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Fussball

Profis am Limit

Von Stefan Rommel
Auch Lionel Messi geht nicht hundertprozentig fit in die Weltmeisterschaft
© getty

Zahlreiche Stars verpassen die WM 2014 in Brasilien verletzungsbedingt. Viele weitere Leistungsträger wie zum Beispiel Cristiano Ronaldo sind angeschlagen. Die Überlastung der Profis nimmt bedenkliche Züge an - und die FIFA trägt dabei eine große Schuld.

Der Überraschungsgast kam von schräg oben, er war leise und rasend schnell unterwegs. Robin van Persie und Daryl Janmaat schlenderten am Ipanema Beach von Rio de Janeiro, nach der Ankunft im WM-Land wollten sie einen ersten Eindruck von Brasilien gewinnen.

Einer der vielen Kitesurfer am Strand verlor plötzlich die Kontrolle über sein Sportgerät und rammte die beiden Oranje-Stars mit Karacho. Van Persie und Janmaat blieben bis auf ein paar Schürfwunden und Kopfschmerzen unverletzt.

Es hätte aber auch ziemlich gut ins Bild gepasst, wenn sich im Vorfeld eines ohnehin schon arg gerupften Turniers auf diese ziemlich ungewöhnliche Weise noch ein Spieler verletzt hätte. Die Liste der verletzten oder angeschlagenen Spieler, die die Weltmeisterschaft entweder verpassen oder sich in den ersten Tagen vorsichtig reinschummeln müssen, ist so lange wie noch nie.

Von Benteke über Gündogan und Ribery bis Walcott fehlen rund zwei Dutzend Stars, einige andere wie Leo Messi, Bastian Schweinsteiger oder Cristiano Ronaldo gehen angeschlagen in die WM. Fast jede der 32 Mannschaften hat einen Ausfall oder eine langwierige Verletzung zumindest eines wichtigen Spielers zu beklagen.

Die natürliche Grenze rückt näher

Ronaldo hat in der abgelaufenen Saison 61 Pflichtspiele absolviert, selbst in einigen unwichtigen Partien lief der Portugiese auf. Nun ist das auch Ronaldos Ego geschuldet, der ja auch um den Titel des Weltfußballers buhlte und sich Jahr für Jahr ein Wettschießen mit seinem großen Widersacher Messi liefert. Da sind Ausfallzeiten tunlichst zu vermeiden.

Dass sich Ronaldo und andere damit aber auf Sicht keinen großen Gefallen tun, wird spätestens in der zweiten Saisonhälfte immer deutlicher. Gut 90 Prozent der Verletzungen, die nun zum Ausfall von Spielern oder langen Zwangspausen geführt haben, ereigneten sich in der Rückrunde.

Die Intensität in der Liga und in den Pokalwettbewerben nimmt automatisch zu, wenn es in die entscheidende Phase der Saison geht. Die Art und der Umfang der Belastungen im Profifußball hat in den letzten zehn Jahren nochmal rasant eine neue Qualität erreicht. Und für viele Ärzte schon sehr bald auch eine natürliche Grenze.

Das Rad dreht sich immer schneller, der Druck auf die Spieler nimmt nicht nur psychisch, sondern auch in körperlicher Hinsicht zu. Der Konkurrenzdruck treibt die Spieler vor sich her. Einen Ausfall über einen längeren Zeitraum können sich nur wenige leisten, ohne ihren Stammplatz, ihren Status im Team und damit letztlich auch viel Geld zu verlieren.

Mangelnde Zeit zur Regeneration

Also drängen die Spieler geradezu zurück auf den Trainingsplatz. Vor ein paar Wochen humpelte Spaniens Nummer zwei Victor Valdes bei Kniespezialist Dr. med. Ulrich Boenisch vorbei. Der Mediziner aus Augsburg ist einer der gefragtesten Kniespezialisten der Welt, er hatte Valdes im Frühjahr operiert. Beim Spanier war die Sache klar: Nach dem Riss des vorderen Kreuzbands im rechten Knie im März war das WM-Aus längst besiegelt.

Aber Valdes' Vertrag in Barcelona lief aus und der Verein dachte offenbar darüber nach, seinem verletzten Keeper eine Verlängerung zu offerieren. Also machte Valdes Druck: Eine intensivere Behandlung ermöglicht eine schnellere Rehabilitation und mit ein wenig Glück vielleicht sogar eine Rückkehr beim ersten Saisonspiel Ende August in der Primera Division. Valdes' Plan ging nicht auf, Barca setzt in Zukunft auf einen anderen Torhüter.

Boenisch beklagt wie einige seiner Kollegen eine mangelnde Zeit zur Regeneration, die hohe Zahl an Pflicht- und Länderspielen sowie die Neigung, Verletzungen zu bagatellisieren. Hier unterscheidet sich der Profi auch kaum vom Thekenkicker. Zu viele spielen trotz Verletzung weiter, in den Schmerz hinein, der dann ursprünglich kleine Verletzungen zu großen macht und im schlimmsten Fall chronisch werden lässt.

Jede vierte Verletzung im Fußball sei eine wiederkehrende Beschädigung auf Grund zu schnell gesteigerter Belastung, vermutet Prof. Dr. Ingo Froböse, Leiter des "Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung" und des "Instituts für Rehabilitation" an der Sporthochschule Köln. Jeder vierten Verletzung sei bereits eine gleichartige Verletzungsart vorausgegangen - oft zu werten als ein Zeichen inadäquater Rehabilitation.

Van Persie: Nie schmerzfrei in den letzten Jahren

Robin van Persie hat am Sonntag angesprochen auf seinen Gesundheitszustand wenige Tage vor dem Turnier - und natürlich noch vor dem Crash am Strand - mit einer sehr freimütigen Aussage überrascht. "Ich kann mich wirklich an kein einziges Spiel in den letzten Jahren erinnern, in dem ich schmerzfrei war", sagte Van Persie.

Ein Angreifer wie er kommt in etwa auf zehn bis elf Kilometer Laufleistung pro Spiel und auf Spitzenwerte von bis zu 30 intensiven Sprints pro Partie. Die Laufleistung der Spieler hat sich im Vergleich zu den siebziger Jahren verdoppelt, im Vergleich zur WM-Endrunde von 1954 vervierfacht.

Die Profis heute bestreiten rund 15 Pflichtspiele pro Saison mehr als noch in den 80er Jahren und nimmt man jetzt die Statistik zu Grundlage, wonach die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung im Spiel drei- bis zehnmal höher ist als im Training, liefert das einen veritablen Erklärungsansatz für die Flut an Verletzungen zuletzt.

FIFA beharrt auf Rahmenkalender

Das "Ärzteblatt" hat im April veröffentlicht, dass sich im Profifußball im Schnitt 2,5 Verletzungen pro Spieler und Saison ereignen und drei Spielerausfälle von mehr als zwei Wochen pro Klub und Saison. Zehn bis 20 Prozent aller Verletzungen führen zu einem Ausfall von mehr als vier Wochen. Die Zahlen in der Bundesliga lägen aber deutlich höher, auf Grund der kälteren Witterung als in zum Beispiel den südeuropäischen Ländern und wegen der körperbetonteren Spielweise.

Die allgemeine Regel ist so simpel wie unvermeidbar. Die Reihe lautet: Steigende Belastung = Müdigkeit = Unkonzentriertheit. Gut die Hälfte der Kreuzbandrisse, die nun potenzielle WM-Fahrer aus dem Geschäft nahmen, ereigneten sich ohne Fremdeinwirkung eines Gegenspielers. Die Mediziner sehen nur in einem Rückgang des Belastungsumfangs eine Chance, die Zahl der Verletzungen an sich zu reduzieren.

Nur wird dies schwer möglich sein. Die FIFA beharrt auf ihrem Rahmenterminkalender, der vollgestopft ist mit Terminen in der Meisterschaft, in diversen Pokalwettbewerben, mit der Champions League und den Nationalmannschaften. Und noch ein Faktor wird immer wichtiger für die Klubs: Die üblichen Tingeltouren zum Abschluss oder am Beginn einer Saison mit Freundschaftsspielen auf dem Land finden längst auch aus marketingtechnischen Gesichtspunkten statt, mit einem Gros der Stammspieler.

"Ein Turnier der Urkräfte"

Und wenn etwa die Bayern Ende Juli zu ihrer USA-Reise aufbrechen, in der zwei Spiele geplant sind - eines zum Start an der Ostküste, das zweite am Adidas-Standort Portland an der Westküste - dann reisen zur zweiten Partie auch jene Spieler nach, die bei der WM ins Halbfinale gekommen sind und davor noch Extra-Urlaub genießen durften. Denn ein FC Bayern auf Promotion-Tour in einem neuen Markt ohne die Stars konterkariert die ganze Unternehmung.

Die Branche arbeitet am Anschlag, das sollte spätestens jetzt auch dem Letzten klar geworden sein. Die Endrunde in Brasilien wird ein "Turnier der Urkräfte", sagt Bundestrainer Joachim Löw. Die klimatischen und logistischen Rahmenbedingungen sind selbst für erprobte Spitzensportler enorm. Ein entscheidendes Thema wird deshalb der Umgang mit den Regenrationsphasen für die Spieler.

"Nach einem Spiel über 90 oder 120 Minuten muss der Muskel eigentlich mindestens 48 Stunden und mitunter bis zu 72 Stunden lang regenerieren. In dieser Zeit sollte er also auf keinen Fall noch weiter durch Training gekräftigt werden, das ist absolut wichtig. Aber daran hält sich natürlich kaum einer, die Regeneration wird total vernachlässigt", so Froböse.

FIFA: 60 Millionen Euro Ausfallentschädigung

In Brasilien wird sich wohl wirklich kaum einer daran halten. Dafür geht es um zu viel. Die FIFA wird das mit einigen Bauchschmerzen beobachten. Sie muss nun mit den Geistern umgehen, die sie selbst rief. Dass etliche Stars und damit auch Markenträger ihrer und anderer Sponsoren beim wichtigsten Einzelsportereignis der Welt fehlen, ist für den Weltverband schon schlimm genug.

Jede neue Verletzung bei der WM bittet aber letztlich auch die FIFA zur Kasse. Verletzt sich ein Profi im Rahmen der FIFA-Abstellungspflicht, zahlt die Versicherung des Verbands bis zu 20.500 Euro pro Tag an Ausfallsentschädigung. Rund 60 Millionen Euro soll die Versicherungsprämie pro Jahr betragen, die die FIFA berappen muss. Das ist jede Menge Geld. Im Vergleich von zu erwartenden Gewinnen um die drei Milliarden Euro durch die WM aber ein Klacks.

WM 2014: Der Spielplan

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