Grundprobleme des Terzic-Fußballs: Warum dem BVB Lösungen bei Ballbesitz fehlen

Von Constantin Eckner
Edin Terzic machte Emre Can beim BVB quasi unantastbar.
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Borussia Dortmund hat einen mäßigen Start in diese Saison hingelegt. Gegen den 1. FC Köln und den VfL Bochum gab es vier hart erkämpfte Punkte. In der Torschussstatistik zog der BVB in beiden Partien den Kürzeren. Die Gründe liegen im taktischen System und damit auch bei Cheftrainer Edin Terzic.

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Natürlich wusste jeder in Dortmund vor der Saison, dass der Abgang von Jude Bellingham nicht zu kompensieren war. Weder befand sich in den Reihen des BVB ein adäquater Ersatz, noch war finanzierbarer Ersatz auf dem Transfermarkt. Die Klubführung kaufte stattdessen mit Marcel Sabitzer und Felix Nmecha andere Qualitäten fürs Mittelfeld und entschied sich zudem gegen eine Verpflichtung von Edson Álvarez und für die Beförderung von Emre Can zum Kapitän.

Mentale Stabilität wurde zu einer Art Grundanforderung für das neue Dortmunder Mittelfeld, spielerische Kreativität eher nicht. Der BVB hat in dieser frühen Saisonphase enorme Probleme, geordnet nach vorn zu kommen, also für sich aus dem Spielaufbau Torchancen zu kreieren. Deshalb gelangen gegen Köln und Bochum auch insgesamt nur fünf Schüsse aufs Tor, davon vier aus dem Spiel heraus.

Sabitzer und Can auf der Doppelsechs in Terzics 4-2-3-1 haben oftmals nicht die Möglichkeit, die gegnerische Mittelfeldlinie mit einem Pass oder einer Passkombination zu durchspielen. In der Regel gehen die Bälle aus der Mittelfeldzentrale in die Breite, ohne dass Dortmund damit Tempo aufnehmen kann. Die Gegner können kompakt verschieben und das Spiel des BVB quasi zum Stillstand zwingen.

Kommen die Bälle doch in der Offensivreihe rund um Julian Brandt an, sind die Abstände zwischen den drei offensiven Mittelfeldspielern sowie Mittelstürmer Sébastien Haller entweder zu groß oder die Staffelung ist zu flach. So lässt sich schwerlich ein Kombinationsspiel aufziehen, weil sich Verteidiger leicht in die Passwege stellen.

Donyell Malen
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Borussia Dortmund: Sancho, Haaland und Bellingham fehlen

Natürlich kann man die Schwächen in der Spielgestaltung an den Feldspielern auf dem Rasen festmachen. Gewiss fehlt Bellingham oder mit Abstrichen auch ein Raphaël Guerreiro, aber zugleich wird in dieser frühen Saisonphase ein Grundprobleme des Terzic-Fußballs offengelegt. Bislang hatte Terzic stets Ausnahmekönner im Kader. In seiner ersten Interimsamtszeit in der Rückrunde 2021 konnte er beispielsweise auf Jadon Sancho und Marco Reus und deren Spielverständnis in den Halbräumen bauen. Zugleich war Erling Haaland für ein oder zwei Tore pro Spiel gut.

In der vergangenen Saison war der Schlüssel in vielen Partien Bellingham mit entsprechender Unterstützung von Brandt oder auch zeitweilig Karim Adeyemi. Zudem konnte Haller zum Ende der Saison eine wichtige Rolle als Zielspieler einnehmen. Aber strukturell krankte das BVB-Spiel auch während dem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Bayern München um die Meisterschaft.

Während der mageren Auftritte gegen Köln und Bochum zu Saisonbeginn zeigten Dortmunds Offensive in Ansätzen, zu was sie in engen Räumen im vorderen Spielfelddrittel im Stande sind. Besonders Brandt und Donyell Malen stachen in einigen Situationen positiv hervor. Allerdings geschieht das noch viel zu selten und ist kein Resultat des Spielsystems. Dass Terzic versuchen muss, die Spielgestaltung mit Sabitzer und Can zu gestalten, lässt vielleicht den Schluss zu, dass der BVB als Ballbesitzteam kein allzu großes Potenzial nach oben hat.

Marcel Sabitzer
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BVB: Spielerisches Potenzial ist vorhanden

Aber richtig eingesetzt und in eine passende Struktur gepackt, lässt sich aus dem Kader schon eine dominante Ballbesitzmannschaft basteln. Nico Schlotterbeck ist ein guter andribbelnder Innenverteidiger, Sabitzer kann mit kurzen Antritten den Halbraum überbrücken und Ramy Bensebaini ist ob seiner Dynamik eine gute zweite oder dritte Anspielstation im Mittelfeld, um mal drei Beispiele zu nennen. Aber diese Puzzleteile gehören entsprechend zusammengefügt.

Dazu muss Dortmund insgesamt mit Ball kompakter stehen, sich quasi getrauen, das Feld eng zu machen. Dortmund spielt zu sehr in die Breite, lässt sich zu oft an den Seitenlinien festmachen und kann aufgrund der recht weiten Abstände weder konstant gute Passstafetten zeigen, noch das Gegenpressing nach Ballverlusten effektiv auslösen.

Dass obendrauf noch einige gruppentaktische Mängel, sprich Abstimmungsschwierigkeiten etwa auf der Doppelsechs oder auch beim Übergeben von Gegenspielern zu sehen sind, macht das Dortmunder Spiel noch instabiler. Aber solche Mängel lassen sich normalerweise im Training und mit mehr Spielpraxis ausbessern. Das grundlegende Spielsystem zu verändern, ist schwieriger - und eigentlich muss die Grundlage dafür im Sommer gelegt werden.

Terzic wird wohl oder übel darauf hoffen müssen, dass sich einmal mehr einige Spieler in Top-Form präsentieren und entsprechend den BVB über ihre individuelle Klasse und im Zusammenspiel untereinander zu den notwendigen Siegen führen. Diese Art von "Heroen-Fußball" ist nicht unbedingt nachhaltig, zumal für einen Club, der regelmäßig Top-Leistungsträger verliert, aber sie kann für eine Weile schon für Erfolg sorgen.

Darüber hinaus ist Terzic einer, der den einzelnen Spieler besser machen kann. Darin ist der 40-Jährige ein Spezialist - in der Ausarbeitung und dem Einstudieren eines effektiven Spielsystems für ein Top-Team bislang noch nicht.

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