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Basketball

BBL - Towers-Coach Pedro Calles im Interview: "Als Kind wollte ich immer beim Underdog sein"

Von Ulli Ludwig

Neben Ihrem Teamgedanken sind Sie auch bekannt für einen asketischen Lebensstil. Erzählen Sie.

Calles: Seit der Geburt meiner beiden Kinder musste ich die Routine etwas zurückfahren. Dennoch versuche ich, was Hausarbeit oder Hobbys angeht, sehr diszipliniert zu leben.

Inwieweit beeinflusst das Ihren Alltag?

Calles: Zuallererst lebe ich nicht in der Stadt, ich versuche immer einen Wohnort auf dem Land zu finden. Wir als Familie wollen regelmäßig Zeit in der Natur verbringen. Wir leben außerhalb von Hamburg in einem großen Waldgebiet. Ich habe viel Zeit mit meinem Hund verbracht, fahre viel Fahrrad, gehe Joggen oder Spazieren. Ich verbringe gerne Zeit mit mir selbst. Auch indem ich versuche, viel nachzudenken und mir und meinem Körper zuzuhören, anstatt mit Leuten zu sprechen. Ich bereite mich sehr strukturiert auf den nächsten Tag vor und reflektiere, was ich mache.

Hat dieser Lebensstil auch Auswirkungen auf Ihre Sportkarriere?

Calles: Das kann ich nicht einschätzen. In jedem Fall bewahrt es mich vor Sozialen Netzwerken oder unzähligen Anrufen. Ich muss mich nicht ständig damit beschäftigen, was die Leute über mich denken, ich muss auch nicht immer erreichbar zu sein.

Sie begleiteten die Hamburg Towers 2020 in die zweite BBL-Saison. Ein junges, hippes Projekt mit einem jungen, hungrigen Trainer. Passt das?

Calles: Ich kam hierher mit einem Zweijahresvertrag, hatte aber nie die Mentalität, nur zwei Jahre zu bleiben. Wir haben gemeinsam etwas erreicht. Die Corona-Situation hat natürlich vieles verändert, ich sehe aber eine großartige Zukunft für diesen Klub.

Am Anfang stand bei den Towers die Idee, mit Sport Gutes zu tun. Die Kids von der Straße zu holen, Perspektive zu schaffen, einer Vision zu folgen. Wie viel ist davon heute noch übrig?

Calles: Im Klub an sich ist davon noch viel übrig. Auch während der Corona-Zeit haben wir versucht, digital den Kontakt zu den Kindern zu halten. Durch unsere Europacup-Teilnahme in diesem Jahr und den vollen Spielplan hatten wir als erste Mannschaft kaum die Möglichkeit, an den einzelnen Events teilzunehmen. Aber die Identität oder die Kultur dieses Klubs ist trotz der Professionalisierung noch sehr ähnlich wie zur Gründungszeit.

Welches Potenzial haben die Hamburg Towers in einer so sportverrückten Stadt wie Hamburg?

Calles: In Hamburg gibt es nicht nur Fußball, sondern auch Hockey, Handball, Leichtathletik, Basketball und vieles mehr. Dafür bietet diese riesige Stadt auch genügend Platz. Ich sehe die anderen Klubs dieser Stadt nicht als Konkurrenten, sondern ich denke, wir könnten Wege finden, um zu kooperieren und damit die Hamburger Community zu stärken.

Sehen Sie sich selbst als Teil dieser Vereins-Philosophie oder sind sie "nur" als Trainer angestellt?

Calles: Keinesfalls nur als Angestellter. Als Trainer sollte man für seinen Klub leben, bluten und mitfühlen. Sonst holst du nicht das Beste aus deinem Team heraus. Ich weiß auch, dass ich eine wichtige Rolle in diesem Verein spiele, da die erste Mannschaft der Motor des gesamten Klubs ist. Deshalb stecke ich viel Herzblut in meine Arbeit.

Towers-Spieler Justus Hollatz hat sich in diesem Jahr erneut für den NBA-Draft angemeldet. Was hat er, was andere potenzielle NBA-Talente nicht haben?

Calles: Er ist ein junger Spieler, der in den vergangenen zwei Jahren einen großen Schritt nach vorn gemacht hat. Die Kombination aus seinen Fähigkeiten und seiner Größe hat die Aufmerksamkeit von zahlreichen Scouts und Klubs auf sich gezogen.

Wie würden Sie seine Arbeitseinstellung beschreiben?

Calles: Er ist sehr professionell. Er hat viel dazugelernt und verstanden, was es braucht, um auf einem professionellen Level in dieser Liga zu arbeiten. Dass er jederzeit hungrig bleiben muss, egal was passiert. Dass er sich nicht treiben lassen oder auf seiner bisherigen Entwicklung ausruhen kann.

Wie tritt er abseits des Platzes auf?

Calles: Ich kannte ihn nicht, bevor ich hier angefangen habe. Ich habe nur gehört, dass er ein introvertierter und eher ruhiger Spieler sei. Ich folge ihm jetzt nicht von der Halle bis nach Hause, habe aber über die Jahre mitbekommen, dass er deutlich offener geworden ist und mehr mit den Menschen interagiert.

Haben Sie eine besondere Erfahrung mit ihm gemacht?

Calles: Ja, ich habe einen besonderen Moment mit ihm erlebt. Zu Beginn der vergangenen Saison hatte ich eine sehr persönliche Unterhaltung mit ihm, die mir sehr geholfen hat. Den Inhalt des Gesprächs würde ich aber gerne für mich behalten.

In der BBL kämpfen Sie um die Playoffs, im EuroCup spielen Sie in der Finalrunde. Wie würden Sie die bisherige Saison einschätzen?

Calles: Komplett zufrieden bin ich nie. Denn komplette Zufriedenheit ist der erste Schritt vor dem Fall. Dennoch muss ich meinem Team sehr viel Respekt zollen, da es in dieser Saison in zwei verschiedenen Wettbewerben unterwegs ist.

Schauen wir noch einmal auf Ihre Anfänge zurück: Als Assistent von Pablo Prigioni waren sie 2019 in der Summer League für die Minnesota Timberwolves tätig. Was war das für eine Zeit?

Calles: Das war direkt nach meiner ersten Saison als Cheftrainer. Ich wusste nicht genau, woher sie meine Nummer hatten, ich glaube aber, dass das über Chris Fleming lief, mit dem ich früher zusammengearbeitet habe. Man bekommt einen Vorgeschmack von dem, was in der NBA abgeht. Am meisten hat mir imponiert, wie tief die US-Amerikaner beim Basketball ins Detail gehen. Sie achten auf jede kleinste Entwicklung. Sie öffnen ihre Türen für Ausländer, sind extrem freundlich. Außerdem wissen sie viel mehr über den europäischen Basketball, als man sonst immer denkt. US-Amerikaner schätzen den europäischen Basketball sehr. Wir können sehr viel von ihnen lernen.

Wie meinen Sie das?

Calles: Sie erledigen ihre Hausaufgaben. Sie kontrollieren ihre Spieler sehr akribisch, beobachten ihre Trainer. Sie kennen die ACB, sie kennen die BBL. Sie kennen Namen deutscher Spieler, die einige von uns nicht auf dem Schirm haben. Die gesamte Organisation, egal, ob GMs, CEOs oder Coaches arbeiten sehr detailliert. Jede Minute des Tages ist durchgeplant. Und da haben wir noch gar nicht über das Training gesprochen.

Welchen Eindruck hat diese Zeit auf Sie gemacht?

Calles: Für mich war das sehr prägend. Ich war zum ersten Mal in den USA, die Summer League war damals in Las Vegas. Für mich war das ein Kulturschock. Diesen Lebensstil kannte ich vorher so nicht. Ich bin aber auch nicht so die Party-Person.

Werden wir Sie jemals in der NBA sehen?

Calles: Vielleicht als Fan, in einer der Arenen. (lacht) Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es ist nicht mein großes Karriereziel, als NBA-Coach an der Seitenlinie zu stehen. Das allein würde mich nicht glücklich machen. Mich machen viele verschiedene Dinge glücklich.

Pedro Calles: Trainerprofil

Geburtsdaten24. August 1983 in Cordoba (Spanien)
Größe1,92 Meter
StationenPlasencia Extremadura (2010-2012), Artland Dragons (2012-2015), Rasta Vechta (2015-2020), Hamburg Towers (2020-2022)
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