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Fussball

1930: Eckig vs. T-Förmig

SID
Gastgeber Uruguay besiegte Argentinien im WM-Finale 1930 mit 4:2
© imago

Der Diplomatensohn im Schiedsrichter erwachte im Vorfeld des Finales. Langenus ordnete an, dass die Stadiontore bereits acht Stunden vor Spielbeginn geöffnet würden. Bis vier Stunden vor Anpfiff mussten alle Zuschauer - darunter 15.000 Argentinier - anwesend sein. Leibesvisitation war angesagt. Langenus hatte in den Spielen zuvor die uruguayische Sitte bemerkt, Siege noch im Stadion mit Pistolenschüssen zu feiern. Die wären im Falle einer Niederlage in den gegnerischen Block und in den Mann in Schwarz abgefeuert worden. Hinter jedem Tor stand ein Wachbataillon zum Schutze des Unparteiischen, eine Route durch die Stadt war ausgearbeitet worden, um im Notfall eine Fähre bereits 60 Minuten nach Abpfiff besteigen zu können.

Wie erwähnt: der Schiedsrichter selbst hatte all diese Maßnahmen getroffen. Nicht die FIFA. Die hatte ein Tischchen für die Siegerehrung aufgebaut, das war's.

Eine halbe Stunde vor Anpfiff hatte Langenus den Lagebericht der Polizei erhalten. 1600 Revolver waren beschlagnahmt worden. Eintausendsechshundert!

Was hatte der gute Mann alles unternommen, um dieses Endspiel in halbwegs friedliche Bahnen zu lenken, und jetzt kamen die beiden Mannschaften kurz vor Anpfiff mit ihrem Testosteron und dem Scheiß-Scheiß-Scheiß-Spielball!

Der Gordische Knoten platzt

Draußen wurde die Unruhe des wartenden Publikums immer lauter. Ein gutes Zeichen, denn das bedeutete im Umkehrschluss, dass der Lärmpegel im Spielertunnel etwas heruntergegangen sein musste. Langenus gelang es, die beiden Kapitäne zur Seite zu nehmen und erklärte ihnen seinen Lösungsvorschlag. Die eine Hälfte mit der argentinischen Pille, die andere mit der uruguayischen. Münze entscheidet mit welchem Ball wann, und dasselbe nochmal im Falle einer Verlängerung. Verstanden, Comprendo?

Der Gordische Knoten war zerschlagen! Mit einer Viertelstunde Verspätung konnte das erste Finale einer WM starten. Argentinien spielte im ersten Durchgang mit seinem geliebten längsförmig genähten Ball und führte zur Pause mit 2:1. Doch Uruguay glaubte an die Macht der T-Form, drehte in der zweiten Hälfte mit dem vertrauten Leder am Fuß die Partie und siegte mit 4:2. War wohl doch etwas dran gewesen...

Schlusspfiff, alles war gut, außer für die Argentinier. Zumindest kamen sie heil nach Hause. Grenzenloser Jubel ohne gewalttätige Ausschreitungen im Centenario, sogar ein Flugzeug drehte seine Runden über dem Stadion. Der Notplan mit der Fähre blieb in der Schublade. John Langenus hängte noch einige Tage in Montevideo dran und schrieb in aller Ruhe seinen Spielbericht für den Kicker. Keine besondere Vorkommnisse, Fußball als Freudenfest, sollte man unbedingt noch mal machen so eine Weltmeisterschaft, unvergessliche Erfahrung, schade dass so wenige Europäer, aber das wird beim nächstenmal bestimmt anders, denn da muss man einfach dabei gewesen sein...

Was sonst noch wichtig war:

  • Diese erste WM ist die meiner persönlichen All-Time-Lieblingsnamen. Der argentinische Verteidiger Fernando Paternoster ist schon ein Ohrenschmaus. Geht aber noch besser. Der Rumäne Alfred Eisenbeisser ist in dieser Rubrik wohl auf ewig unschlagbar. Alfred Eisenbeisser von Venus Bukarest! Dazu passt, dass Eisenbeisser der einzige mir bekannte WM-Teilnehmer ist, der später noch in einer anderen Sportart an Olympischen Spielen teilnahm. Alfred Eisenbeisser startete 1936 in Garmisch-Partenkirchen im Paarlauf des Eiskunstlaufens.

Seite 1: Die Olympischen Spiele als Vorbild, keine Überraschungen im Finale

Seite 2: Einlass bis vier Stunden vor Anpfiff, der Gordische Knoten platzt

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