Fussball

Christian Gentner im "kicker meets DAZN"-Podcast: "Beim VfB war der Gedanke an den Abstieg eine Katastrophe"

Von SPOX
Christian Gentner wechselte nach dem Abstieg mit dem VfB zu Union Berlin.

Vor fast genau 15 Jahren gab Christian Gentner sein Debüt in der Bundesliga - inzwischen gehört der Profi von Union Berlin zu den erfahrensten Routiniers im Oberhaus. In der neuen Folge des "kicker meets DAZN"-Podcasts spricht der 34-Jährige ausführlich über seine Karriere.

Herr Gentner, wie lange beschäftigen Sie sich mit so bitteren Niederlagen, wie dem 2:3 gegen Leverkusen?

Christian Gentner: Gerade bei so knappen Entscheidungen ärgert man sich auch noch am Tag danach. Selbst mit dem einen Punkt hätten wir einen großen Schritt machen können, da die anderen Teams auf den Abstiegsplätzen alle verloren haben. Da ist so eine knappe Niederlage schwer zu akzeptieren.

Ist es durch die zunehmende Routine einfacher geworden, Niederlagen zu verdauen?

Gentner: Jein. Da ich mittlerweile eine Familie und Kinder habe, ist mein Fokus nicht mehr den ganzen Tag auf Fußball gerichtet. Es ist eine willkommene Abwechslung, Zeit mit den Kindern zu verbringen. Und es tut mir gut, mich nicht zu sehr in verlorene Spiele hineinzusteigern, um sie so schnell wie möglich abzuhaken.

Gab es einen bestimmten Zeitpunkt, an Sie vom Nachwuchsspieler endgültig zum Profi gereift sind?

Gentner: Aufgrund meines Elternhauses und der guten Jugendabteilung in Stuttgart, die sehr viel Wert auf Disziplin legt, habe ich schon immer viel vom Erwachsensein mitbekommen. Da war ich einigen Spielern, die auch sehr viel Talent hatten, wahrscheinlich etwas voraus. Aber es gab immer Momente, in denen ich Anschub von außen brauchte. Zum Beispiel in Wolfsburg, unter Trainer Felix Magath. Da bin ich körperlich an meine Grenzen gekommen. Da habe ich gelernt, dass Training zwar wehtut, aber mir auch hilft und ich davon profitiere. Da habe ich viel in Sachen Vor- und Nachbereitung mitgenommen. Seit ein paar Jahren betreibe ich Yoga und arbeite ein wenig an meiner Geschmeidigkeit. Man lernt in der Karriere immer dazu und verlängert sie damit auch.

Viele Spieler orientieren sich an Ihrer professionellen Lebensweise. Ist das der richtige Weg?

Gentner: Ich habe mir früher auch immer bei anderen etwas abgeschaut, um zu sehen, warum er in dieser oder einer anderen Fähigkeit besser ist. Mit meinen 34 Jahren sehe ich immer noch Dinge, von denen ich denke, dass ich sie in mein Trainingsprogramm mit einbauen kann. Deshalb war es mir in meiner Funktion als Kapitän in Stuttgart immer wichtig, dass ich in meiner Art, wie ich mit Leuten kommuniziere oder arbeite, immer ein Vorbild bin. Wenn ich dann höre, dass sich Spieler bei mir etwas abschauen, ist das eine große Bestätigung und freut mich sehr.

Christian Gentner: "Die Fans sind einfach nur dankbar"

Glauben Sie, dass es einen Generationenkonflikt im Profi-Fußball gibt. Und wenn ja, ist dieser eher stärker oder schwächer geworden?

Gentner: Pauschal kann man das nicht sagen. Aber die jüngeren haben heute mehr Kraft, weil sie als Gruppe größer geworden sind. Als ich damals beim VfB Stuttgart zu den Profis gestoßen bin, da gab es Mario Gomez und Marco Caligiuri in meinem Alter. Die nächst älteren Spieler waren schon 23 oder 24 Jahre. Heute gibt es zehn, elf, zwölf Spieler zwischen 18 und 20. Dadurch ist das Selbstbewusstsein ausgeprägter, um sich zum Beispiel mal lautstark einen Witz in der Kabine zu erzählen. Das war früher weniger der Fall, da waren wir zurückhaltender. Aber das war nicht unbedingt von Vorteil. Jeder Spieler muss ein gesundes Gleichgewicht finden, denn eine gesunde Portion Frechheit gehört genauso dazu wie der Respekt gegenüber verdienten Mitspielern.

Hat sich auch der Umgang zu den Schiedsrichtern verändert?

Gentner: Zu Beginn meiner Karriere habe ich mich gegenüber Schiedsrichtern komplett zurückgehalten. Als Kapitän hatte ich natürlich viel mehr direkten Kontakt, sei es bei der Platzwahl oder nach Abpfiff, wenn man sich über die ein oder andere Szene unterhält. Zu den meisten Schiedsrichtern habe ich ein sehr gutes Verhältnis und darf mir auch mal eine flapsigen Spruch während des Spiels erlauben. Und das schätze ich an Schiedsrichtern sehr, wenn sie gelassen und nicht schnell mit Drohungen oder Verwarnungen reagieren. Aber sie stehen sehr unter Beobachtungen und deshalb ist es für sie nicht sehr einfach. Manche bauen deshalb einen Schutz um sich herum auf und das ist für uns Spieler dann schwieriger zu handhaben.

Was halten Sie von der neuen Vorgabe an die Schiedsrichter, bei Unsportlichkeiten schneller die Gelbe Karte zu zeigen?

Gentner: Grundsätzlich finde ich das schon sinnvoll. Aber die Schiedsrichter müssen auch etwas aushalten können. Wenn ein Spieler aus der Emotion heraus mal abwinkt, dann kann man das ansprechen, sollte aber Fingerspitzengefühl zeigen. Das wissen wir dann auch zu schätzen.

Waren früher mehr echte Typen bei den Schiedsrichtern unterwegs?

Gentner: Das ist schwierig zu sagen. Ich glaube, dass manche Schiedsrichter auch nach Erreichen der Altersgrenze gut und gerne noch vier, fünf Jahre auf Top-Niveau weiterpfeifen könnten. Da sollte die Routine vielleicht wichtiger sein, als die Fitnesswerte. Wenn ich mich mit Spielern aus anderen ausländischen Ligen austausche, glaube ich immer noch, dass unser Schiedsrichtewesen hochqualifiziert ausgebildet ist.

Werden kleinere Teams, wie zum Beispiel Union als Aufsteiger, von den Schiedsrichtern benachteiligt?

Gentner: Die Wahrnehmung kann vielleicht so sein. Aber damit sollten wir uns nicht beschäftigen, denn das ist nicht mein Eindruck.

Wie war für Sie der Wechsel vom VfB Stuttgart zu Union Berlin?

Gentner: Ich habe mich lange darauf vorbereitet und habe schnell gemerkt, dass es schon etwas anderes ist bei Union Berlin. Ich habe gleich eine ganz andere Erwartungshaltung gespürt. Die Fans sind einfach nur dankbar und jeder Spieltag ist ein Festtag für sie. Dass es für uns gerade so gut läuft, macht es natürlich umso schöner.

Christian Gentner: "Ich möchte dem Fußball erhalten bleiben"

Ist diese niedrige Erwartungshaltung ein Vorteil?

Gentner: Das ist definitiv ein Pluspunkt. Das macht es von der Herangehensweise einfacher, aber leichter umzusetzen ist es dennoch nicht. Wir haben einen positiven Druck. Der Klassenerhalt wäre eine Sensation. Und jeder Punkt ist für uns ein riesen Erfolg. Beim VfB war der Gedanke an den Abstieg eine Katastrophe. Aber da waren die Zuschauer über all die Jahre auch anderes gewöhnt.

Gegen den VfL Wolfsburg könnten Sie Ihr 400. Bundesliga-Spiel absolvieren. Macht Sie das stolz?

Gentner: Das spricht schon für eine gesunde Karriere. Ich bin froh, dass mein Körper da so zugelassen hat. Ich musste aber sehr viel investieren dafür. Natürlich gehörte auch etwas Glück dazu.

Was wird Ihnen nach dem Ende Ihrer Karriere fehlen?

Gentner: Das ganze Drumherum. Das Training unter der Woche, die Zeit in der Kabine mit all den Gesprächen und Blödsinn, den wir reden. Das begleitet mich seit gut 20 Jahren. Manche Dinge verseht man nur unter Gleichgesinnten, wenn man sie erzählt. All die Erlebnisse bleiben für immer.

Wäre das Ausland für Sie noch einmal eine Option?

Gentner: Da würde ich mich nie festlegen wollen und nichts ausschließen. Ich hatte immer schon mal die MLS in den USA oder die australische Liga im Hinterkopf. Das verschiebt sich mit der Familie etwas, weil man so eine Entscheidung nicht mehr alleine trifft. Als Lebenserfahrung wäre es sicherlich wertvoll. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, auch nächste Saison noch in der Bundesliga zu spielen.

Kommt für Sie der Trainerjob in Frage?

Gentner: Ich möchte dem Fußball erhalten bleiben. Mein älterer Bruder ist im Nachwuchsleistungszentrum des VfB aktiv und hat sogar kurzfristig die U 21 des Klubs als Trainer übernommen. Ich habe ebenfalls vor, die Trainerlizenz zu absolvieren. Ob ich das dann auch ausüben werde, da will ich mich noch nicht festlegen. Vielleicht wird es auch was im Management. Ich kann mir sehr, sehr viel vorstellen und es gab in Stuttgart auch schon mal Gespräche mit Michael Reschke damals und Thomas Hitzlsperger heute.

Hätten Sie einen Ratschlag für den jungen Christian Gentner von früher?

Gentner: Nein, ich bin froh, wie alles verlaufen ist. Rückschläge und Momente, in denen man zweifelt und sich ärgert, waren richtig und nachvollziehbar. Diese Erfahrungen helfen mir jetzt, wenn ich mich mit jungen Spielern unterhalte. Man muss verstehen und lernen, dass man alles für sich macht. Wenn man im Training kein Gas gibt, wischt man dem Trainer keins aus sondern stellt sich selbst ein Bein.

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