Fussball

"kicker meets DAZN - Der Fußball Podcast": Reiner Calmund über Wintertransfers, seinen größten Flop und Investoren

Von Alexander Schlüter, Benny Zander
Reiner Calmund war jahrelang Manager von Bayer Leverkusen.

In der neuen Ausgabe von "Kicker meets DAZN - Der Fußball Podcast", der ersten in diesem Jahr, spricht Manager-Ikone Reiner Calmund über den Sinn und Unsinn von Wintertransfers, seine größten Tops und Flops, den spannenden Titelkampf und Investoren in der Bundesliga.

Reiner Calmund über ...

... mögliche Gründe für einen Transfer im Winter: "Entweder haben sich Spieler verletzt und es gibt Personaldruck. Oder aber es ist ein Schnäppchen auf dem Markt, das im Sommer teurer wäre und bei dem man jetzt zugreifen muss. Es gibt die unterschiedlichsten Konstellationen."

... interne Absprachen vor Wintertransfers: "In Leverkusen waren die vier Verantwortlichen, der Trainer, der Geschäftsführer, der Manager und damals noch Andreas Rettig als mein Assistent, in alles involviert. Jeder einzelne konnte einen Transfer blockieren, wir wurden erst dann tätig, wenn alle vier zugestimmt hatten. So hatten wir eine feste Linie und jeder im Klub stand hinter den Transfers - gerade dann, wenn es sich um richtig teure Transfers handelte."

... die aktuellen Dissonanzen bei den Bayern: "Normalerweise sind bis auf Süle Ende Januar oder Anfang Februar alle Spieler wieder fit. Es besteht also keine besondere Notsituation. Die Bayern haben den besten Kader mit den erfahrensten Spielern. Man muss deshalb klar sagen: Die Bayern müssen keinen Noteinkauf tätigen. Aber: Ist ein Spieler, der sportlich und wirtschaftlich interessant ist, auf dem Markt, dann schlagen die Bayern auch zu. Das machen die immer. Es ist sehr schwierig, diesen Kader punktuell zu verstärken. Es ist legitim, dass Hansi Flick noch Zugänge fordert. Aber nüchtern betrachtet ist das nicht notwendig."

"So Typen wie der dicke Calli haben eine gute Basis geschaffen"

... die veränderten Rahmenbedingungen: "Wir hatten bei Bayer als erste auch Scouting am PC betrieben. Wir haben uns Video zuschicken lassen, Zeitungsartikel und sind viel rumgefahren. Jorginho haben wir für 700.000 D-Mark gekauft damals. Irgendwann wurden die anderen Vereine auch hellhörig, dann wurde alles teurer und schwieriger. Mittlerweile ist alles messerscharf aufgeteilt und der Konkurrenzkampf schwieriger. Aber so Typen wie Uli Hoeneß, Rudi Assauer, Michael Meier, Klaus Allofs, Karl-Heinz Rummenigge und auch der dicke Calli haben für die Bundesliga eine gute Basis geschaffen. Wir haben die DFL geschaffen, die mittlerweile vom ganz wichtigen und überragenden Christian Seifert geführt wird. Wir haben die TV-Strukturen geschaffen und die NLZ eingeführt. Aber die One-Man-Shows sind vorbei, die erstklassigen Manager machen heute einen exzellenten Job."

... seine spektakulärsten Transfers: "Mit dem Geld aus dem Emerson-Verkauf haben wir Diego Placente, Lucio und Dimitar Berbatov geholt, allesamt spätere Weltklassespieler. Der erste war Tita, den haben wir damals für 500.000 US-Dollar geholt und der hat uns zum Europapokaltitel geschossen. Den habe ich zufällig bei einem Spiel in Brasilien gesehen und dann sofort verpflichtet. Manchmal benötigt man eben auch ein bisschen Glück."

Reiner Calmund über seinen größten Flop: "Rohrkrepierer!"

... seinen größten Flop: "Im Winter 2003 hatten wir acht, neun Verletzte und mussten handeln. Wir brauchten einen Innenverteidiger. Über meinen Kontakt nach Brasilien haben wir Cris angeboten bekommen von Cruzeiro, 800.000 Euro Leihgebühr und das Versprechen auf ein echtes Schnäppchen. Und was war? Rohrkrepierer! Eine große Zeitung hat damals geschrieben: 'Calli hat den nachts an der Copacabana verpflichtet.' Ich habe Lucio und Juan, meine brasilianischen Innenverteidiger gefragt: 'Ist das überhaupt der Cris?' Wir dachten, wir hätten vielleicht einen ganz anderen Spieler verpflichtet ... Cris hat zwei Spiele für uns gemacht, obwohl wir keine Verteidiger mehr hatten. Dann geht der wieder weg, nach Lyon und wird dort in vier Jahren viermal Meister und zweimal zum besten Spieler der Liga gewählt."

... den Titelkampf: "Ich bin der Auffassung, dass die Bayern weiter der große Favorit sind. Allerdings hat Leipzig eine sehr junge, stabile Mannschaft mit einer tollen Defensive und einem Top-Trainer. Für mich ist Julian Nagelsmann europäische Spitzenklasse. Dazu kommt die sehr seriöse, unaufgeregte Vereinsführung um Oliver Mintzlaff und Markus Krösche. Klar gibt es Unwägbarkeiten und man muss schauen, ob sie stabil bleiben und ihre Nerven im Griff haben. Aber im Moment sind sie fast auf Augenhöhe - und sie haben vier Punkte mehr. Dortmund hat mit Haaland jetzt einen Spieler, hinter dem sich die anderen Offensivspieler besser in Szene setzen können."

... seinen Ex-Klub Bayer Leverkusen: "Die machen da einen super Job, aber ich würde mir auch etwas mehr Kontinuität der Mannschaft wünschen. Bei aller Genialität und bei allem Zauberfußball müssten da noch mehr Tore fallen. Und ein richtig starker, stabiler Abwehrspieler könnte die Mannschaft noch einen Schritt nach vorne bringen. Für Bayer geht es um den Champions-League-Platz, alles andere wäre ein Wunder."

Calmund über Investoren: "Die Kritik an Leipzig wird sich legen"

... die Entwicklung von Kai Havertz: "Jeder Star hat in seiner Entwicklung auch mal eine Delle, das ist ja kein Roboter. Havertz ist ein absolutes Ausnahmetalent. Der wird mit Sicherheit kommen."

... Investoren in der Liga: "Früher, zwischen 1974 und 1990, hat der deutsche Fußball viele Erfolge gefeiert, mit seinen Klubs und mit der Nationalmannschaft. Der Zuschauerschnitt betrug damals aber um die 25.000 pro Spiel. Mittlerweile liegt der über 40.000 Zuschauern - obwohl jedes Tor im Fernsehen live übertragen wird. Der Frage 'Verliert der Fußball seine Seele?' stelle ich entgegen: 'Wer beansprucht die Seele?' Sollen wir einem Fan von RB Leipzig sagen, er dürfe kein Fan von RB Leipzig sein, weil sein Klub erst zehn Jahre alt ist? Oder weil der Klub eine Brause protegiert? Das ist doch alles Blödsinn. Bayern müsste ohne die Unterstützung von Telekom, Allianz, Adidas genauso wie Dortmund ohne Evonik, Puma, Signal Iduna doch viel kleinere Brötchen backen. Leverkusen: Bayer. Wolfsburg: VW. Schalke: Gazprom. Oder jetzt Hertha BSC mit dem neuen Investor auf dem Vormarsch. Da kann ich doch nicht mit Mateschitz anfangen. Als Vettel mit dem Brause-Auto gefahren ist, haben alle noch gejubelt... Leipzig macht einen super Job. Die Kritik an Leipzig wird sich legen. Oder Dietmar Hopp: Der hat in seiner Region über 500 Millionen in soziale Zwecke investiert. Das gesamte Modell Hopp ist topp. Die finanzieren sich mittlerweile aus eigener Kraft. Und wenn andere in der Zeit heiapopeia gemacht haben, haben sie Pech gehabt."

 

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