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Fussball

"Irgendwann ehrlich zu sich selbst sein"

Simon Rolfes (hier mit Michael Ballack) begann bereits zu Karrierebeginn sich mit Finanz-Investments auseinanderzusetzen
© getty

SPOX: Sie waren also ein Musterprofi, was die Planung für das Leben nach der Karriere angeht. Heutzutage geht die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) ja auch in die Nachwuchsleistungszentren und informiert über Angebote. Was für Angebote gab es in Ihren ersten Profi-Jahren?

Rolfes: Die VDV war ja schon immer umtriebig. Das Thema Karriere nach der Karriere hat sie weiter ausgebaut. Damals war die Verknüpfung mit den Nachwuchsabteilungen überhaupt nicht da. Man darf natürlich nicht vergessen: Viele Spieler haben den Status Profi, doch die Bedürfnisse eines Spielers, der in der 2. Liga oder darunter spielt, sind ganz andere als bei einem Nationalspieler. Damals wie heute ist der Umgang mit der Problematik in der absoluten Leistungsspitze sehr gering ausgeprägt.

SPOX: Bleiben wir im Spitzenbereich, in dem Sie als Nationalspieler bei Bayer jahrelang waren: Kommen Spieler da in Nöte aufgrund falscher oder nicht vorhandener Beratungen während oder nach der Karriere?

Rolfes: Natürlich. Es gab Mitspieler, die in Schwierigkeiten waren und mich um Rat fragten, weil sie wussten, dass ich mich mit dem Thema intensiv beschäftige. Fußballer sind von problematischen Investments genauso betroffen wie viele andere auch.

SPOX: Was meinen Sie konkret?

Rolfes: Schiffsfonds und andere Konstruktionen, der Madoff-Skandal. Natürlich kam und kommt es häufig vor, dass Fußballer nicht richtig beraten werden oder Berater eine fragwürdige Rolle einnehmen und nicht über die nötigen Kenntnisse im Finanzsektor verfügen. Was dann über Kooperationspartner abgewickelt wird, hat nicht immer die beste Qualität. Das ist schade. Da unterscheiden wir uns komplett, weil wir den Fokus auch darauf legen und nicht nur aufs Sportliche. Wir haben die Expertise in unserer Agentur.

SPOX: Der Fokus der meisten liegt aber doch darauf, viel Geld in kurzer Zeit zu verdienen.

Rolfes: Es ist doch klar, dass jeder eine große sportliche Karriere machen will und natürlich muss im Hier und Jetzt dort auch der primäre Fokus liegen. Aber die andere Komponente ist das dicke Fundament für das Leben danach, gerade wenn es im Fußball gut läuft.

SPOX: Und was ist mit den Profis aus niederen Spielklassen?

Rolfes: Für Spieler, die weniger verdienen, ist eine falsche Geldanlage noch dramatischer. Wenn da etwas wegbricht, steht man mit Mitte 30 - häufig ohne Ausbildung - vor einem großen Problem.

SPOX: Wie viele Ihrer damaligen Mitspieler haben sich denn überhaupt Gedanken über das Leben nach dem Fußball gemacht?

Rolfes: So eine Handvoll auf die Größe eines Kaders bezogen ist ein realistischer Wert. Mit 19 oder 20 ist es aber auch wichtig, den Fokus auf das Fußballerische zu legen, um anzukommen, um Leistung zu bringen, um den Anforderungen des Profifußballs gerecht zu werden. Das ist alles in Ordnung und richtig so. In der zweiten Phase einer Karriere sollte aber Stück für Stück ein Gefühl dafür entwickelt werden, was danach kommen soll, welche Qualitäten man hat. Recht wenige nutzen die durchaus vorhandene Zeit. Als Profi gibt es durch die Bekanntheit und andere Privilegien ja auch Türöffner für die Karriere danach. Die muss man aber auch nutzen. Und sich auch mental darauf vorbereiten.

SPOX: Mittlerweile gibt es Vollprofis bis in die Oberligen hinein. Die haben beim Karriereende nicht immer den finanziellen Background, sich ausreichend Zeit für eine Umorientierung zu nehmen. Als ehemaliger Spielerrat der VDV hatten Sie regelmäßig Kontakt zu Spielern. Vor welchen Herausforderungen stehen diese Menschen?

Rolfes: Das ist relativ einfach: Als durchschnittlicher Drittligaprofi verdient man im Bundesdurchschnitt immer noch sehr gut. Dieser Mehrverdienst muss zur Seite gelegt werden. Irgendwann muss der Spieler dann auch ehrlich zu sich selbst sein und sich eingestehen: Okay, die ganz große Karriere wird es vielleicht nicht mehr. Die Notwendigkeit der Vorbereitung ist da viel größer. Der Druck besteht, direkt nach der Karriere eine Ausbildung abzuschließen oder einen Job zu finden, der seinen Lebensunterhalt sicherstellt. Um ein Studium oder eine Ausbildung angehen zu können, sollte man deswegen etwas Geld zur Seite gelegt haben. Aber bei vielen geht es auch um das Thema Anspruch.

SPOX: Anspruch?

Rolfes: Der Anteil der Profis, die nach der Karriere ähnlich gut verdienen, ist sehr gering. Da reden wir vielleicht von einem Prozent. Da muss also auch der Drittligaprofi entweder von seinem hohen Lebensstandard herunter, oder er hat den Standard gar nicht so hochgefahren. Damit er sich mit einem normalen Job, was auch immer er macht, gut halten kann. Dann ist der weitere Lebensweg unproblematisch. Denn vielleicht hat er sich etwas angespart, vielleicht ist das Haus schon abbezahlt. Das sind ja großartige Dinge. Das ist eine Ausgangsposition, die andere Menschen mit Anfang 30 noch nicht haben. Das müssen Fußballer für sich nutzen.

SPOX: Wenn Sie heute an Ihre letzten ein, zwei Profijahre zurückdenken. Bereuen Sie es zumindest ein bisschen, so früh aufgehört zu haben?

Rolfes: Nein, definitiv nicht. Ich bin mit meiner Entscheidung aus vielen Gründen sehr zufrieden. Die Herausforderung des Übergangs hast Du immer. Das wäre zwei Jahre später genauso gewesen. Die Karriere auf einem hohen Niveau, gesundheitlich stabil abgeschlossen zu haben, das hat für mich noch heute einen sehr hohen Wert und ich bin ehrlich glücklich darüber, dass ich es so gut hinbekommen habe.

SPOX: Würden Sie sagen, dass es Ihren Kollegen da ähnlich geht?

Rolfes: Das muss man immer individuell sehen. Jeder Typ ist anders. Möglichst lange zu spielen ist ja auch okay. So wie es Claudio Pizarro macht, das ist ein gutes Modell. Der Zeitpunkt ist etwas ganz Individuelles.

SPOX: Die Karriereenden verschieben sich aber eher nach vorne.

Rolfes: Ja, das gilt es grundsätzlich festzuhalten. Die Anzahl der Spieler, die mit 31 aufhören, wird in den kommenden drei, vier Jahren deutlich steigen. Sie kommen immer früher in hohe Belastungen und deswegen wird ihre Karriere auch früher enden.

SPOX: Zu Ihrer Zeit war unter den Jungprofis noch eine höhere Prozentzahl dabei, die eine Ausbildung abschloss. Heute machen dafür mehr angehende Profis (Fach)-Abitur und konzentrieren sich dann auf Fußball, weil sie so früh aus den NLZ kommen. Die Gefahr besteht, dass ein Spieler danach nichts in den Händen hält.

Rolfes: Das wird ein größeres Thema werden. Da müssen der Fußball und die Berater Antworten finden. Die Karriere wird im Idealfall heute zwischen 18 bis 30 Jahren liegen und nicht mehr zwischen 22 bis 35 Jahren. Dementsprechend verschiebt sich auch der Leistungshöhepunkt weiter nach vorne. Trotz des G8‑Abiturs gibt es immer wieder Jungprofis, die mit dem Gedanken spielen, die Schule aufgrund einer sich frühzeitig bietenden Chance im Profifußball zu beenden. Ein Schulabbruch würde diese Spieler am Ende mit 33 aber teuer zu stehen kommen. Die Schule oder eine Ausbildung zu Ende machen ist definitiv die richtige Entscheidung.

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