Fussball

HSV zu jung für den Aufstieg? Cardoso: "Das sind doch keine kleinen Kinder"

Konsternierte Gesichter all überall: die junge HSV-Mannschaft steckt mit Trainer Hannes Wolf in der Krise.

Trotz des teuersten Zweitliga-Kaders aller Zeiten bangt der Hamburger SV nach einem Leistungseinbruch in der Rückrunde um den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga. Für den ehemaligen HSV-Trainer- und Spieler Rodolfo Esteban Cardoso liegt das jedoch nicht an dem oft als Erklärung angeführten jungen Durchschnittsalter der Mannschaft, wie er im exklusiven Gespräch mit SPOX und Goal erklärt.

Sieben sieglose Spiele in Folge, dazu noch die Blamage vor heimischem Publikum gegen Abstiegskandidat Ingolstadt am vergangenen Samstag: Der HSV steckt aktuell in einer tiefen Krise und muss um den fest eingeplanten direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga bangen.

Vor den abschließenden beiden Spielen gegen Mitkonkurrent Paderborn und Schlusslicht Duisburg haben die Hamburger auf Platz vier liegend einen Zähler Rückstand auf einen direkten Aufstiegsplatz, weshalb in der Hansestadt die Frage nach den Ursachen für die schlechte Rückrunde gestellt wird. Sportvorstand Ralf Becker sagte zuletzt, dass die Mannschaf sehr jung und es Fakt sei, dass sie "mit dieser Drucksituation, die entstanden ist, nicht umgehen kann".

Ein Argument, dass Rodolfo Esteban Cardoso überhaupt nicht nachvollziehen kann. Schließlich habe die junge Mannschaft für den langjährigen Jugend- und Co-Trainer des HSV eine ganze Saison Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen, dazuzulernen und "ein Gespür dafür zu bekommen, was in dieser Stadt und diesem Verein los" sei.

"Das sind doch keine kleinen Kinder, die letztes Wochenende noch bei der A-Jugend gespielt haben und jetzt auf einmal vor 50.000 Zuschauern spielen. Das muss man auch mal klar sagen", erklärt Cardoso, der noch in der Abstiegsaison als Co-Trainer von Bernd Hollerbach an der Seitenlinie der Hanseaten stand, seine Sicht der Dinge im exklusiven Gespräch mit SPOX und Goal.

HSV in der Krise: Cardoso fehlt "Biss und Wille"

Unterm Strich sei es gut, dass die Mannschaft - mit einem Durchschnittsalter von 23,1 Jahren der unerfahrenste Zweitligakader der aktuellen Saison - jung sei. "Aber sie muss begreifen, dass es in so einer Phase nicht interessiert, ob sie gut spielt oder nicht, sondern das sie die Punkte holt", führt Cardoso weiter aus.

Dem HSV fehlen nach Einschätzung von Cardoso "ein oder zwei Spieler, die die Mannschaft aufwecken", wenn es nicht gut läuft. "Mir fehlt es in manchen Situationen an Biss und Willen, mal einen reinzuhauen. In einer Mannschaft gibt es immer diesen einen Spieler, der dich ansteckt, wenn du mal einen schlechten Tag hast", sagt der aktuell vereinslose Fußballehrer über die Misere des HSV in einer Rückrunde, in der sich die Hanseaten mit 16 Punkten aus 15 Spielen wie ein Abstiegskandidat präsentieren.

"Es ist ja keine Frage, wir sehen den schlechtesten HSV der Geschichte", kritisierte zuletzt Klublegende Uwe Seeler und machte neben der fehlenden Qualität der Spieler auch das Fehlen eines "Wir-Gefühl" als Kernproblem der Rothosen ausgemacht. Auch deshalb suchen viele die Schuld bei Hannes Wolf.

Der HSV-Trainer steht aufgrund einiger fragwürdiger Aufstellungs- und Wechselentscheidungen, sowie seiner ratlos anmutenden und wochenlangen Suche nach der richtigen Formation gewaltig in der Kritik. Auch seine letzten Patronen - eine Brandrede vor dem Ingolstadt-Spiel gegen die Mannschaft und das bei den Norddeutschen fast schon traditionelle Krisenlager im niedersächsischen Rotenburg - verpufften als Blindgänger.

HSV-Trainer Wolf der Schuldige? "Ein Bisschen vielleicht"

Nach der Pleite gegen Ingolstadt tagte das Krisengremium um Sportvorstand Becker und dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann mit dem Ergebnis, dass Wolf als Trainer weitermachen darf. "Wenn wir immer unruhig werden, ist hier irgendwann Voll-Chaos", begründete Becker sein Ja zu Wolf am darauffolgenden Sonntag. "Uns fehlen Typen", ergänzte Becker, weshalb er nicht bereit sei, den Trainer zu opfern.

Auch Cardoso sieht Wolfs Anteil an der aktuellen Krisensituation des HSV als nicht so gravierend an. "Ein bisschen vielleicht", sagt er bezüglich Wolf in Zusammenhang mit der Schuldfrage. Aber: "Es geht nicht darum, einen Sündenbock zu suchen. Die Kritik von draußen immer da, aber wenn es interne Probleme geben sollte, gilt es jetzt, diese Probleme beiseite zu lassen und die letzten zwei Spiele anders aufzutreten".

Am kommenden Sonntag gastiert der HSV beim Mitkonkurrenten um den Aufstieg in Paderborn (ab 13 Uhr im LIVETICKER). Am letzten Spieltag empfängt der aktuelle Tabellenvierte der 2. Bundesliga Schlusslicht Duisburg. Mit Blick auf das anstehende erste Endspiel um die Bundesliga beim SCP gibt sich Cardoso trotz der vielen Tiefschläge in den vergangenen Wochen optimistisch.

"Meine Hoffnung ist die, dass der HSV auswärts momentan etwas ruhiger und besser spielt. Das hat man in Köln gesehen", stellt der 50-Jährige fest. Die vieldiskutierte Entscheidung der Vereinsführung pro Hannes Wolf könnte für Cardoso darüber hinaus einen positiven Nebeneffekt haben: "Manchmal werden der Trainer, die Zuschauer, der Platz gerne als Ausreden genommen. Aber jetzt gibt es kein Alibi mehr für die Mannschaft. Sie muss sich jetzt zusammenreißen."

HSV in der Rückrunden-Tabelle auf Platz 16

PlatzVereinSpieleSiegeUnentschiedenNiederlagenTorverhältnisDiff.Punkte
13VfL Bochum1553722:27-518
14Dynamo Dresden1545618:18017
15FC St. Pauli1552819:30-1117
16Hamburger SV1544717:22-516
17Greuther Fürth1436513:19-615
18MSV Duisburg1536621:28-715
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