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Fussball

"S04 knabbert an Bochums Nachwuchs"

Von Daniel Reimann
Peter Neururer ist seit 2013 wieder Trainer des VfL Bochum
© getty

SPOX: Fredi Bobic echauffierte sich oft über Abwerbungsversuche junger Spieler durch andere Vereine wie beispielsweise RB Leipzig. Haben Sie Verständnis für seine Kritik?

Neururer: Man muss mit diesem Umstand leider leben. Ob man das Projekt RB Leipzig nun gut findet oder nicht. Die Stadt Leipzig braucht Zweit- oder Erstligafußball, um fußballerisch nicht vor die Hunde zu gehen. Was Red Bull für den Sport und für die Jugend leistet, ist großartig. Ohne Red Bull wäre Leipzig nicht annähernd im Bereich des bezahlten Fußballs. Die Art und Weise, wie der Fußball dort angesiedelt wurde, ist natürlich für manche fragwürdig. Ob das mit Financial Fairplay oder gesunder Konkurrenz zu tun hat, steht auf einem anderen Blatt.

SPOX: Fühlt es sich unfair an für einen Verein wie Bochum, der keine Ausgaben tätigen darf?

Neururer: Klar ist frustrierend, wenn man sieht, dass die Spieler aus unserem Nachwuchs bei den Profis Fuß fassen und dann nicht mehr gehalten werden können, weil andere Vereine wie Leipzig oder Hoffenheim, die nur durch Finanzkraft aufgestiegen sind oder gar geschaffen wurden, diese Spieler abwerben. Aber das gilt für viele andere Vereine, die uns finanziell überlegen sind. Das weiß man, wenn man zum VfL Bochum kommt.

SPOX: Sehen Sie den Verband in der Pflicht, für mehr Chancengleichheit zu sorgen?

Neururer: Wir haben die Umstände zu akzeptieren. Solange die DFL bzw. der DFB das zulässt, stehen diese Vereine mit uns im Wettbewerb. Ob das nun fair ist oder nicht, spielt keine Rolle. Und man darf dabei nicht vergessen: Es wird auch eine ganze Menge für den Sport getan, das sieht man am Beispiel Hoffenheim. Was SAP in der ganzen Region aufgebaut hat, ist klasse. Aber klar ist: Hoffenheim kam nur durch Finanzkraft nach oben.

SPOX: Sie sprachen den Wechsel von Bochumer Talenten an - zum Beispiel Leon Goretzka. Sie haben im Winter den Zeitpunkt seines Abschieds zu Schalke im Sinne seiner eigenen Entwicklung kritisiert.

Neururer: Ich habe nur gesagt, dass es damals nicht richtig war, den VfL Bochum zu verlassen. Der Wechsel zu Schalke ist nicht verkehrt. Aber der Zeitpunkt - so kurz vor dem Abitur - war falsch. Bei Schalke konnte man in Verbindung mit dem Training keine Rücksicht auf seine schulischen Abläufe nehmen. Während der Vorbereitung stand er mitten im Abitur und drohte dann den Anschluss zu verlieren. Das gefährdete seine Weiterentwicklung. Dass er am Ende eine solche Entwicklung nahm, hat nicht nur mit seiner unglaublichen Qualität zu tun.

SPOX: Sondern?

Neururer: Es ist auch der Tatsache geschuldet, dass sich auf Schalke zahlreiche Spieler zu diesem Zeitpunkt verletzt hatten. Hätte es diese Verletzungen nicht gegeben, hätte er nicht so viele Spiele absolviert. Ich bin immer der Meinung, dass man sich als Spieler auf die Faktoren beschränken sollte, die man selbst beeinflussen kann. Darum ging es mir.

SPOX: In der Rückrunde startete Goretzka endgültig durch und wurde sogar in den vorläufigen WM-Kader nominiert. Beim VfL Bochum wäre ein solch rascher Aufstieg schwer geworden, oder?

Neururer: Auch wenn er hier Stammspieler war, hätte er es hier nicht in so kurzer Zeit zum Nationalspieler geschafft. Wie denn auch?

SPOX: Was überwiegt denn als ehemaliger Trainer, wenn man seinen Ex-Schützling plötzlich im Nationaltrikot sieht? Die Freude über dessen Aufstieg oder die Trauer, dass er nicht zu halten war?

Neururer: Es war eine riesengroße Freude, auch wenn ich nur sechs Wochen lang Goretzkas Trainer war. In einer Phase, wo der VfL Bochum ums Überleben kämpfte. Aber es ist auch traurig, wenn ein Goretzka oder auch ein Christoph Kramer, ein Jahr bevor sie Nationalspieler werden, noch beim VfL Bochum spielten, aber einfach nicht zu halten waren.

SPOX: Goretzka wurde letztlich aus dem vorläufigen WM-Kader gestrichen. Wäre eine WM nach dem kometenhaften Aufstieg womöglich zu früh gekommen?

Neururer: Eine WM kommt nie zu früh. Aus jeder Erfahrung kann man lernen. Man lernt aus allen Dingen, aus jedem Spiel, aus jedem Turnier.

SPOX: Beispiel Christoph Kramer, der plötzlich im Finale auf dem Feld stand?

Neururer: Das war traumhaft, superklasse! Vor allem, wenn man bedenkt, dass er ein Jahr zuvor noch für einen Verein gespielt hat, der fußballerisch am Abgrund zur 3. Liga stand. Mit Kramer und Goretzka! Wenn mir damals jemand gesagt hätte: "In einem Jahr steht Kramer im WM-Endspiel und wird Weltmeister", dann hätte ich ihm gesagt: "Junge, wechsel' mal die Sportart!" Man konnte bei beiden das Talent erkennen. Aber eine solche Entwicklung war unvorhersehbar.

SPOX: Wie im Fall Goretzka sagen Sie gerne in der Öffentlichkeit Ihre Meinung. Gibt es irgendeine Aussage aus Ihrer Karriere, die sie wirklich bereuen?

Neururer: Ja, die gibt es. Als ich 2005 als Bochum-Trainer nach dem 2:6 gegen Mainz gesagt habe, dass ich im Falle einer Niederlage im nächsten Spiel, die den Abstieg bedeuten würde, zurücktreten werde. Das bereue ich.

Seite 1: Neururer über die Finanznot, seinen U19-Helden und den Kampf um Talente

Seite 2: Neururer über RB Leipzig und die Entwicklung seiner Ex-Schützlinge

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