doch unterschätzen sollte Radwanska niemand. Gegen Li Na kämpfte sie sich durch ein Marathonmatch, erlief trotz diverser Blessuren Ball um Ball und triumphierte am Ende.

Vorahnung und Realität

Einschüchtern lassen wird sich Lisicki davon aber nicht, wusste sie doch vor Turnierbeginn bereits um ihre Stärke. "Ich bin gut genug, um hier zu gewinnen", sagte sie zu "Sky Sports". "Mein Service ist so gut wie der von Serena. Sie ist natürlich Favoritin, aber alles kann passieren."

Diese Aussage stammt vom 22. Juni. Und seither ist tatsächlich viel passiert. Die Favoritin ist geschlagen, Lisicki zu selbiger aufgestiegen. Und wer weiß, vielleicht versprüht der "Smiling Assassin" auch am Donnerstag nach dem Halbfinale gegen Radwanska wieder jede Menge gute Laune.

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