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Leichtathletik

"Von vorne bis hinten hintergangen"

Von Interview: Frederick Müller
Fabienne Kohlmann will als saubere Athletin Zeichen setzen
© getty

Fabienne Kohlmann ist über 800 Meter in der Weltspitze angekommen. Erstmals seit zwölf Jahren schaffte eine deutsche Läuferin eine Zeit unter zwei Minuten. Im Gespräch mit SPOX kritisiert sie die mediale Aufmerksamkeit von König Fußball, rechnet mit gedopten Konkurrentinnen ab, stellt das Verhalten des Weltverbandes in Frage und erklärt, warum sie sich manchmal verschaukelt fühlt.

SPOX: Frau Kohlmann, auf Ihrer Homepage sieht man ein Bild von Ihnen, wie Sie als Teenager mit dem Speer hantieren. Wie weit ging es denn damals?

Fabienne Kohlmann (lacht): Ich glaube meine Bestleistung liegt bei 26,5 Meter.

SPOX: Wann haben Sie erkannt, dass das mit den Wurfdisziplinen doch nicht das Richtige ist?

Kohlmann: 2005 hab ich zum ersten Mal einen 400-Meter-Hürdenlauf gemacht, und der war direkt gut. Da deutete sich an, dass das in eine erfolgreichere Richtung geht. Davor bin ich aber auch schon recht erfolgreich 800 Meter gelaufen. Dass ich keine Werferin werde, war eigentlich von Anfang an klar.

SPOX: 2007 waren die Weichen für eine Karriere in der Weltspitze mit dem EM-Titel über 400 Meter Hürden bei den U20-Juniorinnen gestellt. Trotzdem dauerte es nochmal acht Jahre, bis Sie dort angekommen sind. Was ist seither passiert und warum läuft es nach Ihrem vergangenen Seuchenjahr so gut?

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Kohlmann: Die Frage muss ich mir auch immer wieder neu beantworten (lacht). Ich glaube, dass mein Trainer und ich sehr viel sehr gut gemacht haben, seit ich meine Verletzungen im Frühjahr endlich auskuriert habe. Wir versuchten nicht, die verlorene Zeit wieder einzuholen. Stattdessen achteten wir noch viel mehr auf die Qualität des Trainings. Auch die Pause an sich lüftete mir den Kopf durch.

SPOX: Und neuer Ehrgeiz ist dadurch auch entstanden?

Kohlmann: Ja, natürlich! Als ich wieder laufen konnte, dachte ich mir: So, jetzt machst du es richtig. Ich war wirklich dankbar. Als ich nach den ersten Schritten feststellte, dass es gut geht und ich schmerzfrei bin, war klar: Ich werde nie wieder mit meinem Trainer diskutieren, ob ich einen Lauf weniger machen kann. Ich bin dankbar für jeden Lauf. Wie kam ich jemals auf die Idee, weniger machen zu wollen?

SPOX: Bei der Universiade sind Sie kürzlich als erste Deutsche seit mehr als zehn Jahren unter zwei Minuten gelaufen. Wie kam es dazu?

Kohlmann: Ich ging in dieses Finale rein und sagte mir: Jetzt kommt die Bestzeit. Während des Laufs und auch beim Endspurt hab ich immer mal wieder auf die Uhr gelinst und festgestellt: Die Zeit ist gut, mit der Zeit kann ich das schaffen. Ich fühlte mich so schnell, das konnte gar nicht über zwei Minuten gewesen sein. Das Gefühl hat mich zum Glück nicht getäuscht.

SPOX: Am Ende war es Bronze in 1:59,54 Minuten und das Ticket für die WM in Peking.

Kohlmann: Ich hatte in dem Moment das Gefühl, als hätte ich gerade einen Baum ausgerissen. Ich hatte etwas geschafft, das ich lange für unerreichbar hielt. Und auf einmal sieht die Welt ganz anders aus.

SPOX: Und damit war der Knoten geplatzt. In Bellinzona und Nürnberg sind Sie direkt wieder unter zwei Minuten geblieben. Wird das jetzt zur Norm?

Kohlmann: Ich gehe jetzt anders in meine Läufe, weil ich weiß, was ich kann. Erst recht, wenn ich mir vor Augen führe, in welchem Zustand ich beim ersten Mal die zwei Minuten gelaufen bin. Bei der Universiade hatte ich ja schon zwei Vorläufe in den Beinen und war dementsprechend müde. Wenn ich jetzt an den Start gehe, denke ich mir immer: Wenn du es damals geschafft hast, dann heute erst recht.

SPOX: Der Weltrekord datiert von 1983 und liegt bei 1:53,28 Minuten, der deutsche Rekord ist ebenfalls schon 28 Jahre alt. Wieso ist es so schwer, da ran zu kommen?

Kohlmann: (lacht) Das weiß ich leider auch nicht. Vielleicht haben die damals besser, mehr oder anders trainiert. Fakt ist: Die 1:53,28 sind wirklich wahnsinnig schnell. Ich frage mich, wie lange ein Rekord unangefochten stehen bleiben muss, bis man sich die Frage stellt, was hinter diesem Rekord steckt. Offensichtlich sind 30 Jahre nicht genug. Vielleicht stellt man sich in 50 Jahren mal die Frage.

SPOX: Trotzdem sind es "nur" fünf Sekunden Unterschied, wie Außenstehende gerne flapsig sagen. Aber wie viel sind fünf Sekunden in Wahrheit und wie schwer ist es, jede einzelne Sekunde aufzuholen?

Kohlmann: Das hängt von der Disziplin ab: Wären wir jetzt beim Marathon, wären fünf Sekunden überhaupt nichts, beim 100-Meter-Sprint ist es der Unterschied zwischen Bundesjugendspielen und Weltspitze. Eine Sekunde hat je nach Länge der Disziplin eine unterschiedliche Bedeutung. Und fünf Sekunden über 800 Meter herauszulaufen, ist schon eine kleine Welt. Ich wüsste jetzt auf Anhieb nicht, wo ich bei meinem Lauf nochmal fünf Sekunden herholen soll.

SPOX: Eine Ihrer Stärken ist der Kopf, was mit an Ihrem Psychologiestudium liegt. Wie vereinbart sich eigentlich Universität und Leistungssport? Was ist Ihnen wichtiger?

Kohlmann: Genau diese Frage stellte ich mir zum Anfang meines Studiums. Ich musste meine Zeit von Anfang an einteilen: Wieviel gestehe ich der Uni zu und wieviel trainiere ich? Ich habe dann beschlossen, dass ich mich als Leistungssportlerin sehe, die studiert und nicht als Studentin, die Leistungssport betreibt. Theoretisch kann ich auch in zehn Jahren noch studieren, während mein Sport nach oben begrenzt ist. Deswegen muss ich die Zeit, die ich jetzt habe, nutzen. Trotzdem darf ich das Studium aber nicht aus den Augen verlieren. Wenn ich irgendwann keinen Sport mehr machen kann, will ich nicht noch Jahre in eine Ausbildung investieren, sondern beruflich einsteigen. Denn ausgesorgt hat man als Leichtathletin leider nicht.

SPOX: Ist darüber hinaus an ein Studentenleben, wie man es kennt, überhaupt zu denken?

Kohlmann: Jein. Ich habe tatsächlich auch Freizeit (lacht). Aber die hat natürlich einen anderen Umfang als die meiner Mitstudenten. Das typische Studentenleben habe ich nicht mitgemacht, da ich es mir körperlich nicht leisten kann, nachts ständig auf Achse zu sein. Trotz allem feiere ich natürlich gerne und bin ein lebensfroher Mensch. Aber ich muss eben immer abwägen.

SPOX: Auch mit Hinblick auf die WM in Peking. Welche Erwartungen haben Sie?

Kohlmann: Ich möchte mit einer Bestleistung nach Hause fahren. Und nach aktuellem Stand würde mich eine neue Bestleistung ins Finale bringen. Damit liebäugle ich schon.

Seite 1: Kohlmann über ein Seuchenjahr, fragwürdige Rekorde und die WM

Seite 2: Kohlmann über Olympia, zu viel Fußball und die Dopingproblematik

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