Radsport

Radsport - Dominik Nerz im Interview: "Ich kann mich in Per Mertesackers Lage perfekt hineinversetzen"

Dominik Nerz beendete seine Radsport-Karriere mit 27 Jahren.

Ist zu viel Leistungsdruck ein generelles Problem unserer Gesellschaft? Gerade in Zeiten von Social Media scheint die positive Darstellung nach außen immer wichtiger zu werden.

Nerz: Für mich ist das alles ein Wahnsinn. Ich kapiere es nicht. Wieso müssen sich schon Jugendliche auf Instagram und Facebook produzieren? Warum geht es nur noch darum, schöner, besser, stärker zu sein als der andere? Wieso zählt das am meisten? Das ist total traurig. Wenn man zu den Leuten nach Hause geht, sieht die Realität bei 95 Prozent von denen ganz anders aus. Die leben in einer Traumwelt, weil sie es von außen so gespiegelt bekommen. Das ist doch Bullshit und führt zu gar nichts.

Sind Sie trotzdem in den Sozialen Medien angemeldet?

Nerz: Ja, weil meine Teams das damals wollten. Aber ich war nie wirklich aktiv und nie der Typ, der versucht hat, möglichst viele Likes zu bekommen. Für was auch? Für mich ist es 1000 Mal wertvoller, wenn mir irgendjemand auf der Straße ein Kompliment macht als 20.000 Gefällt-mir-Angaben unter einem Bild. Diese Likes geben die Leute auch nur, um selbst wieder Likes zu bekommen. Für mich ist diese - Entschuldigung, wenn ich das so sage - ganze Social-Media-Scheiße reine Heuchelei.

Lassen Sie uns nochmal zurück zum Radsport kommen. Eine alles überschattende Thematik ist hier immer wieder Doping. Sind Sie selbst damit in Berührung gekommen?

Nerz: Vielleicht war ich da immer etwas zu blauäugig oder habe meine Augen vor gewissen Dingen verschlossen, aber ich habe nie direkt etwas mitbekommen. Ich will auch immer ehrlich sein und habe eine enge Verbundenheit zu meiner Heimatregion. Wenn ich gedopt hätte und das wäre herausgekommen, hätte ich mich dort nie wieder blicken lassen können. Das kam deshalb für mich nie infrage. Selbst in Italien, wo man viel Schlechtes hört, kam ich damit nie in Kontakt.

Dominik Nerz über seinen Rücktritt und die Zeit danach

Ende 2016 haben Sie Ihre Radsport-Karriere im Alter von nur 27 Jahren beendet. Wie kam es schlussendlich zu dieser Entscheidung?

Nerz: Nachdem ich mehrfach schwer gestürzt bin, hatte ich in dem Jahr eine Untersuchung in der Charite Berlin. Dort hat man mir gesagt, dass das mit dem Radsport nichts mehr wird. Ich habe zwar noch versucht, weiter zu machen und wollte den Ärzten beweisen, dass ich stark genug bin. Aber letztlich war das aussichtslos.

Wie waren die Reaktionen im Team, im privaten Umfeld, aber auch in der Öffentlichkeit?

Nerz: Im Team wusste jeder zu der Zeit, wie es um mich steht. Ich bin vorher quasi kein Rennen mehr zu Ende gefahren und war chronisch erschöpft, da war die Überraschung also nicht so groß. In meinem privaten Umfeld sowieso nicht. Nur für die Öffentlichkeit und meine kleine Fan-Base, die ich mir aufgebaut hatte, war es ein Schock. Da herrschte Bestürzung.

Würden Sie im Nachhinein sagen, dass der Schritt zu spät kam?

Nerz: Ich denke, mit gewissen Einschränkungen habe ich mich gerade noch im letzten Moment gerettet. Ich hätte mir einiges erspart, wenn ich all diese Erkenntnisse ein Jahr früher gehabt hätte. Auf der anderen Seite konnte ich von diesem schwierigen Weg auch einiges Positives mitnehmen und Dinge lernen, die mir heute noch helfen.

Bereuen Sie die Entscheidung, Profisportler geworden zu sein?

Nerz: Überhaupt nicht. Es gibt nur eine Sache, die ich bereue: Dass ich den Leuten, die mir nahe standen, sehr viel Kummer bereitet habe. Da war ich vielleicht ein bisschen zu selbstsüchtig.

Wie ging es nach Ihrem Karriereende weiter?

Nerz: Ich bin direkt danach in eine Klinik gegangen. Zuvor hatte ich mich immer gesträubt und das Training als Vorwand hergenommen, dort zeitlich gar nicht hin zu können. Mir einzugestehen, dass ich zu schwach war und es nicht selbst hinbekommen habe, war in gewisser Weise eine Erniedrigung. Jetzt hatte ich aber keine Ausrede mehr und musste in die Klinik gehen - im Endeffekt die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.

Trotzdem war der Weg zurück in den Alltag langwierig.

Nerz: Ja, die Nachwirkungen waren schon heftig. Das größte Problem war eigentlich, dass ich auf einmal so viel Zeit hatte. Ich musste erstmal wieder mit meinem Leben klarkommen. Ich habe nach der Klinik noch ambulante Therapien gemacht und mein eigenes Regenerationsprogramm erstellt, um meinen Körper abzutrainieren. Weil ich nicht mehr auf einem Rad sitzen wollte, bin ich ins Fitnessstudio gegangen.

Dominik Nerz: "Die Küche war meine endgültige Heilung"

Beruflich haben Sie anschließend verschiedene Dinge ausprobiert, zuletzt haben Sie zusammen mit Ihrer Mutter ein Restaurant am Bodensee betrieben und dort als Küchenchef gearbeitet.Wie kam das zustande?

Nerz: Dass ich mit meiner Mama zusammenarbeite, war eigentlich immer der Plan. Dass es mich in die Küche gezogen hat, war aber eher Zufall. Und für mich die endgültige Heilung, auch was das Thema Essen angeht. Ich kann meinen Gästen ja nichts anbieten, was ich vorher nicht probiert habe. (lacht)

Was kochen Sie am liebsten?

Nerz: Ich bevorzuge die traditionell österreichische Küche, hübsche die Gerichte aber auf und bringe sie in andere Formen. Letztlich sollen auf dem Teller Omas Gerichte neu interpretiert zu finden sein. Mein Anspruch ist es, die Leute zu überraschen. Aktuell habe ich aber eher anderes zu tun ...

Warum?

Dominik Nerz: Wir mussten unseren Betrieb leider kürzlich schließen, weil die Erbengemeinschaft, der das Haus gehörte, ausgetreten ist. Wir konnten nichts dafür, trotzdem ist das natürlich ein herber Schlag. Die Suche nach einem neuen Restaurant macht aber auch Spaß und gibt Einblicke in eine ganz andere Welt. Da lernt man viel in Sachen Management.

Viel Erfolg bei der Suche! Zum Abschluss noch eine Frage: Werden Sie die anstehende Tour de France verfolgen?

Nerz: Wahrscheinlich nicht, weil es mir schon noch schwerfällt, die ehemaligen Kollegen und das ganze Drumherum zu sehen. Das ist ein Reizpunkt für mich, der die Sehnsucht wachsen lässt und mich wieder zum Nachdenken bringt. Ich sehe mir die Bilder lieber nicht an, auch wenn es mich natürlich teilweise schon noch interessiert. Zum Glück gibt es das Internet, da kann man die Ergebnisse einfach nachlesen.

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