Boxen

Agit Kabayel im Interview: Tyson Fury vs. Anthony Joshua? "Du würdest Wembley dreimal voll bekommen"

Von Carl Neidhardt
Tyson Fury ist nach dem Sieg gegen Deontay Wilder die klare Nummer eins im Schwergewicht.

Tyson Fury hat das Schwergewichtsboxen mit seinem monumentalen Triumph gegen Deontay Wilder in Las Vegas durchgeschüttelt. Der ehemalige Schwergewichts-Europameister und DAZN-Experte Agit Kabayel spricht im Interview über Furys Erfolg, die neue Hackordnung im Schwergewicht und den mit Spannung erwarteten Traum-Fight.

Agit, wie ist Ihre Einschätzung zu Furys beeindruckendem Sieg?

Agit Kabayel: Ich wusste, dass Tyson Fury gewinnen würde. Er ist einfach der bessere Boxer und hat alles richtig gemacht. Im Vorfeld wurde viel spekuliert, ob ihm der Trainerwechsel zu Sugar Hill schaden würde. Jetzt hat jeder gesehen, dass sich alles voll ausgezahlt hat. Fury hatte den perfekten Gameplan. Er hat im Gegensatz zum ersten Kampf von der ersten Runde an Druck gemacht und ist in die Offensive gegangen. Er hat es perfekt gemacht. Es war von Anfang an zu erkennen, dass Fury ganz genau weiß, was er zu tun hat. Mir war sofort klar, dass der Kampf nicht so lange gehen kann, wenn Fury das so durchzieht.

Wie entscheidend war der Treffer Furys aufs Trommelfell von Wilder?

Kabayel: Sehr entscheidend, ganz klar. Wilder hat stark aus dem Ohr geblutet und man hat gesehen, wie er ängstlicher geworden ist. Nach jedem guten Jab von Fury hat er gewackelt und die Augen verdreht. Er wusste gar nicht mehr, wie er in den Kampf finden soll. Er hat zwar mal versucht, mit Gewalt die Rechte rauszuhauen, aber ihm haben komplett die Mittel gefehlt.

Agit Kabayel: "Fury ist jetzt klar die Nummer eins"

Also war es dann nur folgerichtig, dass seine Ecke in Runde sieben das Handtuch warf?

Kabayel: Definitiv. Ich hätte den Kampf schon vorher abgebrochen. Wilder war nicht mehr kampfbereit. Er hat nur noch reagiert. Wenn man sich die letzte Aktion nochmal anschaut: Fury trifft ihn klar und Wilder ist gar nicht mehr da - das sieht man richtig in seinen Augen. Er hat zwar noch mit dem Ringrichter geredet, aber es war die richtige Entscheidung seiner Ecke. Vergiss alle Titel, die Gesundheit ist das Wichtigste.

Tyson Fury ist nach diesem Hammer-Sieg nun klar die Nummer eins im Schwergewicht, oder?

Kabayel: Ja, Fury ist jetzt klar die Nummer eins. Der Junge kann einfach boxen. Er hat Kraft, er ist groß und nutzt seine Reichweitenvorteile sehr gut aus. Ich habe mit fast allen der Top-Leute schon Sparring gemacht und stand mit ihnen im Ring. Das Besondere an Fury ist, dass du ihn einfach nicht lesen kannst. Er kann von Kampf zu Kampf seinen Stil verändern. Mal ist er im Rückwärtsgang, mal macht er sofort Druck. Wenn Fury morgen gegen Joshua kämpfen würde, weiß niemand, wie er boxen wird. Diese Unberechenbarkeit ist eine große Stärke.

Wie sehen Sie denn die Chancen auf einen Fight zwischen Fury und AJ? Oder sehen wir eher Fury vs. Wilder III?

Kabayel: Gut möglich, dass wir einen dritten Kampf sehen werden. Er ist aktuell realistischer als der Kampf gegen AJ. Eine Trilogie wäre schön, auch wenn ich sagen muss, dass klar wäre, wer gewinnt. Fury würde wieder gegen Wilder gewinnen - und wieder vorzeitig. Fury weiß jetzt genau, wie er Wilder packen kann. Und für Wilder ist es extrem schwierig. Du kannst in einem halben Jahr nicht das Boxen neu erlernen, er wird dann nicht plötzlich mit dem passenden Gameplan für Fury ankommen.

Agit Kabayel: "Fury ist und bleibt eine Wundertüte"

Alle Box-Fans würden sich natürlich den Kampf zwischen Fury und Joshua wünschen, in dem es um alles geht. Meinen Sie, dass es ehrliche Bestrebungen geben wird, den Kampf zustande zu bekommen?

Kabayel: Das weiß ich nicht. Als Boxer und Box-Fan wünsche ich mir diesen Kampf natürlich auch. Für diesen Fight könntest du das Wembley Stadium dreimal voll bekommen. Die ganze Welt würde diesen Kampf sehen wollen. Dieser Fight wäre sehr interessant. Komischerweise hat Eddie Hearn (Manager von Anthony Joshua, Anm. d. Red.) jetzt nach Furys Sieg schneller reagiert als AJ selbst. Ich glaube, Eddie Hearn will diesen Kampf mehr als AJ. Joshua hat mit dem Kampf gegen Kubrat Pulev auch erstmal eine andere Aufgabe vor der Brust.

Was erwarten Sie vom Pulev-Kampf, den Joshua wohl im Juni im Tottenham-Stadion bestreiten wird?

Kabayel: Generell kann im Schwergewicht alles passieren. Es ist immer gefährlich. Vor dem ersten Kampf von AJ gegen Andy Ruiz hat sich auch jeder gefragt, wer denn der Dicke ist. Joshua muss aufpassen, aber auf der anderen Seite ist Pulev mit 38 Jahren inzwischen zu alt. Vor fünf Jahren wäre es vielleicht ein spannender Fight auf Augenhöhe gewesen, aber so sind Pulevs Chancen sehr gering.

Zum Abschluss nochmal zurück zu Tyson Fury, der in seiner Karriere erneut ganz oben angekommen ist. Als der Gipsy King das letzte Mal der König der Szene war, folgte der Totalabsturz. Könnte das wieder passieren?

Kabayel: Wir wissen es alle nicht. Du kannst nicht in den Kopf eines Menschen hineinschauen. Vielleicht spornt dieser Sieg Fury noch mehr an und er will jetzt wirklich alle WM-Titel in seinen Besitz bringen. Ich denke schon, dass er jetzt weiter Gas geben wird, aber er ist und bleibt eine Wundertüte. Es kann alles passieren bei ihm.

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