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Fussball

"One-way-Ticket, Bruder!" Als Inter-Trainer Jose Mourinho Adriano gegen Frank Lampard tauschen wollte

Von Gabriel Wonn
Februar 2009: Jose Mourinho hat Adriano gerade vom Platz geholt.

Sein Talent war grenzenlos, doch nach dem Tod seines Vaters war Adriano nicht mehr derselbe. Für Jose Mourinho verkam er zum Tauschobjekt.

Wenn eine große Legende des Fußballsports altert, wenn man spürt, dass die Leistungen langsam nachlassen oder dass das Alter zumindest wohl nicht mehr viele Karrierejahre zulässt, findet ein Wort vermehrt den Einzug in den Sprachgebrauch: der Erbe. Fans und Medien brauchen einen Hoffnungsträger, den "neuen Pele", den "neuen Messi" oder "den neuen Maradona".

Je größer die Legende, umso lauter der Wunsch nach einem Erben, gerade im Falle von gerade sehr starken Nationalmannschaften. In den meisten Fällen wirkt die Sehnsucht geradezu verzweifelt, denn die unter enormem Druck stehenden Nachwuchsspieler werden oft schlicht überhypt. Wer will sich schon eingestehen, dass es für manche Stars so direkt einfach keinen adäquaten Erben geben kann? Nur ab und zu besteht tatsächlich Grund zur Hoffnung.

Brasilien hofft auf Adriano als Erbe des großen Ronaldo

So auch in Brasilien, als es um den Erben des großen Ronaldo geht. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn dieser muss auf niemand Geringeren als einen Weltmeister und zweifachen Weltfußballer folgen. Und dennoch spürt man es zu Beginn der 2000er weltweit: Dieser Adriano, der ist etwas Besonderes. Der hat nicht nur bei Pro Evolution Soccer eine für die Gegner schon unfaire linke Klebe. Nein, dieser junge Bulle kann tatsächlich der Erbe Ronaldos werden. Weniger Skills, klar, weniger Instinkt - aber jede Menge Power. Tore sind garantiert!

2008 denkt das so ziemlich niemand mehr. Adriano ist da zum zweiten Mal bei Inter Mailand, die Nerazzurri hatten ihn im Winter 2003/04 für damals stolze 24 Millionen Euro aus Parma zurückgeholt. Ein guter Deal, da ist sich jeder sicher. Denn der bullige Stürmer löst zunächst immer mehr das Versprechen ein, das man mit ihm verbindet: Im Alter von 21 Jahren sind er und sein berüchtigter linker Fuß bereits in der Serie A gefürchtet. Im Sommer 2004 ist sein Ausgleich im Copa-America-Finale gegen Argentinien der Wendepunkt in der Nachspielzeit. Wenige Wochen später dann der Anruf aus der Heimat: Adrianos Vater ist tot. Herzinfarkt. Und auch das Herz von Ronaldos Erben bricht in diesem Moment. Unheilbar.

Inter Mailand: Mourinho will Adriano loswerden

Adriano erholt sich von dem Schicksalsschlag nie mehr, seine Form fällt ins Bodenlose, Depressionen und Alkohol tun ihr Übriges. Was bleibt, ist der große Name und das Gefühl, dass das Talent ja immer noch in dem Jungen steckt und darauf wartet, herausgekitzelt zu werden. 2008 kommt Jose Mourinho nach Mailand. Der Star-Coach weiß um die Hoffnungen, die immer noch heimlich mit seinem brasilianischen Angreifer verbunden werden und will dies für sich nutzen. Aber nicht, indem er den gefallenen Star wieder aufbaut - Adriano, der vermeintliche Erbe des großen Ronaldo, ist in den Augen des Portugiesen zur Tauschmasse verkommen.

Mourinho und Adriano verstehen sich nicht, der Trainer will ihn loswerden und dabei noch das Maximum aus dem Namen des mittlerweile 26-Jährigen herausholen. Und Mourinho will Stars, genauer genommen einen Star: Frank Lampard. Mr. Chelsea himself, bereits jahrelang von The Special One trainiert worden, der natürlich beste Kontakte zu seinem Ex-Klub hat. Mourinho bietet den Londonern gutes Geld - plus Adriano. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

FC Chelsea: Tauschgeschäft um Adriano und Frank Lampard?

Lampard hat bei den Blues gerade ein Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt und zeigt sich durchaus interessiert. Und Adriano? Sein Berater Gilmar Rinaldi sagt gegenüber Observer Sport: "Mourinho und Adriano haben sich getroffen und miteinander gesprochen. Ich kann nicht sagen, wie das Treffen gelaufen ist. Der Spieler fliegt nächste Woche von Rio de Janeiro aus nach Mailand, denn am Mittwoch beginnt die Saisonvorbereitung. Ich werde weder bestätigen noch dementieren, dass er für Lampard eingetauscht wird."

Im Klartext: Es wird wohl ausgiebig verhandelt. Bei allem, was man später über den weiteren Lebensweg und das Mindset von Adriano erfahren wird, wäre es für Mourinho und Inter ein Mega-Deal, das größtmögliche Ausreizen des großen brasilianischen Namens. Alles hängt wohl an den Bluesa - und die lassen sich nicht über den Tisch ziehen. The Special One bietet und bietet, die Blues lehnen ab und lehnen wieder ab, bis Lampard schließlich einen Fünfjahresvertrag in London unterzeichnet.

Aus der Traum für Mourinho, der nicht nur auf den englischen Superstar verzichten muss, sondern auch Adriano nicht loswird. Die folgende Saison wird zur Qual für beide, wie Adriano später verrät: "Die Presse verfolgte mich überall hin, und Mourinho sagte immer nur: 'Verf*ckte Hölle! Verdammte Scheiße! Du willst mich fertigmachen, oder nicht, Junge?' Ich sagte: 'Oh Gott, hol mich hier raus!' Ich kam überhaupt nicht zurecht."

Adriano stürzt ab, Mourinho holt mit Inter die Champions League

Im Sommer 2009 werden die Gebete des Brasilianers erhört: "Ich wurde für die Nationalmannschaft nominiert und bevor ich abreiste, fragte Mourinho: 'Du kommst nicht zurück, oder?' Ich sagte: 'Du hast es erfasst! One-way-Ticket, Bruder!'" Adriano unterschreibt bei Flamengo, wechselt ablösefrei nach Brasilien.

Was nach einem Triumph des Spielers klingt, entpuppt sich aber als reiner Segen für den Trainer. Adriano wird nie zu Ronaldos Erben, schlimmer noch: Er wird nie wieder mehr als ein durchschnittlicher Spieler sein. Bis 2016 wechselt der Wandervogel munter zwischen einer Vielzahl an Klubs und der Vereinslosigkeit hin und her, ehe er seine Karriere beendet.

Der Junge aus Rio kehrt in die armen Verhältnisse zurück, aus denen er ursprünglich gekommen ist. Drogen, Waffen, Alkoholismus, Übergewicht, kriminelle Banden - der heute 40-Jährige ist heute ein Schatten des Stürmers mit der linken Klebe, dem die Welt und vor allem Brasilien zu Füßen lag. Und Mourinho? Der wird 2010 mit Inter Champions-League-Sieger. Ohne Adriano - und ohne Lampard.

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