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Motorsport

Timo Glock im Interview: Lewis Hamilton? "Verrückt, wie man mit mir umgegangen ist"

Von Andreas Reiner
Timo Glock ging in 91 Formel-1-Rennen an den Start.

Wie sehr haben Ihnen Ihre Wurzeln bei Ihrer Karriere geholfen?

Glock: Sehr viel. Bis zu meiner Formel-3-Zeit stand ich bei meinem Vater, der Gerüstbauer ist, am Montagmorgen um 6 Uhr im Geschäft. Mit kleinen Augen zwar, aber trotzdem habe ich dann die ganze Woche hart gearbeitet. Egal, wo das Rennen war. Mein Vater sagte dann immer: ‚Wer Rennen fahren kann, kann auch arbeiten.' Auch wenn es am Lausitzring war und ich noch 700 Kilometer fahren musste. Das hat mich immer wieder auf den Boden zurückgebracht. Ich habe den Verlauf meiner Karriere nie als normal angesehen, immer mit dem Wissen im Kopf, dass es ein Geschenk ist, dass ich das machen darf.

Dabei sah es als Kind nicht gut aus. Wie haben Sie es geschafft, Ihre Mutter nach Ihrem Beinbruch beim Motocross noch vom Kartfahren zu überzeugen? Sie war ja strikt dagegen?!

Glock: Das hat ein paar Jahre gedauert. Das haben wir aber relativ geschickt gemacht. Mein Vater sagte vor meiner Konfirmation: Wenn ich genug Geld zusammenbekommen würde, könnte ich mir ein eigenes Kart kaufen. Meine Mutter ging davon aus, dass ich so viel Geld nie zusammenbekommen würde. Hinter ihrem Rücken hat mein Vater dann allerdings die Verwandtschaft angestiftet, etwas mehr zu geben. Am Sonntag habe ich dann mein Geld gezählt und mir am Montag das Kart gekauft. Da konnte meine Mutter nichts mehr sagen, sie hatte sich ja auf die Wette eingelassen.

Lerne etwas Ordentliches, sagen Mütter ja gerne. War die Tatsache, dass sie Gerüstbauer gelernt haben, ein Kompromiss für den Fall, dass es nichts wird mit der Rennfahrer-Karriere?

Glock: Nein, für mich gab es nie etwas anderes, als in der Firma meiner Eltern zu arbeiten und die Firma irgendwann zu übernehmen. Ich hatte mich ja sogar schon zu meiner Meisterprüfung angemeldet, ehe mein Vater sagte, dass könne ich auch später noch machen, ich solle doch erst einmal probieren, wie es mit dem Motorsport weitergeht. Ganz ehrlich: Ich hätte kein Problem damit, heute sofort wieder in meinen alten Beruf zurückzugehen.

Glock: "Mir ist das in die Hände gefallen"

Sie waren damals bei der Prüfung immerhin Jahrgangsbester im Kammerbezirk Ihrer Heimat im Odenwald...

Glock: Mir ist das in die Hände gefallen. Ein Vorteil: Seit meiner Kindheit war ich immer bei meinem Vater dabei, wenn er unterwegs war und von Baustelle zu Baustelle gefahren ist und habe dabei alles Wichtige mitbekommen und aufgesaugt. Ich hatte Spaß daran, für mich waren die Tage auch nie um 17 Uhr beendet. Ich habe mich bei der Prüfung deshalb nicht quälen müssen. Trotzdem war ich mega nervös mit einem Puls von 180. Wir mussten damals einen Würfel bauen. Als ich die letzte Schraube zugezogen habe, wusste ich: Das kann nur 100 Punkte geben. So war es dann auch.

Trotzdem sollte es dann die Rennfahrer-Karriere sein. Die 79.000 Mark Einschreibgebühren für die Formel ADAC haben die Handwerker-Kollegen Ihres Vaters mitbezahlt...

Glock: Wir hatten damals nicht die finanziellen Möglichkeiten und wussten, dass es nur über Sponsoren geht. Wir gründeten damals den Odenwald-Förderkreis und dazu gehörten auch Bekannte und Kollegen aus dem Umkreis. Sie haben mich unterstützt, und so haben wir die ersten beiden Jahre finanziert. Und zu dem einen oder anderen gibt es auch heute noch Kontakt.

Hätten Sie heute noch Chancen auf eine Rennfahrer-Karriere?

Glock: Heute wäre es nicht möglich mit den finanziellen Mitteln, denn inzwischen ist es gefühlt unbezahlbar. Heute braucht man schätzungsweise 750.000 Euro für eine Formel-3-Saison, wir haben damals zwischen 150.000 und 200.000 Euro bezahlt, was bereits verdammt viel Geld ist.

Ein Sieg blieb Ihnen in der Formel 1 verwehrt, Sie haben aber für einen Titelgewinn gesorgt. Stichwort 2. November 2008...

Glock: Da war ich in Brasilien, oder? (lacht)

Genau. Melden sich die Fans immer noch jedes Jahr aufs Neue, um sie Sie zu beschimpfen, dass Sie Lewis Hamilton zum Weltmeister gemacht haben? Er überholte Sie in der letzten Kurve des Rennens und hatte deshalb einen Punkt Vorsprung vor Felipe Massa...

Glock: Ich lache da inzwischen drüber. Es ist deutlich besser geworden, nachdem die Formel 1 vor ein paar Jahren die Onboard-Aufnahmen veröffentlicht hat. Darauf ist deutlich zu sehen, dass es unmöglich war, auf nasser Strecke mit den Trockenreifen schneller zu fahren. Fakt ist aber auch: Ich bin ein fester Teil der Formel-1-Geschichte.

Die Reaktionen damals hatten Sie extrem schockiert, Sie mussten unter anderem unter Polizeischutz zum Flughafen...

Glock: Ja, wie die Fans reagiert haben und wie man mit mir umgegangen ist - das war verrückt, das war ich nicht gewohnt und ich hätte nie gedacht, dass so etwas passieren kann. Nach ein paar Jahren ist das abgekühlt, weshalb es dann einfacher wurde, damit umzugehen. Ich dachte mir immer nur: ‚Haben die keine Augen im Kopf?' Wir hatten ja im Endeffekt alles richtig gemacht und uns sogar verbessert. Trotzdem werfen mir die Leute heute noch vor, dass ich Lewis Hamilton geholfen hätte, den Titel zu gewinnen.

Glock: "Die Zweifel überwiegen"

Nun steht ihre achte DTM-Saison steht vor der Tür: Wird es nach dem Audi-Ausstieg die letzte für die Serie sein?

Glock: Ich will es nicht herbeischreien, aber die Situation ist keine schöne und schwierig. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir einen Weg finden, um die Plattform am Leben zu halten.

Welche Option sehen Sie persönlich als realistisch an?

Glock: Eine Variante wäre es, wenn man eine Art Einheitsauto baut, wo jeder Hersteller nur noch seine Hülle drüber stülpen muss. Mehr in Richtung V8-Supercars. Heißt: Mehr Leistung, da können nochmal 100 PS rein. Dazu sollte man die Autos noch mehr vereinfachen, die ganzen Aeroteile können weg, die richtig Geld kosten. Das kann man deutlich vereinfachen, und die Autos werden deutlich anspruchsvoller. Du kannst so einfacheren und kostengünstigeren Motorsport bieten, mit immer noch einer guten Show. Aber natürlich ist das einfach daher gesagt, denn die Zeit ist zu kurz, um das umzusetzen. Die Zweifel überwiegen, weil ich weiß, wie schwierig die Situation der Wirtschaft durch die Coronakrise ist. Auch die Hersteller sind in einer schwierigen Situation.

2019 war für Sie eine Saison zum Vergessen. Für den Titelkampf 2020 haben Sie sogar Ihr Auto zurück auf Gelb lackieren lassen...

Glock: Ich bin sehr froh, dass das gelbe Auto mit einem neuen Partner zurück ist. (lacht) Es sieht mega gut aus. Ich hoffe, dass 2020 dann auch das Glück zurückkommt, das wir 2019 nicht im Ansatz hatten.

BMW war 2019 am Ende gegen Audi chancenlos. Wie gut ist BMW diesmal gerüstet?

Glock: Wir haben hart gearbeitet, viel analysiert und definitiv Verbesserungen am Auto erzielt. Audi hat aber sicher auch nicht Däumchen gedreht. Wir müssen jetzt sehen, ob die Verbesserungen gut genug sind. Wir haben einen Schritt nach vorne gemacht. Wir müssen jetzt hoffen, dass er groß genug ist.

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