Fussball

Babak Rafati im "kicker meets DAZN – der Fußball Podcast": "Wir Schiedsrichter sind wie eine Sekte"

Von SPOX
Babak Rafati war früher Bundesliga-Schiedsrichter.

Ex-Bundesliga-Referee Babak Rafati nimmt bei "Kicker meets DAZN - Der Fußball Podcast" kein Blatt vor den Mund und teilt kräftig gegen den DFB, die dortigen Strukturen und seine ehemalige Zunft aus.

Außerdem erinnert sich der 49-Jährige an die dunkelsten Momente seines Lebens.

Babak Rafati über ...

... das Abdriften in die Depression: "Wir hatten damals diesen Führungswechsel beim DFB. Und ich bin bekannt dafür, dass ich immer den Mund aufmache und sachlich, aber offen meine Meinung wiedergebe. Ich habe die Missverhältnisse damals angesprochen und mir sagte der damalige Chef: ‚Kümmere dich nicht drum, sonst passiert dir was.' Ich habe als Schiedsrichter auch Fehler gemacht. Das muss man ganz klar und deutlich ansprechen. Ich habe ihnen damit Munition an die Hand gegeben, dass man mich auch entsprechend bearbeitet. Und dann entsteht eine 18-monatige Krise, wo ich auf dem Platz Fehler mache.

Es war einfach unschön, was die Führungskräfte mit mir gemacht haben und dann entsteht dadurch automatisch Leistungsdruck und Stress. Und dann kommen diese männliche Ideale, Stärke zeigen, es ihnen beweisen, durch. Das hat mich dann runtergerissen. Dann kommt die Antriebslosigkeit, du hast keinen Bock mehr, die Sporttasche zu packen, die Schlaflosigkeit. Ich habe viel über die für mich unmenschlichen Aussagen meiner Führungskräfte gegrübelt - und den Verlust von Selbst- und Nächstenliebe dazu. Meine Frau und meine Familie waren mir vollkommen egal, ich habe sie nicht mehr wahrgenommen. Und mich selbst auch nicht. Ich habe alle körperlichen Probleme wie Achillessehnenprobleme, Herz- und Brustschmerzen, einfach weggedrückt. Weil ich funktionieren musste."

... seinen versuchten Suizid: "In dieser Nacht war ich quasi ohnmächtig und habe alles in diesem Zimmer in die Hand genommen und als Waffe gegen mich eingesetzt. Du denkst da nicht an den Tod, sondern willst nur diesen brutal hässlichen Film beenden, der dich belastet. Für diese Nacht bin nur ich ganz allein verantwortlich. Nur ich hatte Blut unter den Fingernägeln und niemand anderes. Wenngleich das auch unschön war, was da beim DFB passierte. Aber: Derjenige, der am respektlosesten mit mir umgegangen ist, war ich selbst. Das ist die positive Botschaft: Wir haben es in der Hand, wir können die Grenze setzen."

... Veränderungen im Schiedsrichterwesen bis heute: "Als es passiert war, waren alle geschockt. Dann war ein bisschen Ruhe bei den Führungskräften da. Aber so zwei, zweieinhalb Jahre nach meinem Vorfall habe ich erfahren, dass es so ähnlich weitergeht. Dass diese Machenschaften, diese Strukturen, dieses ‚Du musst nach meinen Prinzipien verfahren, sonst säge ich dich ab', so weitergelebt werden. Schade, dass sich mit dem Bewusstsein von damals nicht etwas verändert hat. Dass immer noch Schiedsrichter bearbeitet und vor versammelter Mannschaft klein gemacht werden, ist nicht der richtige Weg. Letztlich tut es mir für den Fußball leid. Denn durch diese Strukturen hat der deutsche Fußball, die Bundesliga, an Qualität verloren."

... die Fehler im Schiedsrichterwesen: "Nehmen wir den Videobeweis: Der ist an sich eine gute Sache, aber die Umsetzung ist katastrophal. Der Schiedsrichter hat jahrelang gelernt, der Chef auf dem Platz zu sein. Jetzt kommt plötzlich der VAR, der praktisch der Konkurrent ist - das ist die nächste Tücke: Ein Bundesligaschiedsrichter sitzt vor dem Monitor. Womöglich hat der eine andere Spielphilosophie, der eine pfeift großzügiger, der vor dem Monitor kleinlicher. Das passt dann schon mal nicht. Du musst darauf achten, wer vor dem Monitor sitzt - und das darf nicht der sein, der von der letzten Woche bei derselben Mannschaft noch befangen ist oder beschimpft wurde. Wolfgang Stark wurde vom damaligen DFB-Präsidenten, der keine Ahnung vom Fußball hatte, als Videoschiedsrichter abgesägt. Das spüren die Schiedsrichter: Da ist nicht mein Vorgesetzter der Entscheider, sondern der Präsident beim DFB. Das erzeugt Druck.

Die Strukturen sind immer noch so verfangen, dass wir immer noch vieles falsch machen. Da gibt es wahnsinniges Steigerungspotenzial, wenn diese ganzen Menschen ihre Eitelkeiten in die Schublade packen würden und endlich mal für den deutschen Fußball was tun. Dazu noch: Die Spielleitung ist viel zu kleinlich, es herrscht eine Fehlerkultur. Wir pfeifen jeden Mist weg und wundern uns dann, wenn international diese Zweikämpfe dann nicht abgepfiffen werden. Wenn dann kein Spieler mehr gegenhalten kann. Regularien, schön und gut. Aber mit Menschenverstand und einer Portion Bauchgefühl kann man einiges viel besser lösen. Wir haben uns komplett damit verzockt, Trainer die Gelbe Karte zu zeigen, wenn sie sich daneben benehmen. Da wurde jetzt noch eins obendrauf gepackt. Wir müssen stattdessen mit unseren Fehlern viel mehr in die Öffentlichkeit. Wir Schiedsrichter sind wie eine Sekte und wollen bloß nichts nach außen geben. Aber wenn wir das nach außen erklären würden, dann könnte jeder Trainer und Fan etwas damit anfangen und sagen: ‚Okay, war ein Fehler. Aber er gibt es wenigstens offen zu.' Der Umgang mit Fehlern ist ein Problem. Wir Halbgötter in Schwarz öffnen uns nicht und sind nicht transparent genug. Es gibt zudem nullkommanull Persönlichkeitsentwicklung beim DFB, der Schiedsrichterbereich wird wahnsinnig vernachlässigt."

... über den fehlenden Respekt vor Schiedsrichtern im Profifußball: "Es hat sich nicht gebessert. Aber es geht dabei auch noch um etwas anderes: Ich muss mich als Schiedsrichter nicht als Weltverbesserer sehen. Ich muss den Spieler verstehen, warum er mit allen Mitteln zum Beispiel seinen Gegenspieler stoppen will. Dieses Einfordern von Respekt hat immer auch mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun. Wir können von den Spielern nicht einfordern, dass sie uns respektvoll behandeln. Sie verfolgen ganz andere Motive, müssen sich fallen lassen, eine Schwalbe produzieren, mal abwinken. Das gehört alles zum Geschäft. Wenn ich Gelb zeigen musste, habe ich früher den Spieler immer besonders scharf ud streng dabei angeschaut. Das ist nicht gut. Genauso könnte ich auch sagen: ‚Verstehe, dass du den jetzt wegwichsen musstest. Aber das gibt halt Gelb.' Und dann klopft der mit auf die Schulter und 60.000 im Stadion denken: ‚Ja leck mich am Arsch, wieso klopft der dem jetzt auf die Schulter?'" Gleiches Ergebnis, aber anders präsentiert."

... die Auswüchse im Amateurfußball: "Jemandem ins Gesicht zu schlagen so wie jetzt am Wochenende in der Kreisklasse hat nicht unbedingt mit Respekt zu tun, sondern ist ein Gesellschaftsphänomen. Die Menschen sind generell gewaltbereiter geworden. Das ist absolut nicht tolerierbar und muss viel schärfer sanktioniert werden, als wir das in der Gerichtsbarkeit kennen. Da sind wir in Deutschland zu liberal."

... die Wirren der Handspielregel: "Wir haben nach neun Spieltagen schon mehr Theater als in der kompletten letzten Saison. Wir haben eine Erwartung geschürt, aber Pustekuchen. Auch da wieder: Es wird nach Vorgaben entschieden, aber weniger nach Sinn und Verstand und nach dem Geist des Fußballspiels. So wie jetzt am Wochenende bei der Handszene bei Mainz gegen Köln. Diese Regeln wurden von Opas, da sind sechs Leute 1.000 Jahre alt, verfasst, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Und wir Fußballer, von der Bundesliga bis zur Kreisklasse, müssen diesen Mist verzapfen. Das ist doch logisch, dass da Ärger aufkommt. Du hast mittlerweile bei 20 Schiedsrichtern 25 verschiedenen Meinungen. Die Absicht muss beim Handspiel wieder an erster Stelle stehen und nicht dieser Mist mit den Parametern."

... die Probleme als Schiedsrichtergespann: "Als Schiedsrichter in der Mitte kann man immer noch ein bisschen managen. Aber die Assistenten haben echt einen scheiß Job. Es gibt Konzessionsentscheidungen. Assistenten haben diese Möglichkeit nicht. Beim Videobeweis ist der Assistent der größte Gewinner: Er ist nicht mehr der Buhmann. Er wartet einfach mit dem Winken, auch wenn das die Zuschauer nicht gerne sehen. Aber die gegenläufigen Bewegungen der Spieler, der Moment des Abspiels: Das sind brutal schwierige, komplexe Momente, die man erfassen muss. Aber durch den Videobeweis machen sie so gut wie gar keine Fehler mehr."

... die Lust des Schiedsrichters an einem Spiel: "Es ist ein Privileg, dort zu pfeifen. Es ist ein richtig geiler Job. Man geht raus und genießt das Spiel. In den Stresssituationen ist es natürlich kein Spaß, aber die gehören auch dazu. Wenn ich Entscheider bin, muss ich auch diese Dinge verantworten."

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