Boxen

Ruiz vs. Joshua: WM-Rückkampf zwischen Spektakel und Sportwashing

SID
Am Samstagabend steigt zwischen Joshua und Ruiz der lang ersehnte Rückkampf.

Zum Jahresende bietet das Schwergewichtsboxen ein Highlight: Beim WM-Rückkampf zwischen Weltmeister Andy Ruiz jr. und Herausforderer Anthony Joshua in Saudi-Arabien stehen beide Boxer unter einem enormen Druck - und die Sportart im Zwielicht.

Das Ballyhoo vor dem "Clash of the Dunes" setzte Anthony Joshua in den Sand. Beim obligatorischen Stare-down lächelte der Herausforderer leicht nervös auf den um einen halben Kopf kleineren Weltmeister Andy Ruiz jr. herunter, und statt des von vielen Fans erhofften Trash-Talks übertrieb es der Brite fast mit seiner Höflichkeit.

"Also, was ist die richtige Taktik, um dich zu schlagen?", fragte Joshua im netten Plauderton allen Ernstes den Mann, der ihm vor einem halben Jahr vor den Augen der gesamten Boxwelt gedemütigt und drei der vier wichtigsten Weltmeister-Gürtel abgenommen hatte. Ruiz lächelte und antwortete cool: "Keine Ahnung, boxe mich einfach herum."

Ruiz vs. Joshua: Scharfe Kritik am Austragungsort

Für die Joshua-Fans bleibt zu hoffen, dass ihr Liebling im Ring seine ungewohnte Rolle als Herausforderer beim WM-Rückkampf am Samstag (gegen 21.45 Uhr MEZ live auf DAZN) besser beherrscht. Das wünschen sich auch die saudischen Gastgeber in Diriyya, einem Vorort der Hauptstadt Riad. Schließlich soll Kronprinz Mohammed bin Salman rund 100 Millionen Dollar (etwa 90 Millionen Euro) für das Spektakel bezahlt haben.

Wegen des aus Menschenrechtslage höchst fragwürdigen Austragungsortes hagelte es Kritik, Amnesty International nannte das "Sportswashing", wie sportliche Großereignisse zu PR-Zwecken bezeichnet werden, als "katastrophal". Doch Geld regiert auch im Boxen die Welt, und so versprach Joshua-Promoter Eddie Hearn der Königsfamilie, der "Clash of the Dunes" werde genau wie der "Rumble in the Jungle" (Muhammad Ali vs. George Foreman) und der "Thrilla in Manila" (Muhammad Ali vs. Joe Frazier) in die Geschichte eingehen. Ohne leichtbegleidete Nummern-Girls, versteht sich.

Von der Riesensumme streicht Joshua mit geschätzten 60 Millionen Dollar den Bärenanteil ein, doch es könnte der vorerst letzte große Zahltag für ihn sein. Eine zweite Niederlage gegen den nach wie vor pummeligen US-Amerikaner Ruiz würde das Bild, dass sich der Box-Adonis in den 22 unbesiegten Kämpfen zuvor erarbeitet hatte, endgültig zerstören. Er setze sich selbst stark unter Druck, "weil ich mental und körperlich so hart gearbeitet habe", sagte der 30-Jährige, "um ganz oben zu stehen."

Doch auch Ruiz spürt Druck. Sein schillerndes Leben als Boxchampion, das er mit dem Kauf von Luxusautos gerne nach Außen trägt, könnte mit einem Schlag wieder vorbei sein. "Ich will diese wunderschönen Gürtel nicht abgeben", sagte der Weltmeister der Verbände IBF, WBO und WBA. Und er will kein "One-Hit-Wonder" sein wie einst James "Buster" Douglas nach dessem Sieg 1990 gegen Mike Tyson.

Andy Ruiz: "Bin bereit für Rock 'n' Roll"

Im ersten Kampf am 1. Juni im Madison Square Garden hatte der kurzfristig eingesprungene Boxer mit mexikanischen Wurzeln bewiesen, dass man ihn trotz seines beachtlichen Bauchumfangs nicht unterschätzen sollte. Der Mann, der als Kind vom Vater für gutes Training mit Schokoriegeln belohnt wurde, muss nun aber beweisen, dass sein Wille, den Boxthron zu verteidigen, genauso groß ist, wie ihn zu besteigen. "Ich bin bereit für Rock 'n' Roll", versprach Ruiz den Fans - und natürlich dem Gastgeber.

Ein Mitglied der Herrscherdynastie lässt sich nach dem Kampf den Ring zu Hause als Trophäe hinstellen. "Es muss in seinem Palast sein, komplett mit Blut", sagte Mike Goodall, dessen Firma den Ring hergestellt hat, der BBC: "Alles, was drauf ist, will er." Der erste WM-Kampf zweier Schwergewichtsboxer im Nahen Osten ist reichlich bizarr, sportlich aber ein absolutes Highlight.

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