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Fussball

Dietmar Beiersdorfer vom FC Ingolstadt im Interview: "Dann ist man auch beim Memory nur zu 35 Prozent bei der Sache"

Beiersdorfer war von 2002 bis 2009 und von 2014 bis 2016 beim HSV.

Es sollen auch einmal Spielerverträge ohne Ihr Wissen verlängert worden sein.

Beiersdorfer: Diese Dinge waren unter anderem auch aufgrund der Sprache ein wenig aufgeteilt zwischen den internationalen und nationalen Spielern. Besonders die russischen Nationalspieler hatten einen hohen Stellenwert und Kontakt zur Spitze der Hierarchie. In der Tat wurden der Trainer und ich einmal überrascht, als ein Spieler ohne unser Zutun verliehen wurde.

Wie reflektieren Sie heute, besonders natürlich im Angesicht des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, dass Russland in den vergangenen Jahren immer stärker diktatorische Züge angenommen hat?

Beiersdorfer: Es war für mich als Expat auch aufgrund der Sprachbarriere schwer, intensive Einblicke in die russische Gesellschaft zu bekommen. Wir, also meine Familie und die italienischen Trainer um Luciano Spalletti, waren in einer geschlossenen Wohnanlage untergebracht. Daher haben wir uns die meiste Zeit in unserer Blase aufgehalten. Natürlich waren wir trotzdem oft Essen, in der Stadt unterwegs oder auf dem Trainingsgelände und in der Akademie. Grundsätzlich habe ich dort von diesen Zügen nichts gespürt, sondern viele tolle und offene Leute getroffen. Man darf in traurigen Tagen wie diesen auf keinen Fall alle Menschen, die die russische Staatsbürgerschaft besitzen, unter dem Aggressor subsumieren.

Wie groß war der Einfluss von Gazprom bei Zenit?

Beiersdorfer: Gazprom hat schon eine Rolle gespielt, klar. Es kam vor, dass Gazprom-Chef Alexei Borissowitsch Miller nach Heimspielen in der Kabine vorbeischaute. Er ist ein mächtiger Mann, das hat man am Verhalten aller russischen Mitarbeiter gespürt. Er war auch bei den Spielern ein angesehener Gast, weil er durchaus ab und zu die Prämien angepasst hat.

Wenn Sie aktuell noch bei Zenit angestellt wären, hätten Sie dann auch Ihr Amt niedergelegt wie es beispielsweise die Trainer Markus Gisdol und Daniel Farke getan haben?

Beiersdorfer: Natürlich.

Wie blicken Sie denn nach all Ihren Erfahrungen und nun der langen Zeit außerhalb des Geschäfts auf gesamtheitliche Entwicklungen im Fußball: Ist die Bundesliga, gerade auch durch die neun Meistertitel des FC Bayern in Serie, langweiliger geworden?

Beiersdorfer: Auch ich wünsche mir als Fußballfan in jedem Jahr bis zum Schluss spannende Titelrennen, das ist klar. Doch diese Frage stellt sich für mich nicht groß. Was wäre dann die Konsequenz - soll ein Salary Cap nur für Bayern München verhängt werden?

Zuletzt wurde an einigen Stellen dafür plädiert, Playoffs um die Meisterschale einzuführen.

Beiersdorfer: Davon halte ich nichts. Gerade in jetzigen Zeiten ist die Wettbewerbsfähigkeit eines Klubs nicht ausschließlich von der Kaderzusammenstellung sowie den Planungen vor und den Leistungen während einer Saison abhängig. Es sind auch andere Faktoren dazugekommen. Playoffs würden die Arbeit über eine Gesamtstrecke konterkarieren, vom langfristigen Leistungsgedanken und der Belohnung für kontinuierlich gute Arbeit wegführen.

Schadet aber eine solche Dominanz, die es in anderen Ländern freilich ebenfalls gibt, nicht dem Wettbewerb?

Beiersdorfer: Es ist durch Wechsel im Management oder auf Spielerseite ja die Möglichkeit gegeben, Mannschaften besser zu machen und damit in diese Phalanx einzubrechen. Man muss auch Respekt zollen, wenn man einen Klub über viele Jahre oben an der Spitze halten kann. Auch wenn man wie Bayern München zweifelsfrei mehr Möglichkeiten als andere hat, ist es kein Selbstläufer, über die Jahre eine Kultur zu entwickeln, die erfolgreich ist. Zumal es auch mit größeren finanziellen Mitteln nicht unbedingt leichter sein muss, weil man auf diesem Niveau ja auch Spieler verliert und neue Spieler integrieren muss. Das sieht immer alles so leicht aus. Sich nach oben zu arbeiten ist schon schwer, dort zu bleiben aber eine echte Kunst.

Manche sehen einen Hebel in einem neuen Verteilungsschlüssel bei den Fernsehgeldern - auch, damit es für Aufsteiger leichter ist, sich in der Bundesliga zu etablieren.

Beiersdorfer: Es ist schon so, dass die Unterschiede von unten nach oben riesengroß sind. Trotzdem ist es für die Vereine leichter, die Dinge zu adaptieren und sich einer höheren Liga anzupassen. Schwieriger ist dagegen, wenn es von oben nach unten geht. Dann ist man einen ganz anderen Schlüssel gewohnt, um seinen Klub aufzustellen und muss völlig andere Erlöse und Rahmenbedingungen handhaben. In solchen Fällen ist es für Vereine vermehrt schwerer geworden, dies mit ihrer eigenen Erlös- und Kostenstruktur im Griff zu behalten - speziell in Zeiten der Pandemie. Das wird dann leider oftmals auf den Rücken vieler Mitarbeiter ausgetragen und damit geht mitunter Vertrauen in den Klub - intern wie extern - verloren. Genau dieses Vertrauen ist es, das jeder Verein dringend braucht, um sich sportlich und als Fixpunkt für Stadt und Region kontinuierlich zu entwickeln.

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