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Fussball

Das gelb-rote Herz blutet

Von Thomas Gaber
Trainer Claudio Ranieri: Er soll das Team um Francesco Totti aus der Misere führen
© Getty

Star-Verkäufe, Trainerwechsel, Fan-Aufstand, hohe Schulden und ein Kampf um die Ideologie: Der AS Rom hat schon bessere Zeiten erlebt. An der Spitze des Vereins wehrt sich eine Frau gegen die modernen Machenschaften im Calcio. Ihr Kampf scheint aussichtslos.

Zu Klatschblättern hat Francesco Totti ein gespaltenes Verhältnis. Unzählige Male hat sich der Kapitän des AS Rom in den letzten Jahren nicht nach Hause getraut, weil eine dieser Schmiergazetten ihm wieder eine Liaison mit einem fremden Betthäschen angedichtet hat.

Seit vier Jahren ist Totti mit der Selfmade-Schönheit Ilary Blasi verheiratet, einem medialen Multitalent. Schauspielerin, Sängerin, Model, TV-Moderatorin - fehlt nur noch ein Mode-Label oder ein Eau de Toilette zur Vollkommenheit. Ilary kennt die Boulevard-Branche und war von der Unschuld ihres Francescos stets überzeugt.

Totti: "Habe auf mein Herz gehört"

Umso bemerkenswerter ist Tottis Offenheit im Gespräch mit dem Lifestyle-Magazin "Vanity Fair", das vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Darin gibt "er Pupone" ("der große Junge Roms") zu, vor acht Jahren ernsthaft über einen Abschied vom AS Rom nachgedacht zu haben.

"Nach der Meisterschaft 2001 gab es Überlegungen, den Klub zu verlassen. Es gab Probleme mit dem Verein und den Tifosi. Ich hätte gehen können. Aber ich bin geblieben. Ich habe einfach auf mein Herz gehört und eine Entscheidung fürs Leben getroffen: nur ein einziges Trikot in meiner Karriere zu tragen", so Totti.

Einmal Giallorossi, immer Giallorossi. Totti ist gebürtiger Römer und seitdem er erstmals das Trikot mit dem Wolf im Wappen trug, hängt er an diesem Verein. "Ich hätte bei Real Madrid oder Barcelona das Doppelte verdienen können. Aber Geld interessiert mich nicht. Die Roma ist mein Leben."

Dieses Leben ist jedoch nicht immer einfach. Große Titel gewinnt der AS Rom selten, der Scudetto schaut im Schnitt alle 30 Jahre mal in der ewigen Stadt vorbei. Und das Geld sitzt schon lange nicht mehr locker.

Sensi-Clan übernimmt das Ruder

In den 80iger Jahren versuchte der damalige Präsident Dino Viola, die Phalanx der reichen Vereine des Nordens - Inter, Milan und Juventus - zu durchbrechen, indem er Spieler wie Bruno Conti, Carlo Ancelotti, Aldair, Rudi Völler oder Giuseppe Giannini verpflichtete und sie mit fürstlichen Gehältern ausstaffierte.

Als Dino 1991 an Lungenkrebs starb, übernahm seine Frau Flora kommissarisch die Geschicke des Vereins. Doch im Hintergrund bereitete Franco Sensi bereits seine Inthronisierung vor. Als erfolgreicher Unternehmer, streitsüchtiger Lokal-Politiker und erklärter Roma-Fan besaß er gute Chancen, Präsident zu werden. Die Kassen waren leer, die Familie Viola hatte die Lira äußerst großzügig behandelt.

Kaum im Amt, pumpte Sensi Geld aus seiner Privatschatulle in den maroden Verein. Er riss die Roma an sich, übernahm die Mehrheit des Aktienpakets und blieb 15 Jahre an der Spitze. Im August 2008 starb er nach langer Krankheit.

300 Millionen Euro Miese

"Für Jahre hat er sein Herz, sein Gesicht und sein Geld für die Roma hingehalten. Dafür gebührt ihm der tiefste Respekt. Er war ein Bezugspunkt für uns. Wenn er auf der Tribüne saß, haben wir immer ein bisschen mehr aus uns herausgeholt", sagt Sensis Ziehsohn Francesco Totti.

Sensi gab sein Leben für die Giallorossi, wie es sich für einen echten Römer gehört. In der Öffentlichkeit gab Sensi den elder statesman, doch die Fassade fing an zu bröckeln. Seine Erdölfirma Italpetroli schreibt seit Jahren tiefrote Zahlen und steht mittlerweile bei der Großbank Unicredit mit knapp 300 Millionen Euro in der Kreide.

Franco Sensis Tochter Rosella übernahm den Vorsitz im Verein und verpflichtete sich, im Laufe des Jahres 2008 Immobilien und Industrieanlagen im Wert von knapp 150 Millionen Euro zu veräußern, um den Schuldenberg allmählich abzutragen. Der ist aber eher noch gewachsen. Unicredit macht langsam ernst, Boss Alessandro Profumo will nicht ewig auf seine Kohle warten.

Fans fordern Topstars

Jahrelang durfte der Sensi-Clan fremdes Kapital in die Roma stopfen, Bankdirektoren drückten beide Augen zu. Die Sensis gehörten schließlich zum römischen Establishment. Sie investierten in den Calcio, schmissen Wohltätigkeits-Partys und verkehrten in der Politik.

Unicredit-Chef Profumo kann mit der römischen Schickeria nichts anfangen. Der Mann stammt aus Genua und ist obendrein Inter-Fan. Er macht sich nichts aus Traditionen, er ist modern und eine Gefahr für Rosella Sensi. Angeblich drängt Profuma die Präsidentin zum Verkauf der Roma.

Das fordert auch der harte Kern der Fans. Sie wollen endlich wieder eine große Mannschaft haben. Sie lieben Totti, sie lieben Daniele de Rossi, weil sie Romanistas sind. Aber auch sie hätten gerne einen Kaka oder Leo Messi.

Fans contra Rosella

Damit sind sie aber bei Rosella an der falschen Adresse. Sie hat ihrem Vater am Sterbebett versprochen, für nichts und niemanden auf der Welt die Roma zu verkaufen. Den Fans schmeckt das nicht, sie sehen in Rosella den Grund allen Übels. Die Fans pilgerten Anfang September zu hunderten Richtung Sensi-Familiensitz und nach Trigoria, wo das Trainingszentrum des AS steht. "Rosella, hau ab", stand auf Bannern geschrieben.

Der Ton wird rauer im Colosseum, doch Rosella bleibt standhaft. Sie arbeite 24 Stunden am Tag zum Wohle des Vereins, hat Rosella erklärt, das rechtfertige auch ihr Jahresgehalt von angeblich 1,6 Millionen Euro. Sie bietet den Investoren, die sich die Roma unter die Nägel reißen wollen, die Stirn.

Mehrere Konsortien haben dreistellige Millionen-Beträge für die Roma abgeben, der Wert des Vereins liegt bei rund 300 Millionen Euro. Ein US-Börsenguru gehörte zu den Interessenten, ein namenloser Schweizer, der sich gleich mal disqualifizierte, indem er erklärte, Tottis Fünf-Millionen-Euro-netto-Gehalt ruiniere den Verein. Rosella gab stets die gleiche Antwort: "Senza di me." Nicht mit mir.

Ranieri: Kein Champagner-Fußball mehr

Einen Investor wird Rosella aber partout nicht los: den Pharma-Unternehmer Francesco Angelini, ein Römer und AS-Fan. Angelini pflegt erstklassige Kontakte zu Unicredit. Er klebt an Rosella wie eine Klette und verspricht den Fans Stars en masse.

Rosella dagegen verkaufte im Sommer Nationalspieler Alberto Aquilani, einen gebürtigen Römer nach Liverpool. Ihre Bemühungen, adäquaten Ersatz zu bekommen, scheiterten. Ruud van Nistelrooy und angeblich Ronaldo, der aus Brasilien, waren im Rennen. Doch die Verstärkungen blieben aus.

Die Mannschaft ist aber immer noch stark genug, zumindest um die Champions-League-Plätze zu spielen. Der Start misslang allerdings - zwei Niederlagen in zwei Spielen. Coach Luciano Spaletti warf das Handtuch. Die Fans gaben Rosella die Schuld am Rücktritt ihres geliebten Trainers.

Endlich konnte sie die Tifosi einmal besänftigen, indem sie Claudio Ranieri als Nachfolger präsentierte. Ranieri - selbstredend einer aus der Stadt. Ranieri will die Mannschaft umkrempeln, statt 4-2-3-1 setzt der Ex-Chelsea- und Juve-Coach auf ein klassisches 4-4-2 mit mehr Pressing und einer aggressiveren Gangart. "Mit dem Champagner-Fußball ist es jetzt vorbei. Wir müssen erstmal arbeiten und besser verteidigen", sagte Ranieri.

Saisonziel ist Platz vier

Sein Debüt ist geglückt. Jon Arne Riise erzielte in Siena in der 90. Minute das 2:1. Ranieri hat Platz vier als Saisonziel ausgegeben - zu wenig für die Fans, aber wohl das maximal Machbare. Immerhin könnte man bei Zielerreichung in der nächsten Saison wieder Champions League spielen.

Die nächsten Wochen und Monate sind von entscheidender Bedeutung für den Verein. Sportlich, vor allem aber ideologisch. Rosella kämpft, in erster Linie um die Familien-Ehre.

Die Roma zu verkaufen würde bedeuten, ein großes Stück Familiengeschichte zu verkaufen. Man kann ihr nur ein glückliches Händchen wünschen.

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