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Fussball

"Magaths Druckmittel ist das Spiel mit der Angst"

Von Interview: Jochen Tittmar
Seit Dezember 2011 spielt Albert Streit für Alemannia Aachen
© Imago

SPOX: Sie wurden in die zweite Mannschaft abgeschoben. Wie schwer war es für Sie, sich dort reinzuhängen, obwohl Sie keinerlei Perspektive bei den Profis besaßen?

Streit: Das war gar nicht schwer, sondern eher ungewohnt, plötzlich vor 200 Zuschauern zu spielen. Ich wollte auch dort jedes Spiel gewinnen. Michael Boris war unser Trainer, unter ihm habe ich den Spaß am Fußball wiedergefunden. Ich hatte mich damit abgefunden, dass ich nur in der 4. Liga spiele.

SPOX: Durften Sie dann aber auch irgendwann nicht mehr.

Streit: Mir wurde gesagt, dass man mich nicht öffentlich für meine Leistungen in der Zweiten loben durfte. Das hätte den Trainer den Job gekostet. Ich habe auch gehört, dass viele Angestellte keinen Kontakt zu mir haben durften, da sie sonst Probleme mit dem Verein bekommen hätten. Und plötzlich durfte ich selbst dort, wo es mir wieder Freude gemacht hat, auch nicht mehr spielen - ohne irgendeine Begründung. Ich kam mir vor wie ein Aussätziger.

SPOX: Vermuten Sie, dass Schalke eine positive Berichterstattung über Sie verhindert hat?

Streit: Das ist keine Vermutung, das hat mir der Trainer ja nach der Vorbereitung gesagt. Er wollte mich zum Kapitän machen, da mich alle respektierten und zu mir hochschauten. Er kam dann aber eine Woche vor dem ersten Pflichtspiel an und sagte mir, dass er sein Wort leider nicht halten könne. Die Vereinsführung hätte ihm verboten, mich zum Kapitän zu machen und etwas Positives über mich in der Öffentlichkeit zu sagen. Sonst müsste er die Koffer packen.

SPOX: Jetzt sind Sie wieder bei Friedhelm Funkel, den Sie schon aus Frankfurt kennen. Funkel ist wie Felix Magath ein alter Haudegen im Trainergeschäft. Worin unterscheiden sich die beiden?

Streit: Bei Funkel werde ich so akzeptiert, wie ich bin, und bekomme Vertrauen entgegengebracht. Was Magath angeht, rate ich Ihnen, einfach mal andere Spieler zu fragen. Am besten welche, die nicht mehr bei ihm unter Vertrag stehen. Äußert man bei ihm nämlich seine Meinung, kann es gut sein, dass man sich schnell bei den Amateuren wiederfindet. Denn damit kann er nicht umgehen.

SPOX: So erging es Patrick Helmes in Wolfsburg. Kurzzeitig erinnerte seine Lage ein wenig an Ihre auf Schalke.

Streit: Das kann ich verstehen. Magaths Druckmittel ist das Spiel mit der Angst. Er redet kaum mit einem Spieler und hat dann aber plötzlich tausende Freunde bei "Facebook", mit denen er spricht. Das finde ich lächerlich, aber darüber haben sich ja schon viele lustig gemacht.

SPOX: Angst und Druck - da ist man auch schnell beim Thema Burnout, das im Fußball immer größere Dimensionen annimmt. Ist der Leistungsdruck im Profigeschäft zu groß?

Streit: Das kommt letztlich auf jeden Einzelnen an und wie er damit umgeht. Seit Robert Enkes Tod hat sich aber gar nichts verändert. Das Werben um Verständnis, dass Fußballer keine Roboter seien, und all die anderen angeblichen Konsequenzen, die man daraus ziehen wollte, waren doch Tage später wieder vollkommen vergessen. Viele Leute nehmen den Fußball einfach so ernst, als ob es um Leben und Tod geht. Es gibt tausende Dinge im Leben, die wichtiger als Fußball sind.

SPOX: Sie sind seit 13 Jahren im Profigeschäft und haben einiges - positiv wie negativ - durchgemacht. Was hat sich in all den Jahren geändert?

Streit: Die Heuchlerei, die in dieser Branche mittlerweile an der Tagesordnung ist, stört mich gewaltig. Die Leute können die Wahrheit oft einfach nicht vertragen und möchten lieber angelogen werden. Dafür gibt es dutzende Belege.

SPOX: Können Sie ein Beispiel nennen?

Streit: Es gab schon so viele Spieler, die von ihrem Verein geschwärmt haben und sagten, sie seien schon seit ihrer Kindheit glühender Anhänger. Kommt dann aber die Chance, woanders das Doppelte zu verdienen, spricht man nur von der sportlich besseren Perspektive, für die man sich entschieden habe. Kein Mensch sagt, dass er sich finanziell extrem verbessern kann. Stattdessen macht man den Leuten etwas vor, was die offenbar auch hören möchten.

SPOX: Sie sagten damals, dass Sie auf Schalke den Vertrag Ihres Lebens unterschrieben haben. Seitdem haben Sie das Image des Abzockers.

Streit: Ich hätte das ein bisschen anders ausdrücken sollen, auch wenn es eine ehrliche Antwort war. Die Wahrheit anders zu formulieren, das ist gar nicht so leicht (lacht). Aber sehen Sie, ich müsste ja jetzt im Nachhinein sagen, dass ich lieber gelogen hätte. Dann würde ich jetzt nicht als Abzocker dastehen. Da bin ich lieber ehrlich, auch wenn es unangenehme Folgen haben kann.

SPOX: Wenn Sie jetzt noch einmal an einem bestimmten Punkt Ihrer Karriere einsteigen und von vorne beginnen könnten, wo wäre das?

Streit: Ich hätte in Frankfurt bleiben müssen. Dann wäre wohl vieles, vieles ganz anders gelaufen. Ich bereue aber nichts.

Albert Streit im Steckbrief

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