Fussball

Real Madrids Nachwuchskoordinator Stefan Kohfahl im Interview: "Toni Kroos wäre als Jugendlicher bei vielen durchs Raster gefallen"

Von Stanislav Schupp
Stefan Kohfahl (l.) ist seit 2014 Nachwuchskoordinator bei Real Madrid.

Seit 2014 leitet Stefan Kohfahl die "Fundacion Real Madrid Clinics", ein von der Stiftung der Madrilenen gesponsortes Fußballschulen-Programm, das die Trainingskonzepte der Nachwuchsabteilung der Königlichen in andere europäische Länder transportiert.

Im Interview mit SPOX und Goal erklärt der 51-Jährige, wie er dem Coronavirus trotzen will, welche Bedeutung Madrids Jugendarbeit hat und warum Toni Kroos als Jugendlicher bei den meisten womöglich durchs Raster gefallen wäre.

Außerdem verrät er, welcher heutige Star bei Real früher unterschätzt wurde, wer für ihn der beste Fußballer ist und inwieweit der gebürtige Hamburger für den Halbfinal-Einzug in der Champions-League-Saison 2018 mitverantwortlich war.

Herr Kohfahl, früher trainierten Sie Klubs aus der Ober- und Landesliga, seit 2014 sind Sie Nachwuchskoordinator bei Real Madrid und leiten die Fundación Real Madrid Clinics, ein Fußballschulen-Programm außerhalb Spaniens. Wie kam das zustande?

Stefan Kohfahl: Das Konzept der Fußballschulen entstand etwas aus Frustration heraus. Die Kinder haben nie das bekommen, was sie wollten. Fußballschulen bei Bundesligisten fokussieren sich meist auf Markenbildung und Fanbindung. Dabei wollen zum Beispiel neuere Bundesligisten mit wenigen Fans durch ein emotionales Erlebnis, wie beispielsweise die Fußballschule, neue Fans generieren. Dann gibt es bei den Camps aber nicht das Originaltrikot des Vereins, damit die Kinder es später im Merchandising kaufen. Darüber hinaus gab es beispielsweise in der Fußballschule vom HSV, die ich geleitet hatte, jeden Mittwoch gesponserte Pizza und jeden Freitag McDonald's. Wenn man da nicht mitgegessen hat, hat man gehungert. Das sind alles Aspekte, die mir nicht gefallen haben.

Was machen Sie anders?

Kohfahl: Es ist ein Konzept fernab der Marketingabteilung. Wir müssen sehen, was der Kinderfußball kann. Er kann Werte vermitteln, Kinder von der Straße holen. Wir transportieren damit sportliche, kulturelle und gesellschaftliche Werte. Das alles ist greifbar, weil die Kinder uns zuhören. Bei uns sind alle Kinder sinnvoll beschäftigt und spielen ihr Lieblingsspiel. Ein Schwerpunkt dieses Jahr ist ein Ernährungskonzept zur Stärkung des Immunsystems, was wir unseren Kindern und den Eltern bereitstellen.

Real-Nachwuchskoordinator Stefan Kohfahl über Score Cards

Wie ist so ein Camp aufgebaut?

Kohfahl: Es ist ein fünftägiges, kostenpflichtiges Camp für Mädchen und Jungen zwischen 7 und 16 Jahren, unabhängig vom Leistungsniveau, das während der Schulferien bei unseren Partnervereinen stattfindet. Das Camp bietet den Teilnehmern die Möglichkeit, unter qualifizierten Trainern und mit modernsten Trainingsmethoden und Leistungsmessungen die Trainingskonzepte des Real-Nachwuchses zu erleben. Die Kinder erhalten zehn Trainingseinheiten, dürfen nach dem Mittagessen aber auch frei spielen - Wir nennen es den größten Bolzplatz der Welt. So sind sie wieder offen für Frontalunterricht an den Stationen. Die Kinder haben ihren eigenen Zugang zum Fußball. Wir geben ihnen ihre Erwartungen, wir nehmen sie ernst. Bei uns bekommen die Kinder sogenannte Score Cards. Die besten Spieler aus jedem Camp nehmen an der nationalen Finalrunde teil. Die Gewinner der Finalrunde dürfen nach Madrid reisen und im Estadio Santiago Bernabeu trainieren.

Was sind Score Cards?

Kohfahl: Auf den Score Cards werden Skills wie Handlungsschnelligkeit, Technik, Dribbling oder Geschwindigkeit bewertet, die in verschiedenen Übungen, wie zum Beispiel Dribbling-Parcours oder Koordinationsübungen, eine Rolle spielen. Neben den sportlichen Fähigkeiten sind auch soziale Skills von Bedeutung. Wer da schlecht abschneidet, weil er eine Diva ist, keinen Respekt hat oder keine Führungsrolle auf dem Spielfeld übernimmt, erhält keine Punkte. Das Sportliche und das Soziale verschiebt sich meistens. Wir arbeiten gegen die alte Regel an: Je erfolgreicher man ist, desto mehr lässt die soziale Kompetenz nach. Wir verbinden beides.

Wofür steht der Name der Fußballschule?

Kohfahl: Der Name ist auf den ersten Blick natürlich etwas irreführend. "Fundación" bedeutet im Spanischen Stiftung und "Clinics" ist im Englischen eine hochwertige Bezeichnung für Sprechstunde, die wir in dem Fall auch erfüllen. Wir hatten bei der Namensgebung damals keine andere Wahl, es wurde uns von Real so vorgegeben.

Was genau ist Ihre Aufgabe?

Kohfahl: Ich bin für die generelle Organisation, Planung und Durchführung der Fußballschulen in Westeuropa zuständig. Dazu zählen auch in Absprache mit den Trainern die Trainingsmethoden. Insgesamt betreue ich 600 Trainer und leite Events, wie beispielsweise die Coaching Convention, in der neue Trainingskonzepte vorgestellt werden und die bei Real Madrid stattfindet. Dort werden auch die Trainer der Camps geschult.

Kohfahl über Corona: "Proaktiv auf die Behörden zugehen"

Wann entwickelte sich bei Ihnen das Verlangen, den Nachwuchs mehr zu fördern?

Kohfahl: Fußball hat auch mir persönlich sehr geholfen. Ich wurde selbst von meinen Jugendtrainern geprägt. Ich durfte früher die Aufstellung meiner eigenen Mannschaft machen und wurde mit 14 bereits Jugendtrainer. Als ich gemerkt habe, dass es für den Sprung zum Profi nicht reicht, wurde ich in der Bezirksliga Spielertrainer mit 21, habe aber immer parallel zu den Herrenmannschaften ein Jugendteam trainiert. Ich war immer ein Querdenker, aber die Kinder sind mir immer gefolgt. Dabei hatte ich viel Erfolg, wurde Norddeutscher A-Jugend-Meister mit dem Provinzverein Stellingen 88. Die späteren Bundesliga-Profis Ivan Klasnic und Patrick Owomoyela sind bei mir groß geworden.

Wie wird Ihre Arbeit aktuell vom Coronavirus beeinflusst?

Kohfahl: Wir mussten die Camps vorerst natürlich verschieben, was unsere Teilnehmer aber zu 99% mit großer Fassung genommen haben. Aktuell kümmern wir uns um unsere Mitarbeiter und diverse Anfragen. Alternativ zu den Camps organisieren wir ein momentan FIFA-Turnier für über 10.000 Kinder mit über 140 Partnervereinen aus ganz Europa. Zudem arbeiten wir an einem Konzept für ein Corona-Trainingslager, das bei unseren Partnervereinen stattfinden soll.

Erzählen Sie.

Kohfahl: Wir wollen während der Corona-Zeit auch positive Signale senden. Derzeit arbeiten wir gemeinsam mit dem Life Science Institut und der Universität Luxemburg, genauer gesagt mit fünf berühmten Ärzten, davon drei Professoren und Immunologen, zusammen. Mit ihnen haben wir bereits unser Ernährungskonzept entwickelt. Wir bauen ein Trainingsprogramm, mit dem wir proaktiv auf die Behörden zugehen werden. Dabei soll es weniger oder gar keine Zweikämpfe geben, dafür mehr Torschusstraining sowie technisch-taktische Inhalte.

Welche Spielformen kommen da in Frage?

Kohfahl: Überzahlspiel mit inaktivem Verteidigen oder Rondo, wobei auf Zeit gewechselt wird und nicht wie sonst nach Ballverlust. Aktuell haben wir unsere Termine verlegt und warten auf den Startschuss. Wenn dieser nur mit Einschränkungen möglich ist, werden wir dies natürlich befolgen.

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