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Fussball

Der neue Jugendstil der Hertha

Von Daniel Riedmüller
Hertha-Youngster Marko Djuricin feiert seinen Treffer gegen Oberhausen
© Getty

Bei Hertha BSC findet ein Umdenken statt: Bedingt durch den Abstieg in die Zweite Liga, aber auch aus Vernunft baut die Alte Dame auf eigene junge Talente. Nico Schulz, Marco Djuricin, Fanol Perdedaj oder Pierre-Michel Lasogga heißen die neuen jungen Wilden bei der Hertha.

Erst 17 Jahre jung ist Nico Schulz, doch am 6. Spieltag der diesjährigen Zweitliga-Saison war es soweit: Der gebürtige Berliner, der seit seinem siebten Lebensjahr für die Hertha gegen den Ball tritt, steht in der Startelf. Nicht etwa in der Startelf der A-Jugend, oder der zweiten Mannschaft in der Regionalliga. Schulz steht in der Startelf der "echten" Alten Dame und das im ausverkauften Stadion der Freundschaft in Cottbus.

Ein Traum geht für Schulz damit in Erfüllung. Auch beim darauffolgenden Spiel im Olympiastadion vor 35.000 Zuschauern gegen Aachen steht Schulz in der Anfangsformation.

Topklubs klopften schon 2008 an

Vor zwei Jahren klopfte eine große Nummer von der Insel an die Tür des 17-Jährigen. Der FC Liverpool wollte den damals 15-Jährigen unter seine Fittiche nehmen. Auch Werder Bremen und Bayern München, selbst Manchester United zeigten Interesse. Aber Schulz blieb. Und es scheint fast so, als habe sich die Entscheidung, die damals Mutter Birgit für den Jugendlichen traf, als die richtige erwiesen.

Nico Schulz ist mit 17 Stammspieler des Spitzenreiters der Zweiten Liga. Und Nico Schulz ist nicht alleine: Die Liste der vergleichbaren Talente in Berlin ist lang.

Der gebürtige Kosovo-Albaner Fanol Perdedaj streift sich seit seinem elften Lebensjahr das Hertha-Trikot über. Bereits unter Lucien Favre stand der U-19-Nationalspieler im Kader des damaligen Bundesligisten. Allerdings musste der 19-jährige zunächst mit der Bank vorlieb nehmen. Am 14. August diesen Jahres war es dann soweit: In der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Pfullendorf spielte Perdedaj.

Djuricin netzt wie am Fließband

Der Österreicher Marco Djuricin ist ein ähnliches Beispiel: Vor zwei Jahren wechselte Djuricin von Rapid Wien nach Berlin. Jetzt steht der erst 18-Jährige in der A-Elf und trifft regelmäßig. Schon in der Vorbereitung war er mit sieben Treffern der beste Torschütze und im Auftaktmatch gegen Oberhausen schnürte er in seinem ersten Pflichtspiel-Einsatz gleich einen Doppelpack. Die Hertha verlängerte daraufhin sicherheitshalber gleich mal seinen Vertrag bis 2014.

Auch die Verpflichtung von Pierre-Michel Lasogga von Bayer Leverkusen unterstreicht den Strategiewechsel. Kein  Haudegen, der im Herbst seiner Karriere nochmal in die Zweite Liga geht. Nein, ein 19-jähriger Rohdiamant, der 2010 Torschützenkönig der A-Jugend-Bundesliga wurde, konnte von Bayer losgeeist werden.

Gewiss: Durch den Abstieg sitzt das Geld nicht mehr so locker, um bei Bedarf einfach einen erfahrenen Profi eines anderen Klubs abzuwerben. Aber hinter dem Trend steht weit mehr: ein echter Strategiewechsel.

Frank Vogel koordiniert die Jugend

Ein ausgeklügeltes System der Nachwuchsförderung greift bei der Hertha bereits seit längerem. Im Jahr 2001 öffnete die Fußball-Akademie ihre Pforten. Unter der Leitung von Frank Vogel als Jugendkoordinator wird dort, in einem hoch professionellem Umfeld, an den Talenten gefeilt.

"Unsere Zielsetzung ist die gleiche, die auch in den vergangenen Jahren im Profibereich vorherrschend war: internationale Klasse!", gibt sich Vogel im Gespräch mit SPOX selbstbewusst, "neben dem Fußballerischen ist für uns eminent wichtig, dass wir auch eine Charakterbildung forcieren: Die wird in der heutigen Gesellschaft immer wichtiger, um ein tauglicher Profi werden zu können."

Der Leistungsgedanke bestimmt bei der Hertha schon in jungen Jahren das Geschehen. Nur die besten Berliner Kicker sollen bei der Hertha spielen. Die Liste der hervorgebrachten Spieler ist lang: Jerome Boateng, Manuel Schmiedebach oder Ashkan Dejagah, um nur einige zu nennen.

Doch allen diesen ehemaligen Talenten ist eines gemeinsam: Den großen Durchbruch schafften sie jeweils in anderen Teams, und die Hertha musste die Spieler unter Preis abgeben. Laut Vogel brachte die Hertha seit 2003 bereits 35 Spieler hervor, die später im Profibereich landeten. Die wenigsten allerdings in Berlin selbst.

Markus Babbel als Architekt

Dies soll sich jetzt grundlegend ändern: Eigengewächse sollen in Berlin Spielpraxis sammeln und dort zu gestandenen Bundesligaprofis geformt werden - und nach Möglichkeit auch irgendwann einmal das DFB-Dress tragen. Die Hertha hat dafür den scheinbar idealen Mann gefunden: Markus Babbel.

"Momentan haben wir den Luxus, dass sich einige Spieler in unseren Reihen befinden, die besondere Vorraussetzungen haben, besonders im athletischen und dynamischen Bereich. Die Zweite Liga ist da vielleicht sogar ein Vorteil: Unsere Talente können in unserer dominanten Mannschaft leichter Fuß fassen und unser Trainer zieht da voll mit", so Vogel.

Als Architekt des Jugendstils wurde Babbel vor der Saison verpflichtet. Er soll die Talente einbauen, so wie er es zuvor bereits in Stuttgart erfolgreich praktizierte. Babbel jedoch winkt bei der Frage nach der neuen Hertha erstmal ab: "Ich habe keinen Jugendwahn. Die Jungs spielen, weil sie sich die Einsätze verdammt hart erarbeiten", sagte Babbel der "Berliner Morgenpost". Aber bei Hertha ist seit der Ära-Babbel klar: Wenn zwei gleich gut sind, spielt der Jüngere!

"Man darf das nicht vergessen: Die beste Jungendarbeit bringt nichts, wenn der Trainer der Profis niemanden einsetzt. Babbel ist aber jemand, der die Stärken der Talente erkennt und den Mut hat, die Spieler auch in unserer spannenden Situation mit Aufstiegsdruck zu bringen", sagt auch Jugendkooridnator Vogel.

Entwickung ist kein Zufall

Babbel will in Berlin etwas aufbauen, er will die Talentschmiede nutzen und ist gierig nach jungen Spielern, genauso gierig, wie die jungen Spieler nach Profi-Einsätzen. Das könnte auf Dauer passen.

Und dass diese Entwicklung kein Zufall, sondern die Ernte eines Paradigmen-Wechsels ist, bestätigt auch Hertha-Geschäftsführer Michael Preetz: "Wir investieren mehr Zeit als früher, um die Talente optimal zu integrieren."

Hertha BSC Berlin im Steckbrief

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