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Tennis

"Nadal sitzt in seinem Kopf"

Von Florian Regelmann
Roger Federer konnte die Tränen nicht zurückhalten
© Getty

Wird Roger Federer seinen Nadal-Komplex jemals besiegen? SPOX fragte einen Sportpsychologen und analysiert, woran der Schweizer immer wieder innerlich zerbricht.

"Gott, es bringt mich um!" Mehr kann Roger Federer bei der Siegerehrung nach dem Finale der Australian Open erst einmal nicht sagen. Dann beginnt er hemmungslos zu weinen. Nach großen Siegen sahen ihn die Fans schon häufig mit den Tränen kämpfen, aber nach einer Niederlage?

Der 27-Jährige hat wieder einmal ein großes Endspiel gegen seinen großen Rivalen Rafael Nadal verloren und jeder Zuschauer spürt, was in Federer vor sich geht, als er völlig verloren auf den Centre Court der Rod Laver Arena steht.

Harte Tage für Federer

Er wäre am liebsten schon unter der Dusche, aber nun realisiert er, der den Tennissport so sehr liebt, dass es da einen gibt, den er wohl nie wieder im Leben bezwingen wird. Nie wieder. Er stand zum 19. Mal in Folge bei einem Grand Slam mindestens im Halbfinale, aber dennoch fühlt er sich in diesem Moment wie ein Loser.

Und es kommt immer heftiger: Federer wird auch noch von Nadal getröstet und in den Arm genommen. Eine menschlich große Geste des Spaniers, aber für den Schweizer muss es in diesem Augenblick die Hölle sein. Er bekommt Mitleid vom großen Gegenspieler. Inzwischen hat Nadal Federer wegen dessen Menschlichkeit sogar für den in Spanien sehr hoch angesehenen Prinz-von-Asturien-Preis vorgeschlagen.

"Der Tag danach ist immer der schlimmste. Im Moment selbst ist der Sportler körperlich und seelisch in einem absoluten Ausnahmezustand, aber wenn er dann am nächsten Morgen aufwacht und merkt, 'oh Gott, was ist nur passiert', ist es erst richtig schlimm. Die letzten Tage waren sicher sehr hart für Federer", sagt Diplom-Sportpsychologe Lothar Linz im Gespräch mit SPOX. Linz ist spezialisiert auf die mentale Betreuung von Einzelsportlern und Sportmannschaften und arbeitete unter anderem sehr erfolgreich mit der Hockey-Nationalmannschaft zusammen.

Ein Faustschlag nach dem anderen

Wer die vergangenen acht Monate des Roger Federer verfolgt hat, stellt fest, dass er sich fühlen muss, als ob regelmäßig eine rechte Gerade a la Wladimir Klitschko mitten im Gesicht einschlägt. Vor den French Open 2008 ist Federer überzeugt, irgendwann Nadal auch auf Sand schlagen zu können. Er käme ja immer näher heran. Doch es kommt anders. Federer kassiert im Finale von Roland Garros eine Klatsche der übelsten Sorte. 1:6, 3:6, 0:6 - es tut weh.

Federer rappelt sich auf. Immer im Glauben, dass es ja noch Wimbledon gibt. Dort könne Nadal ihn nicht besiegen. Kann er doch. Federer verliert eines der besten Matches aller Zeiten in einer denkwürdigen Fünfsatzschlacht. Nadal schlägt ihn auf seinem heiligen Rasen - es tut noch mehr weh als in Paris.

Federer steckt auch diesen Nackenschlag weg, profitiert bei den US Open davon, dass Nadal schon vor dem Finale ausscheidet, und sichert sich seinen 13. Grand-Slam-Triumph. Zumindest auf Hartplatz steht er eine Stufe über Nadal. Seit den Australian Open weiß Federer, dass auch dies der Vergangenheit angehört. Sand, Rasen, Hartplatz - mehr Beläge gibt es nicht. Wo soll er Nadal schlagen? Es tut noch mehr weh als Paris und Wimbledon zusammen.

Mental in Nadal seinen Meister gefunden

"Federers Grundproblem ist, dass er mental in Nadal seinen Meister gefunden hat. Unterschwellig sitzt Nadal in seinem Kopf und Federer muss anerkennen, dass er besser ist", erklärt Linz. Nadals Spielweise, die einen so zermürben kann, weil er einem einfach nichts schenkt, nicht einen einzigen verdammten Ball, tut sein Übriges dazu.

"Ehrlich gesagt hat mich Rogers Einbruch im fünften Satz überrascht. Beim 2:1 hat er zwei große Fehler gemacht, danach hat er die Konzentration verloren. Nachdem ich auf 4:1 davongezogen war, wusste ich, dass er einen Berg vor sich hat, den er nicht mehr bezwingen konnte", sagte Nadal in einem Interview der "Gazzetta dello Sport".

Ein Statement, das alles aussagt. Nadal ist oben, Federer unten. Selbst wenn Nadal nicht seinen besten Tag erwischt oder wie im Finale in Melbourne im dritten Satz stehend k.o. ist, gelingt es Federer nicht, dies auszunutzen. Breakchance nach Breakchance ließ der Schweizer liegen.

Körpersprache: Ist das wirklich Federer?

"Dass er diese Chancen nicht packt, zerbricht ihn innerlich. Das wird nicht sofort sichtbar, Federer gewinnt ja sogar noch den vierten Satz, aber unterschwellig hat es seine Wirkung und als er im fünften Satz einmal hinten liegt, ist es vorbei", meint Linz.

Es ist ein faszinierendes psychologisches Phänomen. Federer ist einer der größten, wenn nicht der größte, Tennisspieler aller Zeiten. Er ist weit entfernt von einer Krise. Er schlägt jeden, nur nicht einen 22-jährigen Linkshänder aus Mallorca.

Sobald Federer, den sonst eine Aura der Unbesiegbarkeit umgibt, gegen Nadal spielt, fragt man sich angesichts der Körpersprache, ob das wirklich Federer ist. Von seiner ihn auszeichnenden Souveränität ist nichts mehr vorhanden. Federer hat Angst. Federer wirkt hektisch. Federer macht leichte Fehler en masse. Es ist surreal. Wer glaubt, dass Federers Quote an ersten Aufschlägen deshalb so niedrig ist, weil er einen schlechten Tag hat, irrt. Auch das hängt unzertrennlich mit der psychischen Belastung namens Nadal zusammen.

"In der Regel wird er verlieren"

Es sieht alles danach aus, dass das mentale Monster Nadal ihm noch einige Male begegnen wird. Federer will schließlich bis Mitte 30 aktiv bleiben. Nur noch ein einziger Grand-Slam-Sieg fehlt ihm, um den Rekord von Pete Sampras einzustellen, aber vielleicht ist die Zeit gekommen, sich zu fragen, ob es Nadal sein könnte, der als bester Spieler aller Zeiten in die Geschichte eingehen wird. Als Federer 22 Jahre alt war, hatte er einen Grand-Slam-Titel auf dem Konto, Nadal steht nun schon bei sechs.

Selbst wenn Federer noch das eine oder andere Grand-Slam-Turnier gewinnen sollte, die volle Befriedigung wird er nur erlangen, wenn sein Finalgegner Nadal heißt. Es könnte einen Sieg so süß und wertvoll machen, wie keinen seiner Triumphe zuvor.

Linz: "Es wird der Tag kommen, an dem Federer Nadal wieder schlägt, auch in einem Finale. Aber es wird nicht wiederholt passieren. Darüber muss sich Federer im Klaren sein. In der Regel wird er verlieren." 

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