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"Ich biete David Haye meine Hilfe an"

Von Für SPOX in London: Haruka Gruber
SPOX-Chefreporter Haruka Gruber traf Lennox Lewis bei den Laureus World Sports Awards
© spox

SPOX: Wie würden Sie ihn bereit machen?

Lewis: Als erstes sollte er sich mit seiner Fan-Base versöhnen. Sie sind alle noch enttäuscht, daher wäre es ratsam, erst einmal gegen kleinere Gegner zu kämpfen und sie überzeugend zu besiegen. So kann er Unterstützung bei den Fans und für sich Selbstvertrauen aufbauen. Sofort gegen den großen Klitschko zu kämpfen, macht keinen Sinn.

SPOX: Und boxerisch?

Lewis: Ihm muss als erstes klar sein, dass es nichts bringt, ihn nur für einen Kampf zu trainieren. Das wäre so, als ob man in kürzester Zeit einem alten Hund neue Tricks beibringen wollen würde. Das funktioniert nicht. Bei Haye haben sich Routinen eingeschliffen. Ich könnte ihm sagen, was ich will, aber nach dem ersten Punch vom großen Klitschko wäre er so durcheinander, dass er in die Ecke flüchtet und einfach wieder zu dem zurückkehrt, was ihm sein Grundschullehrer gezeigt hat. Um das zu verhindern, muss man länger zusammenarbeiten.

SPOX: Würde es zu Ihrem Programm mit Haye gehören, ihn abzuhärten? Nach der Niederlage gegen Wladimir klagte er unter anderem über einen gebrochenen Zeh.

Lewis: Ein Beispiel: Es regnet draußen und dein Auto geht kaputt. Du steigst mit einem Schirm in der Hand aus und versuchst, mit der anderen Hand das Auto anzuschieben. Das geht nicht. Deswegen musst du den Schirm loslassen, um mit beiden Händen anzuschieben - auch wenn du nass wirst. Haye muss mal in einem Kampf die Bereitschaft zeigen, nass zu werden. Er muss mal in die Gefahrenzone gehen. Ich habe mit gebrochenem Handgelenk oder verletztem Knöchel gekämpft und gewonnen. Was am Ende zählt, ist nicht das Talent, sondern das Herz. Haye muss verstehen, dass ihn die Niederlage weiterbringt, wenn er die Einsicht zeigt. Ich wurde durch meine beiden Niederlagen zu einem besseren Menschen.

SPOX: Haye war prädestiniert dafür, mit seiner extrovertierten Art dem darbenden Schwergewicht etwas Leben einzuhauchen. Wie geht es weiter?

Lewis: Das Schwergewicht ist auf einem Tiefpunkt - und ich sehe erstmal keine Besserung. Wo sind die großen Jungs, die Big Guys? Wo sind die Nachwuchsförderprogramme, um schon im Amateurbereich Schwergewichtler zu formen? Es gibt keine - egal ob in den USA, Großbritannien oder Deutschland. Irgendwann muss ein Star aus dem Nichts auftauchen, so wie ein Vulkan irgendwann ausbricht. Nur: Auf den Ausbruch warten wir seit langer, langer Zeit. Wenn man die Leute danach fragt, welchem Kampf sie entgegenfiebern, hört man Floyd Mayweather gegen Manny Pacquiao. Beides sind Leichtgewichte. Leichtgewichte! Das kann doch nicht sein. Der Maßstab sollte das Schwergewicht sein und nichts anderes.

SPOX: Warum haben Sie keine Hoffnung auf Besserung?

Lewis: In den vergangenen Jahrzehnten gab es großartige Blütephasen. Die größte Ära war die von Muhammad Ali, danach kam die Ära von Larry Holmes. Meine Ära war auch ziemlich gut mit mir, Mike Tyson, Evander Holyfield, Riddick Bowe. Das große Problem jedoch: Von Ära zu Ära scheint die boxerische Klasse abzunehmen. Das Resultat sehen wir heute: Wen gibt es? Die beiden Brüder aus der Ukraine, sonst nichts.

SPOX: Ist die Ausnahmestellung der Klitschkos tatsächlich so schlimm?

Lewis: Wenn sie Tennis spielen würde, wäre es nicht so schlimm. Dann treffen eben die zwei besten Tennisspieler in jedem Finale aufeinander. Aber im Boxen? Hier geht es darum, den King of the Hill, den König unter den Königen zu finden. Stattdessen weigern sich die beiden, gegeneinander anzutreten. Damit entwerten sie auf eine gewisse Art das Boxen an sich. Wir wollen einen Champion sehen und nicht zwei Typen, die sich die Titel untereinander aufteilen.

SPOX: Immerhin haben sich die Klitschkos ihre Titel hart erarbeitet.

Lewis: Nein, das stimmt so nicht. Was ich schade finde: Sie müssen nicht alles geben. Ich bin früher für zwei Monate ins Trainingscamp gefahren und habe alles gegeben. Für Ali oder Joe Frazier waren die Camps fast die Hölle, weil sie es so ernst nahmen. Den Klitschkos hingegen reicht mittlerweile ein Monat, weil sie wissen, dass die meisten Kämpfe nur über fünf Runden gehen. Wenn dann die Kondition nachlässt, geben sie ein bisschen Gas. So nach dem Motto: "Danke für das Geld, aber ich gehe jetzt nach Hause." Ich habe den Eindruck, dass sie das Training nicht ernst nehmen.

SPOX: Immer wieder gibt es Gerüchte darüber, dass Sie mit 46 Jahren ein Comeback starten könnten, um die Klitschko-Dominanz zu brechen. Ist da was dran?

Lewis: Ich weiß genau: Wenn ich morgen verkünden würde, dass ich zurückkehre, würde man nur ein Geräusch hören: Boom! Die Box-Welt würde beben. Ich höre immer wieder, dass die Klitschkos keine Konkurrenz hätten und ich der einzige wäre, der sie schlagen könnte. Aber dennoch muss ich mitteilen: Nein, ein Comeback kommt nicht in Frage.

SPOX: Wirklich nicht?

Lewis: Wirklich nicht.

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