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Handball

"Wir haben Fleischberge verdrückt"

Markus Baur trainiert die U21-Nationalmannschaft des DHB
© getty

SPOX: Unter dem Strich bleibt trotzdem eine erstklassige Mannschaftsleistung. Gibt es dennoch einen Spieler, den Sie hervorheben würden?

Baur: Unseren Spielmacher Simon Ernst könnte ich nennen, der unser Spiel geprägt hat und ins Allstar-Team gewählt wurde. Moritz Preuss spielte ein starkes Turnier am Kreis. Tim Suton war zwischendurch krank und konnte deshalb einmal gar nicht spielen. Dann war er auch noch stark angeschlagen. Trotzdem war er gegen Ägypten einer der Spieler, die Verantwortung im Rückraum übernommen haben. So könnte ich aber alle anderen auch hervorheben. Die Torhüter waren über das gesamte Turnier hinweg gesehen gut und so weiter. Jetzt wirklich nur einen Spieler hervorzuheben, wäre sicherlich falsch.

SPOX: Gibt es auch Kritikpunkte?

Baur: Fakt ist auch: Alle haben schon mal konstanter und noch besser gespielt. Bei der EM in Österreich beispielsweise. Aber da hatten wir auch Trefferquoten, die schon gar nicht mehr normal waren. Teilweise lagen die bei manchen Spielern bei 80 Prozent und drüber. In Brasilien waren wir gut, damals eben sehr gut.

SPOX: Es gab in der Vergangenheit immer wieder Kritik, dass in der HBL - vor allem auf Schlüsselpositionen - zu wenig auf die deutschen Talente gesetzt wird. Ihre aktuelle Truppe zeigt, dass sich in dieser Hinsicht einiges geändert hat, richtig?

Baur: Sicher, da tut sich was. Die Jungs, die dabei waren, spielen alle in der ersten oder zweiten Liga. Das liegt aber nicht nur daran, dass die Vereine sagen: "Komm, da nehmen wir jetzt mal ein paar davon in unseren Kader." Auch die Qualität der Spieler hat sich entwickelt. Beim DHB wird in dieser Hinsicht gute Arbeit geleistet.

SPOX: Bedeutet das, dass vorher nicht alles optimal gemacht wurde? Oder benötigt man auch das nötige Quäntchen Glück, talentierte Jahrgänge zu erwischen?

Baur: Genauso ist es. Die Arbeit ist schon lange gut, wir gehören im Nachwuchs zur Weltspitze. Und jetzt haben wir eben einen Jahrgang, der außergewöhnlich gut ist. Schon im letzten Jahr, also im ersten Juniorenjahr, hatten alle Erst- und Zweitligaverträge. Wenn man aus der A-Jugend rauskommt und gleich hochklassig einsteigen kann, dann spricht das für Qualität.

SPOX: Und für gute Coaches. Sie trainieren den Schweizer Erstligisten Kadetten Schaffhausen, haben nun aber auch Ihren Vertrag beim DHB bis 2017 verlängert. Was ist der Reiz an der Arbeit im Nachwuchsbereich?

Baur: Zunächst einmal ist der neue Vertrag Anerkennung und Vertrauensbeweis zugleich. Ich freue mich, dass Axel Kromer und ich im kommenden Herbst eine neue Spielergeneration übernehmen und auf ihre weitere Karriere vorbereiten dürfen. Was die Jungs angeht: Die sind brutal wissbegierig und total heiß auf ihre ersten großen internationalen Turniere. Außerdem kann man sich bei ihnen auch mal auf individuelle Dinge fokussieren. Das macht mir Spaß, das finde ich super. Während einer Saison kommt das Individuelle nämlich häufig zu kurz, da muss an der Taktik gearbeitet werden. Bei den Junioren können wir zunächst ausgiebig an den Basics arbeiten und dann zur Taktik übergehen. Wir versuchen, zu 60 bis 70 Prozent individuell zu arbeiten.

SPOX: Mit Erfolg. Wenn man sieht, was nachkommt, muss einem sportlich gesehen um den deutschen Handball eigentlich nicht bange sein, oder?

Baur: Aber die anderen Nationen sind auch nicht schlecht, das darf man nicht vergessen. Außerdem ist die Frage, was es heißt, dass einem nicht bange sein muss, was man erwartet. Bedeutet es, dass man Europameister, Weltmeister und Olympiasieger werden muss? Oder bedeutet es, dass wir uns wieder in der Weltspitze etablieren oder zumindest einige Spieler da unterbringen. Da sind wir sicher auf einem guten Weg. Der eine oder andere Spieler aus unserer Mannschaft wird den Sprung ins A-Team schaffen. Da bin ich mir sicher.

SPOX: Um eine erfolgreiche A-Nationalmannschaft zu haben, muss zunächst einmal das ganze Chaos im DHB beseitigt werden. Was haben Sie in Südamerika vom ganzen DHB-Theater mitbekommen und wie lautet Ihre Meinung dazu?

Baur: Ich war in den vergangenen drei Wochen mit den Junioren beschäftigt, das war kein Thema für uns. Auch, weil ich nicht wüsste, was ich daran ändern könnte. Ich bekam alles nur am Rande mit und muss mich jetzt erstmal einlesen und ein paar Stimmen einholen, bevor ich mir irgendein Urteil erlauben kann. Warum das Präsidium abgewählt werden soll und so weiter. Ich finde es aber grundsätzlich schade, dass es derzeit im Handball meist nur um dieses Thema geht und nicht um das Sportliche.

DHB: Selbstzerfleischung Deluxe

SPOX: Dann lassen Sie uns abschließend über die Möglichkeit einer Rückkehr in die Bundesliga sprechen. Haben Sie Interesse, irgendwann auch mal wieder einen HBL-Klub zu coachen?

Baur: Jetzt hab ich ja grade erst in Schaffhausen und beim DHB verlängert. Deshalb mache ich mir aktuell wirklich keine Gedanken darüber.

Seite 1: Baur über Churrascarias, Mentalität und einen Thriller

Seite 2: Baur über den deutschen Nachwuchs und das DHB-Chaos

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