"Die Bayern gehen auf die Nerven"

Hohe Ziele: Andrea Trinchieri will mit Bamberg zurück an die Spitze
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SPOX: Es bleibt ein Nachgeschmack über das Gebaren im Zuge der Fleming-Entlassung. Ulms Trainer Thorsten Leibenath zeigte sich solidarisch und sagte, dass er einen Wechsel nach Bamberg "unter keinen Umständen" in Betracht gezogen hätte. Seine Erklärung: "Ich bin zutiefst entsetzt über die Art und Weise, wie mit Chris Fleming und Wolfgang Heyder umgegangen wurde."

Trinchieri: Ich kenne Thorsten sehr gut, seit er vor einigen Jahren nach Cantu kam, um das Training zu beobachten. Ich schätze ihn sehr als Trainer und als Mensch. Dennoch möchte ich das Thema nicht kommentieren. Es steht mir nicht zu, über Vorfälle öffentlich zu urteilen, die ich nicht selbst erlebt habe. Es ist einfach nicht höflich. Ich wollte einen kompletten Neustart und ich sprach mit Herrn Stoschek über alle Themen und wir fanden eine gemeinsame Basis. Das ist entscheidend.

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SPOX: Wenn Sie eine gemeinsame Basis gefunden haben: Wie lauten denn die gemeinsamen Ziele für die kommende Saison? Wenn Stoschek die deutsche Meisterschaft erwartet, dürfte das nicht verwundern.

Trinchieri: Ich kenne die Regeln des Basketballs zu gut, um offen darüber zu sprechen. Im Juni ist es immer einfach, über gemeinsame Ziele zu sprechen. Im Juli und im August ist es immer noch relativ einfach. Im September wird es schon haarig. Und im Oktober ist die Zeit für eine schonungslose Bestandaufnahme gekommen, ob die gemeinsamen Ziele auch realistische Ziele sind. Wir verpflichten einen fast komplett neuen Kader, daher werden Rückschläge kommen. Die Frage wird sein, wie wir mit den Rückschlägen umgehen. Dann werden wir sehen, wie wertvoll die gemeinsame Basis ist. (lacht)

SPOX: Obwohl Bamberg hinter den Bayern über den größten Etat der BBL verfügt, hätten Sie es in Kasan einfacher gehabt, eine gute Mannschaft zusammenzustellen.

Trinchieri: Mir lag von Kasan ein sehr gutes, sehr lukratives Angebot vor, um zu bleiben.

SPOX: Warum haben Sie sich dagegen entschieden? Sie hatten sofort Erfolg, führten Kasan mit der statistisch besten Defense aller Zeiten ins Eurocup-Finale, gewannen den russischen Pokal, pflanzten der Mannschaft eine kollektive Identität ein und stellten so die Bosse sehr zufrieden.

Trinchieri: Im Moment der Entscheidung habe ich mir die gleiche Frage gestellt - und sie mit "Nein" beantwortet. Es fühlte sich nicht richtig an. Nach dem ersten Jahr in Kasan wäre es mir wichtig gewesen, dass wir dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Ein paar Spieler behalten, Strukturen verbessern, eine gemeinsame Vision entwickeln. Nur: In Bamberg machen die Spielergehälter ungefähr 50 Prozent des gesamten Budgets aus, in Kasan sind es 90 Prozent. Das ist nichts, was nachhaltig sein kann, egal wie sehr sich alle bemühen.

SPOX: Stattdessen kehren Sie zu Ihren Wurzeln zurück: Bamberg erinnert vom beschaulichen Stadtbild und der Basketball-Tradition an Cantu, wo Sie zwischen 2009 und 2013 große Erfolge feierten. Oder ist der Vergleich zu offensichtlich?

Trinchieri: Ich mag es per se nicht, wenn etwas offensichtlich ist. Gemein haben Cantu und Bamberg die Passion für den Basketball und die überschaubare Größe der Stadt. Davon abgesehen ist Bamberg kein Abklatsch, sondern besitzt eine eigene Trademark - die allerdings ein bisschen aufgeweicht wurde. Daher wollen wir wieder dahinkommen, wo wir einmal waren, und zum Bamberg-Basketball zurückfinden: Jeder Spieler soll über die eigenen Grenzen hinausgehen und nach der Schlusssirene den Schweiß und das Blut mit dem roten Brose-Baskets-Trikot abwischen und erhobenen Hauptes den Court verlassen.

SPOX: Sie bezeichnen San Antonios Meistertrainer Gregg Popovich als den besten Basketball-Coach der Welt, dessen Rollenverteilung innerhalb eines Teams beispielhaft sei: Mit Tony Parker, Tim Duncan und Manu Ginobili besitzt er drei zentrale Spieler, um die er neun Ergänzungsspieler versammelt, die jeweils genau ihre Aufgaben kennen. Wen planen Sie in Bamberg als Ihre drei zentralen Spieler ein?

Trinchieri: Ich weiß es noch nicht, aber einer von den dreien wird definitiv ein junger Spieler sein.

SPOX: Elias Harris und Maik Zirbes, die beiden deutschen Nationalspieler, enttäuschten. Haben sich beide damit für eine tragende Rolle disqualifiziert?

Trinchieri: Die enttäuschende Saison auf einzelne Namen zu reduzieren und mit dem Finger auf zwei Spieler zu richten, ist unfair. Sie waren Opfer der Umstände.

SPOX: Bamberg bietet wie die Bayern und Alba um Würzburgs Maxi Kleber und Ulms Daniel Theis. Kennen Sie die beiden?

Trinchieri: Wenn ich Maxi und Daniel mit ihren Stärken und Schwächen nicht genau kennen würde, wäre ich der falsche Trainer für Bamberg. Ich verfolge den Werdegang der beiden und sie zu vergleichen, ist schwierig, obwohl beide Power Forwards sind. Für Maxi wäre nach den vielen Verletzungen am wichtigsten, ein komplettes Jahr durchzuspielen und so zu zeigen, was für ein Spieler er wirklich sein kann. Bisher ist er immer noch eine Versprechung. Daniel ist das größte deutsche Talent. Wenn wir ihn bekommen, dann ist er unsere Lebensversicherung für die Zukunft. Sein Potenzial ist unendlich. Wenn er sagt: "Ich möchte mich entwickeln! Ich möchte schuften!", dann würde er bei uns sehr viel eingesetzt werden und wir könnten gemeinsam daran arbeiten, ihn Schritt für Schritt zu verbessern. Sein Herz ist seine größte Stärke - und wenn er sie beibehält, wird er es ganz nach oben schaffen.

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SPOX: Die Bayern buhlen aktiv um Kleber und Theis. Wie sehr werden sie zukünftig mit den Münchnern ins Gehege kommen?

Trinchieri: Die Bayern fragen selbst bei LeBron James an, ob er nicht kommen will. Ich sage es, wie ich es empfinde: Die Bayern gehen mir auf die Nerven. Jedes Mal, wenn man mit einem möglichen Neuzugang spricht und die Verhandlungen weit gediehen sind, tauchen sie auf und versuchen, alles zu vermasseln. Zugleich dürfen wir nie vergessen, dass die Bayern mit ihren Ambitionen ein wichtiger Motor für die BBL sind, um sich immer weiter zu verbessern. Natürlich profitieren Sie vom starken Fußball-Verein im Hintergrund, andererseits hatten Basketball-Klubs schon oft ähnliche Voraussetzungen und ruinierten es sich selbst. Daher gebührt den Bayern Respekt.

Seite 1: Trinchieri über den Telekom-Deal und Brose-Boss Stoschek

Seite 2: Trinchieri über die Erwartungshaltung in Bamberg und die Bayern

Seite 3: Trinchieri über das Tauziehen um Gavel und seine multikulturelle Kindheit

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