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Tennis

Das bodenständige Million Dollar Baby

SID
Victoria Azarenka und RedFoo von LMFAO sind auf den roten Teppichen dieser Welt zu Hause
© getty

Über 20 Millionen Dollar Preisgeld, lautestes Kreischen im professionellen Sport, und die Freundin des Bizarr-Entertainers RedFoo von LMFAO: All das ist Victoria Azarenka. Längst stieg die 23-Jährige zur Nationalheldin in Weißrussland auf. Ihre Wurzeln hat sie dennoch nie vergessen. "Red Bulletin" begab sich auf die Spuren Azarenkas. Der Artikel erscheint auch in der aktuellen Ausgabe des Magazins.

Der Moment, der am meisten von Azarenka preisgibt, ist dieser. Sonntag, später Vormittag, zwei holprige Autostunden hinter der Hauptstadt Minsk, ein Ferienheim, das aussieht wie ein havariertes UFO nach einer Notlandung im weißrussischen Wald.

Azarenka schiebt sich mit kleinen Schritten durch die Lobby, Hand in Hand mit einer älteren Dame. Es ist ihre Großmutter. Sie arbeitete über fünfzig Jahre lang als Kindergärtnerin, täglich ab fünf Uhr früh, jetzt verbringt sie zweimal im Jahr drei Wochen zur Erholung hier.

Als die Großmutter gestern erfuhr, dass die Enkelin auf Besuch kommt, besorgte sie hastig Trauben und weiße Schokolade. Die alte Dame geht gebückt, "langsam, Babuschka, langsam", sagt die Enkelin. "Wir haben alle Zeit der Welt."

Dreikampf um die Nummer eins

Das Racket Azarenkas unterscheidet sich nicht von den Rackets auf der Männer-Tour: Griffstärke vier, ein schweißsaugendes Band darüber gewickelt, es greift sich an wie ein junger Birkenstamm. Ihr Ausrüster Wilson liefert die Rackets mit Gravur an der Innenseite, einen Pokal pro Grand Slam-Titel.

Seit Jänner sind es zwei Pokale, da verteidigte sie den Titel bei den Australian Open und kehrte an die Spitze der Weltrangliste zurück, vor Serena Williams und Maria Scharapowa.

Im Dreikampf um die Nummer eins sind die Rollen verteilt: Williams, sie hat Damen-Tennis zum Kraftsport gemacht, 15 Grand-Slam-Titel, mittlerweile 31, ist die Grande Dame des Sports. Scharapowa, sie hat Damen-Tennis zum Laufsteg gemacht, ist seit acht Jahren die ungeschlagen bestverdienende Sportlerin der Welt.

Und Azarenka? Sie gewinnt. 19 Siege in 21 Matches seit Jahresbeginn, zu zwei Matches konnte sie wegen Verletzungen nicht antreten.

Alles für die Tennis-Karriere

Azarenka heißt Victoria, wie Victory, die Eltern wählten diesen Namen 1989 bewusst. Weißrussland gehörte damals noch zur Sowjetunion. "Wir lebten zu sechst in einer kleinen Wohnung, mein Bruder und ich, Eltern, Großeltern. Mein Vater hatte zwei Berufe, meine Großmutter arbeitete ab fünf Uhr früh, meine Mutter bis spätabends - um mir zu ermöglichen, Tennis zu spielen."

Sie war neun, als ihre erste Trainerin den Kindern der Tennisgruppe die Aufgabe stellte, den Ball 1000-mal ohne Fehler gegen die Wand zu schlagen. Die Zahl war utopisch, die Trainerin wollte lediglich herausfinden, wie die Kinder mit einer unlösbaren Aufgabe umgehen. Victoria schaffte 1460 Schläge.

Mit 13 Jahren gewann sie in Usbekistan ihr erstes Turnier der internationalen Junioren-Tour für bis zu 18-Jährige, da gab es in Weißrussland keine Gegnerinnen mehr für sie. Ein Jahr später - sie trainierte bereits in einem Camp in Marbella - tauchte sie auf der Damen-Tour auf.

Kristin Haider-Maurer, ein früherer Profi, die bei einem kleinen Turnier in Kroatien gegen die 14-jährige spielte, erinnert sich an ein "richtiges Biest, das keinen Ball aufgegeben hat, extrem ehrgeizig, verbissen".

Die routiniertere Haider-Maurer führte 3:0, Azarenka weinte beim Seitenwechsel, dann stieß sie einen wütenden Schrei aus und überließ ihrer vier Jahre älteren Gegnerin nur noch ein Game: 6:4, 6:0.

100 Dezibel bei Australian Open

Azarenkas Trainer ist seit drei Jahren Sam Sumyk, ein unerschütterlich gelassener Franzose. Auf die Frage, was sie zur Nummer eins der Welt gemacht hat, ihre Rückhand vielleicht, schüttelt er den Kopf. "Den Unterschied macht ihre Professionali­tät. Es ist faszinierend, wie sie bereit ist, alles dem Erfolg zu opfern."

Bei den Australian Open wurde die Lautstärke von den Schreien gemessen, die sie bei jedem Schlag ausstößt: knapp über 100 Dezibel. Die Schmerzgrenze des menschlichen Ohrs liegt bei 110 Dezibel. Manche Journalisten for­dern Regeländerungen, um das Kreischen der Damen zu verbieten, vor allem Azarenka und Scharapowa werden scharf kritisiert.

"Es ist unfair", sagt eine der schärfsten Rivalinnen Azarenkas, die Polin Agnieszka Radwanska. "Es zerstört das Spiel", so Martina Navratilova, eine Säulen­heilige des Tennis. "Es gehört zu meinem Spiel", meint Azarenka.

Zu Hause bleibt Minsk

Zurück nach Minsk: Azarenka sollte ja eigentlich gerade gar nicht hier sein, wo der Winter auch Anfang April nicht lockerlässt, sondern in Miami, wo das fünftgrößte Tennisturnier der Welt stattfindet. Oder in Arizona, wo sie ab ihrem 15. Lebensjahr bei der Familie des russischen NHL-Goalies Nikolai Khabibulin lebte, der ihr das Training in den USA finanzierte.

Oder wenigstens in Monte Carlo, wo sie ein Apartment bewohnt. Sie entschied, die in Indian Wells erlit­tene Blessur zu Hause auskurieren zu wollen, "und zu Hause wird immer Minsk bedeuten". Rekonvaleszenz verbindet sie mit Familienbesuch - und mit Trainingslager: Es bleiben genug Körperteile zum Quälen übrig, wenn man einen Knöchel schont.

Während Azarenka in einem Gymnastikraum des nationalen weißrussischen Tenniscenters beim Yoga ausspannt, nippen vor der Tür Coach Sumyk, Agentin Meilen Tu, Physiotherapeut Per Bastholt sowie Konditionstrainer Mike Guevara am Kaffee.

Es ist ein durchaus eigenartiger Gegensatz zwischen der weltläufigen High-End-Entourage eines Multimillionen-Dollar-Stars - zwei Amerikaner, ein Däne, ein Franzose - und dem Ambiente: grünliches Neonlicht, abgetretener Boden, schäbige Kassettendecke, an den Wänden ausgebleichte Schwarzweißfotos sowjeti­scher Tennis-Pioniere.

"Ich war ein verrücktes Kind"

Das nationale Tenniszentrum sieht an manchen Stellen nicht mehr so aus wie vor 15 Jahren, man hat moderne Courts verlegt und die Fenster so abgedich­tet, dass im Winter keine Eisblumen von den Innenseiten zu kratzen sind. Nur die Garderoben, die Gänge, die Gymnastikräume sehen noch so aus wie damals, als die siebenjährige Vika zum ersten Mal durchlief, weil ihre Mutter einen neuen Job bekommen hatte.

Sie saß an der Rezeption, einer gläsernen Kanzel, täglich von acht Uhr früh bis zehn Uhr abends. Am ersten Arbeitstag drückte Mut­ter Alla der kleinen Tochter ein Racket in die Hand. Azarenka erinnert sich an ein frühes Prince-Aluminiumracket, ein Modell, das in der Handhabung selbst Erwachsene vor ernsthafte Probleme stellte. Hat sie ihr ers­tes Racket noch? "Nein. Ich war ein verrücktes Kind. Ich bin sicher, ich habe es einmal vor Wut zerhackt."

Das Mädchen stieß im Untergeschoss auf eine Art Turnsaal, mit waagrechtem Strich an der Wand und bunten Linien auf dem Boden. Dort schlug sie die nächsten zwei Jahre lang Tag für Tag einen Ball an die Wand, bis kurz nach zehn Uhr nachts die Mutter kam, um sie abzuholen.

Azarenka, der Weltstar, kommt vom Yoga, Mike Guevara erwartet sie schon für eine Ausdauereinheit auf dem Ergometer. Um ungestört zu sein, hat Guevara den Ergometer in einen etwas schäbigen Raum am Ende eines dunklen Ganges geschoben. Sie lacht, als sie den Raum betritt. Sie deutet auf die Wand: "Das war mein Netz." Und auf ein paar bunte Linien auf dem Boden: "Das war mein Center- Court."

Auf den Spuren Azarenkas

Die Reize von Azarenkas Heimat erschließen sich dem Besucher nur zaghaft. Weißrussland liegt zwischen Polen und Russland, dem Baltikum und der Ukraine, knapp 9,5 Millionen Einwohner. Die Stabilität der politischen Machtverhältnisse ist einen Tick zu groß, um das Wort "Diktatur" unpassend erscheinen zu lassen.

Präsident Lukaschenko feiert 2014 sein 20-jähriges Amtsjubiläum. Bevorzugte außenpolitische Ansprechpartner sind Russland, der Iran und Venezuela. Die Kappen der Militärs in den Straßen von Minsk sind lächerlich überdimensioniert, beinahe hat man das Gefühl, manche der Uniformierten verdanken ihren staatstragend balancierenden Gang dem Bemühen, dass ihnen die Riesendinger nicht vom Kopf fallen.

Das fröhliche Bild steht im Gegensatz zum ortsüblichen Umgang Offizieller mit Nichtoffiziellen, der nicht durch besonderen Humor gekennzeichnet ist. Den routinierten weißrussischen Autofahrer etwa erkennt man an der in Fahrtrichtung hinter der Windschutzscheibe angebrachten Webcam; sie soll allzu willkürliche Übergriffe der Exekutive wenigstens dokumentieren, wenn schon nicht verhindern.

Großformatige Plakate an Straßenkreuzungen zeigen das Bild eines Mannes, der rauchend im Bett liegt, das Bild ist dick und rot durchgestrichen: Betrunken und rauchend im Bett einzuschlafen ist eine populäre Todesursache in Minsk. Das Plakat ist einfach gestaltet, in der Art der Piktogramme olympischer Sportarten, als wäre betrunken im Bett zu rauchen eine olympische Disziplin.

Nationalheldin fördert Nachwuchs

In Weißrussland spricht man nicht so gern über politische oder gesellschaftliche Angelegenheiten, postsowjetischer Fatalismus. Lieber spricht man in Weißrussland über Land, Volk, Traditionen, Kultur. Der weißrussische Patriotismus ist stolz, fröhlich und allgegenwärtig.

Azarenka spricht zum Beispiel gerne über andere Sportler: über Natallja Zwerewa, die für die zerfallende Sowjetunion 1988 das Finale der French Open in Paris erreichte. Über Max Mirny, einen Doppelspieler der Weltklasse. Aber auch über die Biathlon-Weltmeisterin Darja Domratschawa, "sie ist unglaublich!".

Azarenka spricht auch gerne über ihre Rolle als Nationalheldin, die sie ganz einfach interpretiert. Wenn sie mit ihrem weinroten Porsche Cayenne durch Minsk fährt, heißt das nicht: Ich bin besser als ihr. Sondern es heißt: Ich bin eine von euch. Seht, was ich geschafft habe - das könnt ihr auch schaffen.

"Ich möchte etwas beitragen, dass unser Volk mehr Selbstvertrauen bekommt", betont sie. Besonders gerne spricht sie über Ulyana Grib, 13, und Ekaterina Grib, zwölf Jahre alt. Sie trainieren im Leistungszentrum, in dem auch Azarenka aufwuchs. "Sie können sehr, sehr gut werden."

Azaranka überwies die Prämien für ihre in London gewonnenen Olympiamedaillen - Bronze im Einzel, Gold im Mixed Doppel mit Mirny - an die jungen Mädchen, damit sie Reisen bezahlen konnten, sie trainiert mit ihnen, sie erkundigt sich per SMS danach, wie es ihnen geht, sie muntert auf, ermahnt, gibt Tipps.

Frühjahr 2011 - Sinnkrise

Wie gut ist sehr, sehr gut? "Sie haben etwas, das es ganz selten gibt", antwortet Azarenka. "Als ich sie gefragt habe, was ihr Traum ist, haben sie zunächst verlegen herumgedruckst. Und dann sagten sie: ‚Bitte sei nicht böse. Aber wir wollen besser werden als du.' - Da wusste ich: Diese Mädchen will ich unterstützen."

"In unserer Kultur", so Azarenka, "gibt es drei Grundregeln. Wer die nicht versteht, versteht uns nicht. Die erste: Die Familie ist heilig. Die zweite: Alles für die Kinder. Die wichtigste: Respekt vor dem Alter."

Im Frühjahr 2011, Azarenka hatte sich bereits in die erweiterte Weltklasse gekämpft, verlor sie die Freude am Tennis. "Trainieren, mich quälen, um jeden Ball zu kämpfen wie um mein Leben, ich wollte das nicht mehr. Ich wollte etwas anderes machen."

Deshalb fragte sie ihre Großmutter um Rat: "Sie hörte mir zu, nickte, lächelte und sagte: ‚Du musst herausfinden, was dich glücklich macht. Und das musst du tun, egal ob du gerade Lust darauf hast.' Sie sagte nichts anderes. Ich ging nach Hause, dachte nach, und am nächsten Tag begann ich wieder zu trainieren." Ein Dreivierteljahr später gewann Azarenka die Australian Open, wurde Nummer eins der Weltrangliste.

"Ich bin eine Kriegerin"

Es ist Sonntagmittag im UFO mit der angekratzten Fassade tief im Wald. Azarenka sitzt gemeinsam mit ihrer Großmutter auf der Couch der kleinen Ferienwohnung, auf dem Tisch davor Trauben, weiße Schokolade und Tolstois "Krieg und Frieden", die Ferienlektüre der Großmutter.

Krieg und Frieden: Welche Azarenka ist die echte? "Es gibt nur eine. Die hat zwei Seiten. Wenn du gewinnen willst, musst du kämpfen. Keine Schwäche zeigen, niemals weich sein, niemals sensibel. Sonst nützt das deine Gegnerin aus. Während eines Matchs bin ich eine Kriegerin."

Wie schaltet man zwischen Krieg und Frieden um? "Es ist natürlich. Wie eine Löwenmutter, die geht hinaus und kämpft. Wenn es nötig ist, tötet sie. Doch ihren Jungen ist sie die liebevollste Mutter, die man sich vorstellen kann. So ist das Leben."

Sonntagmittag, Azarenka nascht Trauben und streichelt die Hand der Großmutter. Sobald der Knöchel hält, wird sie wieder hinausgehen, bei jedem Schlag bis an die Schmerzgrenze schreien und um einen Ball kämpfen, als ginge es um Leben und Tod.

Das Viertelfinale der Damen-Konkurrenz

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