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Fussball

FC Turin und der 70. Jahrestag der Superga-Katastrophe: Der Tag, an dem der Fußball starb

Am 4. Mai 1949 schlug das Schicksal gnadenlos zu: Die größte Mannschaft in der Geschichte von Torino kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Das ist ihre Geschichte.

Der Kaffee, der nie getrunken wurde

Vor 40.000 frenetischen Zuschauern verlor Grande Torino mit 3:4, doch das Ergebnis war angesichts des unterhaltsamen Spiels und der brillanten Stimmung reine Nebensache. Mazzola, Bagicalupo und Co. verließen Lissabon am Morgen des 4. Mai nach einer rauschenden Abschiedsfeier für Ferreira in voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit Familien und Freunden - und dem fünften Scudetto in Folge.

Am Nachmittag hingen schwere Wolken über Turin und heftiger Regen setzte ein. Vittore Catella, in den 1960er Jahren Präsident von Juventus Turin und zuvor Testpilot im zweiten Weltkrieg, hatte soeben zur Landung auf dem Aeritalia Flugfeld in Turin angesetzt und anschließend zwei Kaffee bestellt.

Einen für ihn selbst und einen für seinen Freund Pierluigi Meroni. Den hatte er noch während seines Testflugs mit einer G46 via Funk bezüglich eines gemeinsamen Kaffees kontaktiert - wohlwissend, dass Kapitän Meroni wenig später ebenfalls in Turin landen würde, mit der Mannschaft von Grande Torino an Bord. Meroni hatte Catella erzählt, dass er soeben den Appenin "bei bester Sicht" passiert habe.

Auch um 17.02 Uhr sagte Meroni in einem Funkspruch den aufgrund der Wetterbedingungen besorgten Flughafenmitarbeitern, dass alles in Ordnung sei und er den Landeanflug auf Turin einleite. Auf die darauffolgenden Wetterwarnungen antwortete Meroni nicht mehr. Um 17.05 Uhr zerschellte die G212 an einer Felswand des Superga gleich hinter der Wallfahrtskirche, die auf dem Gipfel des Berges steht.

Mazzola schaute gen Himmel: "Alles endete mit Superga"

Alle 31 Passagiere starben beim Aufprall: 23 Spieler und Funktionäre von Grande Torino, ein Tour-Organisator, drei Sportjournalisten, darunter der Gründer der Tuttosport Renato Casalbore und die vier Crewmitglieder um Kapitän Meroni.

Präsident Novo, der aufgrund einer Operation die Reise nach Lissabon nicht hatte antreten können, und Spieler Sauro Toma, der wegen einer Knieverletzung ebenfalls in Turin geblieben war, trafen als eine der ersten Klubrepräsentanten am Unglücksort ein.

Toma konnte noch seinen Kapitän Mazzola identifizieren, dessen Gesicht als eines der wenigen noch zu erkennen war und gen Himmel schaute, ehe er weinend zusammenbrach und Gott anflehte, ihn aus diesem Albtraum aufzuwecken. Später sagte Toma, dass seine Jugend unter dem Wrack begraben worden sei: "Alles endete mit Superga."

Einen Großteil der schaurigen Bürde, die Spieler zu identifizieren, musste Italiens Nationaltrainer Vittorio Pozzo schultern. Die meisten der Toten waren nur anhand persönlicher Besitztümer, die sie bei sich trugen, identifizierbar. Mario Rigamonti beispielsweise, der anhand des Rings an seinem Finger erkannt wurde. Oder Aldo Ballarin, dessen Pass noch in der Jackentasche steckte. Oder Torhüter Bacigalupo, der ein Foto von Sentimenti IV, seinem Konkurrenten in der Nationalmannschaft, in der Brieftasche bei sich hatte.

Eine Katastrophe braucht ihren Schuldigen

Bereits kurz nach dem Unglück mutmaßte der erfahrene Flieger Catella, dass ein Pilotenfehler zum Unglück geführt haben musste. Ganz aufgeklärt wurde der Absturz nie, da das Flugzeug keine Black Box besaß. Die gängigste Variante ist, dass Kapitän Meroni aufgrund der schlechten Wetterlage und des aufkommenden Nebels die Höhe des Flugzeugs und die Lage seines anvisierten Fixpunktes - die Kirche auf dem Gipfel des Hügels - falsch einschätzte und deshalb kollidierte.

Warum Meroni trotz des schlechten Wetters und der Warnungen unbedingt in Turin landen wollte und nicht auf den Malpensa-Flughafen in Mailand auswich, war für viele die entscheidendere Frage. Eine mögliche Erklärung ist, dass Meroni das Gelände rund um das Militärflugfeld Aeritalia genau kannte und am gleichen Tag mehrere Flugzeuge problemlos gelandet waren.

Die Frage lieferte dennoch Nährboden für teils hanebüchende Gerüchte. So gab es beispielsweise Spekulationen um Vittorio Pozzo und eine illegale Fracht an Bord der G-212, die nur in Turin aufgrund fehlender Sicherheitschecks unbemerkt hätte entladen werden können.

Der Selbstmord eines in Turin bekannten Cafebesitzers wurde unmittelbar mit diesen Spekulationen und der Superga-Katastrophe in Verbindung gebracht. Pozzo äußerte sich Zeit seines Lebens nicht dazu, die Ermittlungsbehörden dementierten, wo es nur ging und beteuerten, dass eine solche Fracht in den Trümmern nie gefunden wurde.

Der Name des Unglückspiloten, Pierluigi Meroni, sollte auch nach Superga noch eine gewichtige Rolle in der Geschichte von Torino spielen. Denn in den 1960ern sorgte erneut ein gewisser Luigi "Gigi" Meroni für Schlagzeilen in der piemontesischen Hauptstadt.

"La Farfalla Granata", der granatrote Schmetterling, wie Meroni in Anlehnung an seine fußballerische Eleganz von den Toro-Fans genannt wurde, galt als eines der vielversprechendsten Talente im italienischen Fußball und wurde oft mit George Best verglichen. Wenige Tage vor einem Derby gegen Juventus im Oktober 1967 wurde Meroni jedoch beim Überqueren einer Straße überfahren und verstarb.

Der Unfallfahrer, in seiner Tragik kaum zu überbieten, war glühender Fan Meronis, kleidete sich wie er und trug die gleiche Frisur. Später wurde der damals 19-jährige Attilio Romero gar Präsident Torinos - und führte den Klub in die Pleite.

Der letzte Marsch von Il Grande Torino

Als um 20 Uhr am Abend des Unglücks die Radionachrichten das italienische Volk über den Tod der Meister- und Nationalmannschaft informierten, stand ein ganzes Land unter Schock. In den Trümmern der G-212 war an diesem Tag im Mai nicht nur ein Großteil des damaligen italienischen Fußballs und eine großartige Mannschaft gestorben, sondern auch der von ihr verbreitete neue Optimismus einer Gesellschaft nach den Schrecken des zweiten Weltkriegs.

Auf dem Weg zu ihrer letzten Ruhestätte begleiteten 500.000 Menschen die Spieler in einer Prozession durch Turin. Zweimal wurde auf dem letzten Marsch von Il Grande Torino andächtig Halt gemacht: Das erste Mal in der Via Roma vor der Bar Vittorio, die Gabetto und Ossola gemeinsam betrieben hatten. Das zweite Mal vor dem Torino-Hauptsitz in der Via Alfieri.

Die Saison 1948/49 spielte Torino mit der Jugendmannschaft zu Ende - und gewann alle vier ausstehenden Spiele. Genoa, Sampdoria, Florenz und Palermo boten in den Begegnungen ebenfalls ihre Jugendmannschaften auf. Der fünfte Scudetto in Folge aber konnte das tiefe Loch im Herzen des Torino Football Club, das der Tod seiner größten Mannschaft gerissen hatte, nicht füllen.

Nichts konnte das. Weder der Meistertitel 1975/76, noch der Gewinn der Coppa Italia 1993. Denn anders als Manchester United nach dem Flugzeugabsturz von München im Februar 1958 erholte sich der Klub bis heute nicht von der Katastrophe von Superga.

Torino und die Geburt einer Fahrstuhlmannschaft

Während die Red Devils zehn Jahre nach dem Verlust der Busby Babes den Europapokal holten und immer noch eine Macht im europäischen Fußball sind, wurde aus Torino im Laufe der Zeit eine finanziell schwer angeschlagene Fahrstuhlmannschaft zwischen Serie A und Serie B. 2005 folgte der Lizenzentzug und bald darauf die Insolvenz.

Der Schuldenberg wurde einfach zu hoch, aber dennoch schaffte der neugegründete Klub den Aufstieg. Doch erst seit der Saison 2012/13 hat sich der FC Turin wieder in Italiens Oberhaus etabliert und mischt beim Tummeln der Großklubs um die internationalen Plätze gehörig mit. So war es erst letzten Sommer, als sich der FC Turin für die Europa League qualifizierte und sich nach einem Sensationssieg in Bilbao bis ins Achtelfinale vorstieß, wo man sich jedoch gegen Zenit St. Petersburg knapp mit 2:1 geschlagen geben musste.

Doch hinter dem neuerlichen Aufwärtstrend bleibt die Tradition nicht vergessen. Auch deshalb hat das Derby della Mole gegen Juventus und die Gedenkfeierlichkeiten an der Basilica di Superga, bei der die gesamte Mannschaft anwesend sein und Kapitän Andrea Belotti traditionell die Namen der Opfer verlesen wird, noch immer einen besonderen Stellenwert.

"In den Augen derer, die an sie glauben, bleiben Helden für immer unsterblich. Für die Kinder ist Grande Torino an diesem Tag nicht gestorben. Sie sind nur zu einem Auswärtsspiel gefahren", schrieb der italienische Journalist und Schriftsteller Indro Montanelli.

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