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Fussball

Bayerns Basis hat Schlagseite

Von Thomas Gaber
Hermann Gerland trainiert die zweite Mannschaft des FC Bayern München
© Imago

Aus Mangel an Talenten ist die zweite Mannschaft des FC Bayern kaum noch vor dem Sturz in die Regionalliga zu retten. Die Klubführung sieht dem Abstieg gelassen entgegen, die Folgen wären jedoch fatal. Für den gesamten Verein.

Steffen Wohlfahrt musste sich sonderlich anstrengen. Po raus, Arme nach hinten ausfahren, eine mittelschnelle Drehung nach rechts, den Ball mit der linken Sohle ansaugen und nachziehen. Schon hatte Wohlfarth die entscheidenden Zentimeter zwischen sich und seinen Gegenspieler gelegt und konnte unbedrängt mit links abziehen.

Eine halbwegs elegante Bewegung reichte aus, um Breno im Zweikampf zu besiegen. Der Innenverteidiger des FC Bayern München, von seinem Präsidenten Uli Hoeneß einst als einer der "besten zentralen Abwehrspieler der Welt" bezeichnet, wurde nach seinem Waterloo gegen Samuel Eto'o also auch von den Bayern-Amateuren hergespielt.

Gewonnene Duelle gegen einen latent lustlos laufenden Verteidiger der Profis halfen den Spielern aus der zweiten Mannschaft aber auch nicht weiter vor dem Schicksalsspiel gegen den SV Babelsberg 03.

Durch ein Tor in der Nachspielzeit verlor Tabellen-Schlusslicht Bayern II sein Heimspiel gegen den Vorletzten mit 1:2, der Abstieg aus der 3. in die Regionalliga ist kaum noch zu verhindern.

Nerlinger: "Abstieg kein Untergangsszenario"

"Wenn wir gegen Babelsberg verlieren, steigen wir ab", hatte Trainer Hermann Gerland vor der Partie gemutmaßt. Hinterher wollte er von einer sofortigen Kapitulation nichts mehr wissen, wirkte aber niedergeschlagen und ratlos: "Wenn wir gegen den Vorletzten nicht gewinnen, gegen wen sollen wir denn dann gewinnen?"

Sieben Punkte beträgt der Rückstand der Bayern Amateure auf den rettenden Platz 17 bei neun ausstehenden Spielen. Nur eine positive Serie kann den Sturz in die Viertklassigkeit verhindern.

Im Verein gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, was ein Abstieg bedeuten würde. Sportdirektor Christian Nerlinger sieht kein "Weltuntergangsszenario" auf den FC Bayern zukommen.

Wie SPOX aus dem näheren Umfeld der zweiten Mannschaft erfuhr, könnte der worst case sehr wohl negative Folgen haben. Einen Abstieg könne man sich nicht leisten, das sei genauso schwer zu ertragen, wie die verpasste Champions-League-Qualifikation der Profis.

Regionalliga hemmt Entwicklung

Gerland und Nachwuchskoordinator Werner Kern sehen die 3. Liga als lebensnotwendig an, wenn es um die Ausbildung der Spieler geht.

"Ich bete jeden Tag, dass wir die Klasse halten. Nur in der 3. Liga müssen unsere Talente bis zum Anschlag gehen. Sollten wir absteigen, müssten wir eventuell mehr Spieler ausleihen, was wir nicht wollen, weil es sinnvoller ist, wenn wir selber deren Ausbildung steuern können", sagte Kern.

In der Regionalliga gebe es keine Chance, die Talente an die erste Mannschaft heranzuführen. "Wenn einer in der 3. Liga konstant gute Leistungen bringt, kann ich einschätzen, ob das auch für zwei Klassen höher reicht. In der Regionalliga habe ich diese Möglichkeit nicht. Das Niveau ist einfach zu schlecht", sagte Gerland zu SPOX.

Vor allem im persönlichen Bereich könnten sich die Spieler nicht weiterentwickeln. "Wir haben in Braunschweig vor 19.000 Zuschauern gespielt und in Offenbach vor 14.000. In der Regionalliga spielen wir vor 172. Wie soll ein Spieler da lernen, was es heißt, in hitzigen Atmosphären zurechtzukommen?", so Gerland.

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Gerland: "Persönliche Katastrophe"

Für den Coach wäre der Abstieg auch "eine persönliche Katastrophe". Der Alles-Trainer bei Bayern, der in dieser Saison ständig zwischen A- und B-Kader hin und her pendelt und in den letzten neun Monaten auf 30 verschiedenen Trainerbänken saß, sieht sich in erster Linie dazu berufen, Talente an die erste Mannschaft heranzuführen.

"Ich bin jeden verdammten Tag an der Säbener Straße. Es ist aber nicht so, dass ich eine Arbeit verrichte, die mir keinen Spaß macht. Ich liebe diesen Verein und bin auch gerne C-Trainer der Profis. Aber meine eigentliche Aufgabe besteht darin, Spieler auszubilden", sagte Gerland.

Als Cheftrainer musste Gerland mitansehen, wie seine Mannschaft in den letzten Monaten regelrecht zerfallen ist.

Leistungsträger Mehmet Ekici wurde vor der Saison an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen. Weil der Profikader durch die WM in Südafrika in den ersten Trainingswochen der Saison mit den Amateuren aufgefüllt werden musste, um ansatzweise vernünftige Bedingungen zu schaffen, konnte die zweite Mannschaft lange keine Identität entwickeln.

Abgänge von Knasmüllner und Haas

Aus der Not heraus wurden die Abwehrspieler Cüneyt Köz und Max Dombrowka sowie der defensive Mittelfeldman Carl Oscar Lewicki aus der A-Jugend zu den Amateuren geholt. Rechtsverteidiger Dombrowka hat sich immerhin einen Stammplatz erkämpft.

Im Winter wurde Christoph Knasmüllner, den Ex-Coach Mehmet Scholl als begnadetes Talent gepriesen hatte, an Inter Mailand verkauft - mit einem schönen Gruß von Kern. "Man kann nicht schmollen, wenn es Probleme gibt, oder davor weglaufen. Knasmüllner ist qualitativ nicht schlechter als Alaba, aber ihm fehlt die Beißer-Mentalität. Er hat in der Vorrunde kein einziges Tor geschossen - als Mann hinter den Spitzen."

David Alaba ging im Januar nach Hoffenheim, Abwehrchef Maximilian Haas schloss sich dem FC Middlesbrough an. Gerland hat um ihn gekämpft, versteht aber, wenn sich ein Spieler für ein "unglaubliches Angebot aus der zweiten englischen Division" entscheidet.

"Ich kann einem Spieler nicht die Zukunft verbauen, wenn er mit einem Vertrag ausgesorgt hat - zumindest wenn er nicht ganz dumm ist. Und Maxi ist ein schlauer Kerl", so Gerland.

Verletzungsprobleme und Fehleinkäufe

Zudem wurden die Bayern vom Verletzungspech heimgesucht. Saer Sene und Danny Schwarz waren in der Hinrunde lange verletzt. Bastian Müller fällt für den Rest der Saison mit einem Außenbandriss im Sprunggelenk aus und Deniz Yilmaz begann erst letzte Woche wieder mit dem Training nach einem Knöchelbruch.

Die Ausfälle konnten nie kompensiert werden, auch weil sich die Bayern bei den Neuzugängen teilweise vergriffen. Der Österreicher Marcel Holzmann, ausgeliehen von Red Bull Salzburg Juniors, wurde im Winter an den FC Lustenau abgegeben.

Anders als Kern und Gerland verfolgt Nerlinger den Ausbildungsgedanken notfalls auf Kosten der zweiten Mannschaft.  "Wir werden Spieler wie Alaba oder Ekici nicht mit aller Macht halten, um die Amateure zu stärken. Unsere zweite Mannschaft muss sich in erster Linie aus Spielern aus unserer U 19 zusammensetzen", sagte Nerlinger der "tz".

Doch die Qualität reicht im Vergleich zu früheren Jahrgängen derzeit nicht aus. "Wir müssen damit leben", sagt Kern, "dass nicht jedes Jahr ein Badstuber, Müller, Lahm oder Schweinsteiger dabei ist." Und auch kein Kuffour, kein Babbel, kein Hamann oder Hummels.

Deul auf dem Sprung

Das vermeintlich unerschöpfliche Reservoir an Talenten beim FC Bayern ist erschöpft. Kein Spieler aus der zweiten Mannschaft hat derzeit die Chance, in den A-Kader aufzurücken.

"Wenn die A-Jugend im letzten Jahr Achter wird, dann ist damit nicht viel Staat zu machen. Wir haben aus dem Jugendbereich nicht die starken Leute bekommen, die wir zuvor immer bekommen haben", so Gerland.

Am ehesten wird der Sprung in den Profikader noch Boy Deul zugetraut, geboren in Amsterdam und Nationalspieler der Niederländischen Antillen. Ein Typ wie Eljero Elia. Schnell, trickreich, auf beiden Flügeln oder im zentral offensiven Mittelfeld einsetzbar und mit sechs Toren treffsicherster Spieler in der laufenden Saison.

"Von seinen Qualitäten her muss Boy eigentlich Bundesliga spielen. Aber es reicht nicht, zwei, drei gute Flanken pro Spiel zu schlagen. Man muss zehn gute Flanken schlagen", sagt Gerland.

Der Nachwuchs stellt die Basis eines Vereins dar. Beim FC Bayern hat der Nachwuchs schwer Schlagseite. Die Schwächen, die den A-Kader besonders in der Defensive befallen, müssen auf Dauer durch externe Spieler behoben werden.

Einen Aufstieg vom Amateur zum WM-Torschützenkönig, wie es Thomas Müller gelungen ist, wird es beim FC Bayern in absehbarer Zeit nicht mehr geben. Die Zukunft der Bayern-Talentschmiede steht auf wackligen Füßen.

Der aktuelle Kader von Bayern München II

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