Mijatovic: "Raul ist wie ein Deutscher"

Von Interview: Thomas Jahn
Predrag Mijatovic und Raul waren zwei Säulen beim Champions League-Sieg 1998
© Imago

Predrag Mijatovic ballerte Real Madrid 1998 zum ersten Champions League-Triumph seit 32 Jahren, stieg zum Weltstar auf und kehrte acht Jahre darauf als Sportdirektor zu den Königlichen zurück. Beim Laureus-Benefizspiel in Dresden sprach die montenegrinische Fußball-Legende mit SPOX über die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Primera Division, Raul als verkappten Deutschen und sein Mitwirken bei Samuel Eto'os Wechsel zu Anschi Machatschkala.

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SPOX: Am 1. Spieltag der Primera Division legte Real Madrid einen 6:0-Kantersieg gegen Saragossa hin. Der FC Barcelona fegte den Vorjahresvierten Villarreal mit 5:0 vom Platz. Wie bewerten Sie als ehemaliger Real-Sportdirektor diese immer größer werdende Kluft zwischen den zwei Giganten und dem Rest der Liga?

Predrag Mijatovic: Das ist Gift für den spanischen Fußball, wenn die zwei Mannschaften allein vorneweg marschieren und der Rest sehen muss, wo er bleibt. Alle anderen Teams wissen von Anfang an, dass sie nicht den Hauch einer Chance haben - und verhalten sich eben auch entsprechend. Wenn man sich den Punkteunterschied von Ersten zum Dritten anschaut - so etwas gibt es weder in England noch in Deutschland oder Italien.

SPOX: Welche Folgen hat das für die Liga?

Mijatovic: Daraus entsteht eine große finanzielle Krise. Kaum ein Klub hat zum jetzigen Zeitpunkt den Etat für die Saison festgelegt. Die Vereine haben auf dem Markt kaum eine Chance und können sich einfach nicht die Spieler holen, die sie brauchen. Daher ist es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die sich weiter potenziert.

SPOX: Jorge Valdano, Ihr damaliger Nachfolger bei Real Madrid, behauptete kürzlich, dass sich Real und Barca zukünftig in einer Art europäischen Liga mit anderen Klubs messen müssten, die sich in ähnlicher Geschwindigkeit entwickeln. Unterschreiben Sie das?

Mijatovic: Diese Idee möchte ich wirklich nicht kommentieren. Nur so viel: Alle spanischen Klubs sollten in dieser Liga spielen - sie müssen es ja. Als separate Liga gibt es schließlich die Champions League.

SPOX: Ist die Primera Division trotz dieser Probleme für Sie die beste Liga der Welt?

Mijatovic: Es ist schwierig zu sagen, welche Liga definitiv die beste der Welt ist. Es kommt immer darauf an, aus welchem Blickwinkel man den Fußball sieht. Geht es um die reine Konzentration der Topspieler, dann sehe ich Spanien klar vorne. Bezieht man die Geschichte der einzelnen Ligen mit ein, dann ist es Italien.

SPOX: Und Deutschland?

Mijatovic: In Sachen Organisation, Struktur und Professionalität hat die Bundesliga die Nase ganz weit vorn.

SPOX: Überraschenderweise fehlt die englische Premier League in Ihrer Aufzählung.

Mijatovic: Die Engländer vereinen eben von all den erwähnten Aspekten jeweils ein bisschen. Wie erwähnt, es ist letztlich schwer zu sagen, welche Liga als Gesamtpaket am herausragendsten ist.

SPOX: Sie erwähnten die Organisation und Professionalität der Bundesliga. Ein guter Platz für Ihren Freund und Ex-Teamkollegen Raul, um seine Karriere ausklingen zu lassen?

Mijatovic: Raul passt von seiner Art her perfekt nach Deutschland. Was seine Organisation und Disziplin anbelangt, ist er wie ein Deutscher. Deswegen passt es wie die Faust aufs Auge, dass er seine Karriere dort beendet, denn er ist immer so gewesen. Er hat letztes Jahr eine sehr gute Saison gehabt und unterm Strich alles richtig gemacht.

SPOX: Nehmen wir an, Raul wäre in Madrid geblieben - welchen sportlichen Wert hätte er dort noch gehabt?

Mijatovic: Er hätte bestimmt eine Menge Spiele gemacht. Als Real die letzten Meisterschaften geholt hat, war Raul immer einer der wichtigsten Spieler im Team. Raul ist auch wenn er nicht spielt ein wichtiger Faktor für das Team. Seine positive Art kann eine ganze Truppe mitreißen, zudem nimmt er viele junge Spieler unter seine Fittiche und lässt sie von sich lernen. Alles, was Raul erreicht hat, verdankt er seinem unglaublich starken Charakter.

SPOX: Bereits 1998 standen Sie mit Raul im Real-Kader - wie haben Sie ihn damals erlebt?

Mijatovic: Als ich damals noch als Spieler bei Real aktiv war, war Raul noch sehr, sehr jung. Doch schon in diesem Alter kristallisierte sich heraus, was für ein Typ er später werden würde. Für ihn gibt es keine unerfüllbare Mission - alles ist möglich. Seine Statistik spricht für sich.

SPOX: Als Sportdirektor von Real Madrid träumten Sie 2008 davon, Samuel Eto'o zu verpflichten - ohne Erfolg. Nun sollen Sie bei seinem Wechsel zu Anschi Machatschkala die Fäden gezogen haben...

Mijatovic: Ja, ich habe ein bisschen geholfen. (lacht) Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen.

Predrag Mijatovic im Steckbrief

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