Fussball

Vom Guardiola-Bezwinger zum Chaos-Klub: Der Absturz von Hercules Alicante

Sportliche und wirtschaftliche Probleme: Hercules Alicante steckt tief in der Krise.

Vor knapp zehn Jahren mischte Hercules Alicante mit Stars wie David Trezeguet oder Nelson Valdez die Primera Division auf, bis die Mannschaft aufgrund ausbleibender Gehaltszahlungen auseinander bröckelte. Heute befindet sich der wirtschaftlich klamme Klub auch am Rande des sportlichen Ruins.

Den 11. September 2010 werden sie bei Hercules Alicante nicht vergessen. Es war der wohl glorreichste Tag in der bisher 98 Jahre langen Geschichte des Klubs aus der Autonomen Region Valencia. Der Tag, an dem er als Aufsteiger die damals beste Mannschaft der Welt mit dem damals besten Trainer der Welt in die Knie zwang.

"Schöner kann man es sich nicht vorstellen. Zwei Tore zu erzielen und dann auch noch als Aufsteiger im Camp Nou zu gewinnen. Das ist ein geiles Gefühl", sagte Nelson Valdez später im Interview mit SPOX und Goal.

Der Stürmer aus Paraguay hatte keinen geringeren Gegner als Pep Guardiolas FC Barcelona abgeschossen. In Alicante feierten sie jenes 2:0 wie einen Titelgewinn. Viele Anhänger begannen fortan schon von europäischem Fußball zu träumen. Genährt einerseits von beherzten, taktisch klugen Auftritten wie eben jenem in Barcelona.

Genährt aber auch von dem großspurigen Auftreten ihres großspurigen Haupteigentümers Enrique Oritz, der unaufhörlich davon sprach, man werde derartige Triumphe noch häufiger erleben. Doch es sollte alles ganz anders kommen.

"Beschämend": Spieler müssen fünf Jahre auf Geld warten

Ortiz, ein ebenso reicher wie einflussreicher Bau- und Immobilienunternehmer aus der Gegend, hatte sich mitsamt des damaligen Präsidenten Valentin Botella sowie der sportlichen Leitung gehörig verzettelt. Die Gelder, die Ortiz nach dem Aufstieg in die Primera Division im Sommer bereitgestellt hatte, um namhafte Spieler wie den langjährigen Bundesliga-Profi Valdez oder auch den französischen Welt- und Europameister David Trezeguet an die Costa Blanca zu lotsen und mit stattlichen Jahresgehältern auszustatten, fehlten bereits ein halbes Jahr später, um den mit über 30 Mann viel zu großen Kader über die gesamte Saison hinweg zu finanzieren.

"Es war beschämend", berichtete Cristian Hidalgo, der zu jener Zeit dem Aufgebot von Hercules angehörte und vom einen auf den anderen Tag sein Geld nicht mehr bekam, im Gespräch mit SPOX und Goal. "Ab Januar wurden einige von uns überhaupt nicht mehr bezahlt. Der Kader fiel stückweise auseinander und trainierte nur noch in Mini-Grüppchen oder gar nicht mehr", so Hidalgo.

Um sich aus dieser Situation zu befreien, löste der Verein eigenmächtig Verträge von Reservisten wie Hidalgo auf, um Gehälter einzusparen und zumindest die Stammkräfte zu bezahlen. Der Plan ging auf, laut Hidalgo erhielten jene unrechtmäßig aussortierten Spieler nach mehreren Gerichtsverhandlungen erst fünf Jahre später das ihnen zustehende Geld.

Den Abstieg konnten die Bosse um Ortiz mit ihrem fragwürdigen Gebaren aber nicht verhindern. Zu zerrüttet war das Verhältnis zwischen Spielern und Verantwortlichen. Hercules gab in der Rückrunde mit nur drei von 19 möglichen Siegen ein katastrophales Bild ab und landete schließlich mit 35 Punkten auf Tabellenplatz 19.

Hercules Alicante im Steckbrief

VereinsnameHercules de Alicante Club de Futbol, S.A.D.
SpitznamenHerculanos, Griegos, Blanquiazules
Gründungsjahr1922
StadionEstadio Jose Rico Perez
Zuschauerplätze29.500
PräsidentQuique Hernandez
TrainerAntonio Moreno
Platzierung vergangene Saison2
Platzierung aktuelle Saison18

Abstieg 2011: Valdez, Trezeguet und Co. gehen - Ortiz bleibt

Wie bei Abstiegen so üblich kam es in der Folge zu einem personellen Umbruch. Trainer Miroslav Dukic, der den Aufstiegscoach Esteban Vigo erst im März ersetzt hatte, wurde gefeuert. Auch Valdez, Trezeguet und noch ein paar andere teure Kicker wie der von Real Madrid ausgeliehene Royston Drenthe, der in jener Saison einzig mit einem illegalen Autorennen in der Innenstadt von Alicante für Schlagzeilen gesorgt hatte, zogen wieder von dannen. Ortiz hingegen durfte weiter schalten und walten.

Zum einen versprach der Hauptaktionär, den Klub wirtschaftlich zu stabilisieren und mittelfristig zurück in die Erstklassigkeit zu führen. Hercules galt schließlich auch schon vor der Ära Ortiz als "Fahrstuhlmannschaft", die mal ein paar Jahre in der Segunda und dann mal wieder ein paar Jahre in der Primera Division spielte.

Vor allem aber besaß Oritz, der den Klub um die Jahrtausendwende herum mit seinem Einstieg vor der Insolvenz gerettet hatte, schlichtweg zu viel Macht. Nicht nur innerhalb der Führungsriege von Hercules, sondern auch innerhalb der Region Alicante.

Korruption und Manipulation: Hercules-Boss im Fokus der Justiz

So wurde der zwielichtige Geschäftsmann schon mehrfach der Bestechung bezichtigt. Die spanische Justiz hatte ihn 2010 im Zuge eines Korruptionsskandals bei der Müllabfuhr von Alicante im Visier. Zudem flog auf, dass Ortiz zwischen 2007 und 2008 illegale Parteispenden in Höhe von 348.000 Euro an die konservative Volkspartei (PP) geleistet hatte.

Die Zeitung El Pais veröffentlichte im Zuge dessen auch Mitschnitte eines von der spanischen Justiz abgehörten Telefonats von Ortiz mit einem Bekannten, aus dem hervorging, dass er sogar beabsichtigte, diverse Spiele in Hercules' Aufstiegssaison 2009/10 zu manipulieren. So soll er einem Torwart des FC Cordoba 100.000 Euro geboten haben, wenn dieser absichtlich Gegentore kassiert.

Sämtliche Ermittlungen gegen Ortiz verliefen aber entweder wegen mangelnder Beweise im Sande oder führten - wie im Fall der illegalen Parteispenden, die er 2016 sogar gestand - bislang zu keiner Gefängnisstrafe. Deshalb hat er seinen Posten als Haupteigentümer von Hercules bis heute inne. Er hält mittlerweile wieder über 90 Prozent der Anteile der "Blanquiazules", nachdem Juan Carlos Ramirez Anfang 2020 nach sechs Jahren als Mitaktionär ausgestiegen war.

Ortiz will den Klub allerdings zeitnah verkaufen, wie der im Februar angetretene Präsident Quiquez Hernandez vor kurzem bestätigte. Zu groß ist mittlerweile der Gegenwind der Fans, die bei jedem Heimspiel im Estadio Jose Rico Perez mit Schmährufen und Schmähplakaten gegen den 60-Jährigen protestieren.

Zu groß sind mittlerweile auch die Schulden. Hercules stand einem im März veröffentlichen Bericht der Zeitung Alicante Plaza zufolge schon vor der Corona-Krise mit Verbindlichkeiten von fast 17 Millionen Euro bei diversen Banken und Behörden in der Kreide. Viel für einen Klub, der kaum Sponsoren hat und wenig an TV-Geldern bekommt.

Hercules Alicante droht der Abstieg in die vierte Liga

Denn Alicante ist knapp zehn Jahre nach dem "kleinen Wunder von Barcelona" nicht einmal mehr eine "Fahrstuhlmannschaft". Alicante ist auch aus sportlicher Sicht zu einem Hort des Chaos verkommen, wo Trainer und Funktionäre verschlissen werden und nur wenige Spieler länger als eine Saison bleiben.

Der Klub hat sich nie von dem Abstieg 2011 erholt und dümpelt aktuell in der Segunda B, der dritten Liga, umher, wo er sich nur noch mit Provinzteams wie Orihuela oder Zweitvertretungen renommierter Erstligisten wie Valencia misst.

Nach dem um Haaresbreite verpassten Aufstieg in der vergangenen Saison stehen die "Herculanos" momentan sogar auf dem drittletzten Tabellenplatz. Ein Abstieg in die Tercera Division, die vierte Liga, wäre gleichbedeutend mit dem endgültigen Absturz in die Bedeutungslosigkeit.

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