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Fussball

Wende mit dem Holzfuß

Von Andreas Lehner
Luiz Felipe Scolari ist zum zweiten Mal Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft
© getty

Luiz Felipe Scolari soll Brasilien nach zwölf Jahren wieder den WM-Titel bescheren. Felipao wird geschätzt und respektiert, aber nicht geliebt. Der Traum vom Triumph bei der Heim-WM ist dennoch stark an seinen Namen geknüpft. Brasilien hofft darauf, dass sich Geschichte wiederholt.

Mano Menezes hatte eigentlich keine Chance. Der Trainer, der im Juli 2010 nach der Weltmeisterschaft in Südafrika die brasilianische Nationalmannschaft von Carlos Dunga übernahm, war von Beginn an unter Beschuss in seiner Heimat.

Zum einen war Menezes zweite Wahl. Er bekam den Posten nur, weil Wunschkandidat Muricy Ramalho von seinem Klub Fluminense nicht freigegeben wurde. Zum anderen wollte er vom unter Dunga eingeschlagenen Weg nicht gänzlich abrücken und den Fußball in Brasilien modernisieren, ja sogar europäisieren, obwohl er eine Vielzahl von Spielern aus der heimischen Liga in seinen Kader berief.

Brasilien muss Fußball europäisieren

Der Name Brasilien hat in der Fußballwelt noch immer einen ganz besonderen Klang. Die Selecao steht für Spielkunst, Genussfußball und faszinierende Leichtigkeit. Das alles wollen die Leute auch sehen, wenn die Nationalmannschaft auftritt. Nur hat sich der Fußball verändert. Das Spiel ist athletischer geworden, schneller, direkter.

Darauf muss auch Brasilien reagieren. Und den Maßstab setzt nun mal das Spiel in Europa. Dort ist der Raum knapper, das Spiel härter und intensiver als in der brasilianischen Liga.

Dunga wollte den brasilianischen Fußball in die Moderne führen und wurde nach dem unglücklichen Viertelfinalaus gegen die Niederlande entlassen. Menezes wurde schließlich die verpasste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen zum Verhängnis. Vier Monate später, nach einem 2:1-Sieg über den Erzrivalen Argentinien wurde er gefeuert.

Menezes ein Bauernopfer

Die Trennung kam nicht überraschend und hatte auch mit politischen Spielchen im Hintergrund zu tun. Aber die Aufgabe Brasilien vier Jahre auf dem Weg zur Heim-WM 2014 zu betreuen, erschien von Beginn an unmöglich. Zu heftig war die Kritik in der Öffentlichkeit. Der Trainer musste am Ende als Bauernopfer herhalten, um Volkes Seele zu beruhigen.

Ex-Stürmer Romario, der mittlerweile als Politiker aktiv ist, drosch von Beginn an auf Menezes ein und beschrieb den Tag seiner Entlassung als "historischen Moment", der mit einem Feuerwerk gefeiert werden müsste. Menezes war ein Übergangstrainer, der vieles richtig machte, aber trotzdem immer in der Kritik stand.

Bei der Lösung des Problems griff der Fußballverband CBF auf Altbewährtes zurück. Der neue Präsident Juan Maria Marin hofft darauf, dass sich Geschichte wiederholt und holte den Weltmeistertrainer von 2002 Luiz Felipe Scolari zurück. Als technischer Direktor steht ihm der Weltmeistertrainer von 1994 Carlos Alberto Perreira zur Seite. Die Modernisierung des Spiels muss warten.

Scolari: Der Gaucho mit dem Holzfuß

Scolari also, ein störrischer, knurriger Typ, der in Brasilien aufgrund seiner Erfolge zwar geachtet und respektiert, aber nicht geliebt wird. Scolari ist ein Gaucho, wie Männer aus dem Süden des Landes genannt werden. Gauchos sind ein grober Menschenschlag, die mit dem lässigen Leben an der Copacabana nichts gemeinsam haben. Leute, die Mate trinken und Churrasco essen. Zu seiner aktiven Zeit war er ein durchschnittlicher Spieler, der den Beinamen "Holzfuß" trug.

Aber Scolari hat den WM-Titel 2002 in seiner Vita stehen. Damals wurde die Ausbootung Romarios zum Politikum, selbst der Staatspräsident setzte sich für den Stürmerstar ein. Vergebens. Scolari blieb stur, verzichtete auf Romario bei der WM in Japan und Südkorea und hatte am Ende alles richtig gemacht.

Ohne Ronaldinho und Kaka

2013 heißen die großen Namen, die Scolari nicht brauchen kann, Ronaldinho und Kaka. Beide stehen nicht im Kader für die Testspiele gegen England und Frankreich sowie für den Confed Cup. Ein erstes Zeichen, dass für beide eine Teilnahme an der WM im kommenden Jahr sehr schwer werden dürfte.

Aber auch unter Scolari kommt die Selecao kaum voran. Von sechs Testspielen wurde nur eins gewonnen, aber auch nur eins verloren. Zuletzt gab es ein 2:2 gegen England. Kritik schlägt auch ihm entgegen, perlt aber ab. "Er ist charismatischer und widerstandsfähiger als Menezes und hat mehr Erfahrung", sagt Paulo Vinicius Coelho, einer der populärsten Fußballjournalisten Brasiliens, dem österreichischen Fußballmagazin "Ballesterer".

2010 wurde Scolari während eines TV-Interviews von der Tribüne mit einem Radio beworfen und am Kopf getroffen. Er drehte sich um und drohte den Rowdys auf der Tribüne mit der Faust. "Es braucht schon mehr als ein Radio, um mich niederzustrecken", kommentierte Scolari.

Präsident Marin stellte ihm vorsorglich schon eine Jobgarantie über den Confed Cup hinaus aus. Wenn Deutschland eine Turniermannschaft ist, dann ist Scolari ein Turniertrainer.

Scolari ein Turniertrainer

Nach dem WM-Sieg mit Brasilien führte er Portugal bis ins Finale der EM 2004, ins Halbfinale der WM 2006 und ins Viertelfinale der EM 2008. "Scolari kann der Mannschaft das Gefühl geben, dass sie Weltmeister werden kann", sagt Coelho. "Sein Fokus wird darauf liegen, eine starke Turniermannschaft zu bilden."

Das größte Problem dabei ist die Alterstruktur des Kaders. Brasilien hat viele junge Spieler wie Neymar, Oscar, Lucas, Pato oder Ganso, doch es fehlt an gestandenen Führungspersönlichkeiten, vor allem im Mittelfeld und im Angriff. Nur in der Defensive sind mit Thiago Silva, Dani Alves und Dante erfahrene Spieler dabei.

"Weltmeister oder nichts!"

"Wenn ich auf die großen Spieler des brasilianischen Fußballs zurückblicke - Didi, Garrincha, Zico, Falcao, Socrates, Careca, Romario -, war keiner von ihnen mit 20 Jahren Stammspieler", sagt Coelho. "Nur zwei Ausnahmespieler haben in so jungen Jahren bereits Schlüsselrollen innegehabt." Pele und Ronaldo.

Die Aussichten für Brasilien sind aktuell eher düster, die Erwartungen trotzdem riesengroß. 192 Millionen Brasilianer hoffen: Felipao wird's schon richten. Der weiß: "Mit Platz drei ist bei uns die Hölle los. Weltmeister oder nichts!"

Brasiliens Kader für den Confed Cup 2013

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