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Fussball

FC Schalke 04 Gerald Asamoah im Interview: "Der Aufstieg ist eine Genugtuung!"

Von Johannes Ohr
Gerald Asamoah ist Leiter des Schalker Lizenzspielerbereichs.

Gerald Asamoah hat mit Schalke 04 den sofortigen Wiederaufstieg in die Bundesliga geschafft und am Sonntag die Rückkehr ins Oberhaus mit dem Gewinn der Zweitliga-Meisterschaft gekrönt. Im Interview mit SPOX und GOAL spricht Asamoah darüber, was der Aufstieg für den Verein emotional bedeutet und warum auch ein Tischtennisturnier im Saisonfinale geholfen hat.

Außerdem erklärt der "Leiter der Lizenzspiel-Abteilung", welche Rolle die Fans und Interimstrainer Mike Büskens gespielt haben und warum es so wichtig war, nach dem Abstieg im Vorjahr einen Umbruch zu vollziehen.

Herr Asamoah, wo haben Sie nach dem geglückten Aufstieg die Nacht von Samstag auf Sonntag verbracht und wie lange haben Sie geschlafen?

Gerald Asamoah: Im Ehebett. Ich hatte Glück, dass mich ein Freund nach Hause gefahren hat. Ich war sehr spät zuhause und musste dann am nächsten Tag auch wieder früh weg, weil wir einen Termin mit unserer Stiftung hatten. Ich habe nur zwei Stunden geschlafen, aber das hat schon gepasst. Ich habe ja auch nicht viel getrunken (grinst).

Sie haben mit Schalke als Spieler die DFB-Pokal-Siege 2001 und 2002 gefeiert. Der Aufstieg war aber noch mal ein ganz anderes Erlebnis, oder?

Asamoah: Ja. Auch, weil ich jetzt in der Verantwortung bin. Das ist ein anderer Druck, den du als Spieler nicht hast. Dieses Jahr hat schon etwas mit mir gemacht. Der Aufstieg war eine Genugtuung - wobei ich es immer noch nicht ganz fassen kann, dass wir es geschafft haben. Das realisiert man erst in einigen Wochen. Was in der Kabine los war, war Emotion pur. Wenn man sieht, wie Simon Terodde auf den Knien weint, der ja erst ein Jahr im Verein ist, dann merkt man schon, dass der Druck und die Sehnsucht enorm groß waren. In der Kabine haben wir alles abfallen lassen.

Sie haben sicherlich unzählige Glückwünsche erhalten. Über welchen haben Sie sich am meisten gefreut?

Asamoah: Also ich habe ehrlich gesagt noch nicht mal alles beantworten können, weil es so viele waren. Es haben sich Menschen gemeldet, von denen ich lange nichts mehr gehört habe. Da freut man sich natürlich sehr. Aus Ghana haben mir auch sehr viele geschrieben und man hat schon gemerkt, dass die Leute uns verfolgt haben. Es war schön, dass so viele an uns gedacht haben.

Wenn Sie das 3:2 gegen St. Paul mal Revue passieren lassen: Schalke kann nach 30 Sekunden in Führung gehen. Dann trifft der Gegner doppelt zum 0:2. Was haben Sie sich in dem Moment gedacht?

Asamoah: Ich glaube, dass das Spiel in gewisser Weise ein Spiegelbild der kompletten Saison war. Die Hinrunde war nicht gerade überragend von uns, viele haben uns abgeschrieben. Dann kommen wir zurück, sind nah dran, bekommen dann wieder einen auf den Deckel. Es war gut, dass wir vor der Partie gegen St. Pauli das Spiel gegen Werder Bremen (1:4, Anm.d. Red.) analysiert haben. Da waren wir alle geschockt, als es 0:2 stand. Die Bank war wie tot. Das merkt dann auch die Mannschaft auf dem Platz. Wir haben uns geschworen, dass das nicht mehr passieren darf. Gegen St. Pauli war der Glaube auch nach dem Rückstand noch zu 100 Prozent da, auch die Fans hat haben nicht gepfiffen. Und die Jungs haben sich in der Halbzeit in der Kabine selbst gepusht, haben gesagt: 'Männer, wir gehen jetzt raus und drehen das Spiel noch.' - Als dann der Elfmeter für uns gegeben wurde, hat mich Rouven gefragt: 'Asa, guckst du hin?' - 'Natürlich gucke ich hin', habe ich gesagt (grinst). Die Jungs sind einfach marschiert. Genau so war unsere Saison auch. Das Spiel noch 3:2 zu gewinnen, ist natürlich einmalig.

Gerald Asamoah über das 3:2 gegen St. Pauli: "Ich hatte Panik"

Mike Büskens ist nach dem 3:2 durch Rodrigo Zalazar jubelnd auf den Platz gestürmt. Was haben Sie gemacht?

Asamoah: Ich hatte noch ein bisschen Panik, es waren ja noch zehn Minuten zu spielen. Ich habe gejubelt, aber ich bin nicht auf den Platz gerannt. Ich war sehr reserviert, weil ich wusste, dass das Spiel noch nicht gewonnen ist ...

Am Ende war es ein Drama. Ist das typisch für Schalke?

Asamoah: Ich glaube, so etwas kann nur auf Schalke passieren. Diese ganzen Emotionen, nach einem Nackenschlag wieder aufzustehen und am Ende zu jubeln. Wenn wir 3:0 gewonnen hätten, hätte es diese Emotionen in der Form, glaube ich, nicht gegeben. So haben alle gelitten und mitgefiebert. Mit dem, was am Samstagabend passiert ist, hat Schalke so viele Sympathien gewonnen.

Welche Rolle haben die Fans gespielt?

Asamoah: Die Fans haben uns wirklich getragen. Nach dem Sandhausen-Spiel ist etwas entstanden. Der Druck war für uns extrem groß - und es war ja dort wie ein Heimspiel für uns. Nach dem Spiel war mir klar, dass wir es schaffen können. Diese Einheit, die nach dem Abstieg in der vergangenen Saison in Bielefeld zerstört wurde, ist wieder zurück. So eine Stimmung und solche Emotionen wie gegen St. Pauli haben viele unserer Spieler davor ja noch gar nicht erlebt.

Während des Spiels liefen Sie plötzlich in die Kurve, um die Fans davon abzubringen, weiterhin Bengalos zu zünden...

Asamoah: Wir haben mitbekommen, dass der Schiedsrichter das Spiel abbrechen will, wenn die Fans nicht damit aufhören. Ich bin dann in die Kurve und habe den Leuten gesagt, dass sie aufhören und aufpassen müssen. Das haben sie ja dann auch gemacht.

Asamoah über den Platzsturm: "So etwas habe ich noch nicht erlebt"

Wie haben Sie den Szenen nach Schlusspfiff erlebt, als die Fans den Rasen stürmten?

Asamoah: So etwas habe ich davor auch noch nicht so richtig erlebt. Als die Fans auf den Platz kamen, bin ich in die Kabine, weil ich einfach leer war und ich mich sammeln musste. Dann kam Lars Gerling und hat mich wieder rausgeholt. In den Moment habe ich erst gemerkt, was da los war. Wenn man jetzt die Bilder sieht, erinnert mich das schon so ein bisschen an 2001 - dieses Mal mit gutem Ausgang. Es war sehr schön zu sehen, wie auch die Fans sich einfach fallen lassen konnten, nachdem der Verein im Vorjahr noch am Boden lag. An dieser Stelle wünsche ich den Fans, die sich am Samstag verletzt haben, gute Besserung und eine schnelle Erholung!

In Bielefeld gaben Sie im Vorjahr unter Tränen ein Abstiegs-Interview. Ein Jahr später stehen Sie Arm in Arm mit Mike Büskens im Klub-TV vor der Kamera, um den Aufstieg zu erklären. Was denken Sie, wenn sie die beiden Szenen miteinander vergleichen?

Asamoah: Das zeigt einfach, wie schnell es im Leben gehen kann. Hätte mir jemand nach dem Abstieg vor einem Jahr gesagt, dass ich heute hier mit einem Lächeln sitzen würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Wir wussten schon, was auf uns zukommt. Umso schöner, dass wir es geschafft haben.

Vor Saisonbeginn sagten Sie, dass Demut eine ganz große Rolle bei der Mission Wiederaufstieg spielen würde. War das der Schlüssel zum Erfolg?

Asamoah: Ja. Wir haben es geschafft, mit Demut eine Hierarchie und ein Team zu formen. Wir haben eine Mannschaft hinbekommen, die wirklich Lust auf den Verein hatte und auch versuchte, den Klub kennenzulernen und zu verstehen. Wenn ich Simon Terodde nehme, oder Marius Bülter oder Rodrigo Zalazar - um nur ein paar zu nennen - da dachte ich mir: 'Ey, das sind Typen, die zu uns passen!'

Sie haben auch eine Hierarchie auf dem Parkplatz eingeführt.

Asamoah: Ja. Es kann ja nicht sein, dass der Kapitän vor der Kabine ganz hinten und ein junger Spieler ganz vorne parken darf. Das muss man sich verdienen. Das haben die Jungs irgendwann verstanden und es war ein Puzzleteil, dass sie zusammengeschweißt hat. Tenor: Es gibt eine Hierarchie, und am Ende können wir nur als Team funktionieren.

Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?

Asamoah: Ich habe versucht, dem Trainer den Rücken freizuhalten und den Jungs Schalke nahe zu bringen. Wenn man heute sieht, dass sie wirklich verstanden haben, um was es ging, dann kann man sagen, dass das funktioniert hat. Es ist eine geile Mannschaft, die wirklich zusammengewachsen ist. Klar gab es immer wieder mal Spieler, die unzufrieden waren, weil sie nicht gespielt haben. Aber es war nie Egoismus da. Sie haben versucht, als Einheit zu funktionieren.

Das heißt die Mannschaft zeichnet sich durch Wille und Geschlossenheit aus?

Asamoah: Ja, sonst hätten wir das nicht geschafft. In den letzten acht Saisonspielen hat man einfach eine Mannschaft gesehen, die es unbedingt wollte. Jeder hat dem anderen alles gegönnt. Es standen ja auch Jungs auf dem Rasen, die anfangs kaum eine Rolle gespielt haben. Kerim Calhanoglu z.B., oder Henning Matriciani. Die Jungs waren immer bereit, wenn sie gebraucht wurden. Sie haben verstanden, dass wir es nur als Team schaffen können.

Welche Prozesse haben Sie noch angestoßen?

Asamoah: Gerade zum Ende haben wir überlegt, was wir noch machen können, um eine gewisse Energie zu geben und die Jungs vielleicht auch mal auf andere Gedanken zu bringen. Vor dem Spiel gegen Heidenheim haben wir z.B. ein Tischtennisturnier veranstaltet. In den Tagen vor dem St.-Pauli-Spiel haben wir sie mit einem Frühstück überrascht. Die Mannschaft dachte erst, wir gehen joggen. Das sind so Dinge, die auch Huub Stevens mit uns früher gemacht hat. Sowas nimmt man natürlich mit.

Ist Schalke jetzt wieder zusammengewachsen nach dem Abstieg im Vorjahr?

Asamoah: Ich glaube schon. Das, was am Wochenende passiert ist, hat etwas mit dem Verein gemacht. Aber wir müssen aufpassen. Ich kenne Schalke und bin mir sicher, dass einige bereits wieder von der Champions League träumen werden. Es geht aber um Demut und darum, dass wir nächstes Jahr eine Mannschaft haben, die sich in die 1. Liga reinbeißt. Das muss das Ziel sein - nur der Klassenerhalt zählt.

Asamoah: "Die Jungs haben gemerkt, dass dieser Verein etwas Geiles ist"

Ist der Kitt im Verein am Ende sogar wichtiger als der Aufstieg?

Asamoah: Es war auf jeden Fall wichtig, dass viele Spieler, die damals den Abstieg miterlebt haben, nicht mehr mit dabei waren. Es brauchte eine Erneuerung. Die neuen Jungs haben aber einfach gemerkt, dass dieser Verein etwas Geiles ist, mit einer einzigartigen Fanbase. Das, was nach dem Bielefeld-Spiel passiert ist - diese Menschen, waren für mich keine Schalke-Fans. Was Schalke wirklich ausmacht, hat man jetzt gesehen. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie sehr wir die Fans brauchen. Die Vorkommnisse aus der Abstiegsnacht werde ich allerdings nie vergessen können. Umso mehr freut mich aber, was dann am Samstag passiert ist.

Mike Büskens hat in einem Interview mit dem Klub-TV gesagt, er hätte mit keinem im Verein häufiger gestritten als mit Ihnen. Um was ging es denn?

Asamoah: Buyo und ich verstehen uns schon seit Jahren, wir sind Freunde. In einem guten Team kann man auch mal anderer Meinung sein. Am Ende muss man aber immer in die gleiche Richtung marschieren. Wir haben viel diskutiert. Meine Aufgabe war es einfach, ihm den Rücken freizuhalten. Es war aber alles in einem gesunden Rahmen. Wenn wir uns mal gestritten haben, dann vielleicht darüber, dass er zu viel Eis gegessen hat... (lacht).

Wie wichtig war er für den Aufstieg?

Asamoah: Zunächst mal muss man sagen, dass auch Dimi (Dimitrios Grammozis, Anm.d.Red.) einen super Job gemacht hat. Die Mannschaft war topfit, auch die Chemie innerhalb des Teams hat gestimmt. Buyo hat es in den letzten Spielen geschafft, die Jungs mit seiner empathischen Art und Weise abzuholen und emotional zu packen. Sie gingen für ihn durchs Feuer. Der Trainerstab hat mit Matthias Kreutzer und Peter Hermann aber überhaupt wunderbar gepasst.

Wie groß ist die Vorfreude auf das Derby gegen Dortmund - und muss sich der BVB jetzt wieder wärmer anziehen als zuletzt?

Asamoah (lacht): Wir sind noch nicht mal angekommen und schon geht es wieder los. Ich hätte nie gedacht, dass mir Schwarz-Gelbe mal schreiben würden, dass es schön ist, dass wir wieder da sind. So war es aber. Nicht alle, aber viele haben uns vermisst. Wir freuen uns, dass wir zurück in der Bundesliga sind und gegen die besten Mannschaften Deutschlands spielen können. Derby ist Derby. Aber wir können uns natürlich nicht auf eine Stufe mit Dortmund stellen. Für uns geht es darum, dass wir wieder eine Mannschaft zusammenbekommen, die für den Verein brennt.

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