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Fussball

Die Bären des Napoleon

In Ajaccio halfen Fans, Präsident und Sportdirektor beim Verlegen des neuen Rasens
© getty

Auf Korsika kann man wunderbar Urlaub machen und beim Jagen und Fischen in der Natur entspannen. Oder man macht es wie der Ex-Hamburger Jacques Zoua und spielt stattdessen Fußball.

Wer zum Trainingsgelände des GFC Ajaccio möchte, der muss sich auf erschwerte Bedingungen einstellen. Im Urlaubsdomizil an der korsischen Westküste führt ein mit Schlaglöchern übersäter Feldweg zum Übungsplatz - doch wer eine richtige Anlage erwartet, kippt spätestens jetzt aus den Latschen. Von einem Trainingsspiel "Elf gegen Elf" kann Coach Thierry Laurey nur träumen. Der Grund: Es gibt nur ein halbes Spielfeld.

Der Überraschungs-Aufsteiger aus der korsischen Hauptstadt steht nach einem Durchmarsch durch die Ligue 2 plötzlich im französischen Oberhaus - und mischt auf einmal im Geschäft der ganz Großen mit.

Mit einem Jahresetat von 13,8 Millionen Euro könnten die Bären, wie Ajaccio in Frankreich genannt wird, nicht einmal das Gehalt von PSG-Star Zlatan Ibrahimovic bezahlen. Auch so reicht das Geld nur für einen Kader von 20 Spielern, der prominenteste von ihnen ist Ex-HSV-Stürmer Jacques Zoua. Dass die beiden (ehemals staatlichen) Energieversorger Gaz de France und Electricite de France seit 50 Jahren als Sponsor zur Seite stehen, fällt außer im Namenszusatz "Gazelec" kaum auf.

"Besser jagen als trainieren"

Mittelfeldspieler David Ducourtioux nimmt die besonderen Gegebenheiten vor Ort mit Humor. "Hier kannst du besser fischen und jagen als trainieren", sagt er: "Und wer hat schon einen Präsidenten und einen Sportdirektor gesehen, die auf Knien den Rollrasen verlegen?"

Christophe Ettori und Klub-Boss Olivier Miniconi legten bei den neuesten Umbauarbeiten kurz vor Saisonbeginn neben Fans und Freiwilligen in der Tat selbst Hand an. "Es gibt viel Arbeit und große Probleme", sagt Miniconi, der auf der Insel mehrere Bäckereien besitzt.

Das Stadion mit rund 6000 Plätzen wirkt neben den großen Arenen in Marseille, Paris und Lyon wie ein Bolzplatz. Immerhin gibt es aber schon eine Verbesserung: Früher musste der Verein das Trainingsgelände räumen, wenn die U17 des Stadt-Rivalen AC Ajaccio, mit denen man sich das Halbfeld teilte, üben wollte.

Diese Insel ist zu klein für uns drei

Zwischen den Anhängern der beiden Klubs klafft ein tiefer Spalt - die Wachablösung in der Ligue 1, in der der ACA bis 2014 aktiv war, sorgt dabei für zusätzliches Öl im Feuer. Zweites Feindbild der GFC-Fans ist der SC Bastia, lange Jahre der einzige korsische Vertreter im Oberhaus.

Der Klub aus dem wohlhabenden Wirtschaftszentrum im Norden der Insel, bei dem früher Spieler wie Michael Essien, Alex Song und Christian Karembeu unter Vertrag standen, gilt bei den Fans der Bären entsprechend als Bonzen-Verein.

Klare Vorzeichen

Im Gegensatz zu Mittelfeld-Kandidat Bastia ist der "Dorfklub aus dem Süden", der aufgrund der langjährigen Ein-Stadt-Politik des französischen Verbands erst 2012 eine Profi-Lizenz erhielt, von Beginn Abstiegskandidat Nummer eins.

Das Unentschieden am ersten Spieltag gegen ESTAC Troyes wurde daher gefeiert wie der Geburtstag des berühmtesten Sohnes der Stadt, Napoleon Bonaparte. Eine gewisse Parallele zwischen dem Klub und dem ehemaligen Kaiser lässt sich übrigens nicht abstreiten. Verhältnismäßig klein, aber dafür mit jeder Menge Stolz und Selbstbewusstsein ziehen die Bären von Ajaccio in die tendenziell aussichtslose Schlacht.

(Kein) Urlaub mit Jacques

Als neuestes Mitglied der illustren Runde im 65.000-Einwohner-Städtchen hat Jacques Zoua vor wenigen Tagen seinen Vertrag erhalten. Das Foto der Unterschrift könnte auch aus jedem beliebigen Urlaubsalbum eines Hamburger Touristen stammen.

Der Angreifer wechselte selbstverständlich ablösefrei auf die Insel - an Spielerkäufe der Kategorie "aussortierter Bundesligaprofi" ist in Ajaccio nicht zu denken. "Ich erhalte oft Anrufe von Spielervermittlern, die Mitleid mit uns haben", sagt Sportdirektor Ettori: "Aber die Schecks, die sie aufrufen, können wir nicht ausstellen." Wer spielt schon für 20.000 Euro im Monat für einen Erstligisten? Zoua sicher nicht. Einige der anderen Spieler schon.

Un jeton et une chaise

Gegen PSG wird Zoua zum ersten Mal im Kader stehen und versuchen, mit seinen neuen Teamkollegen im Parc des Princes die Verteidigungslinie zu halten. Das Auswärtsspiel in Paris gleicht einem Kampf gegen Windmühlen und Wahrscheinlichkeiten - die Wett-Quote von 25:1 spricht Bände. Und doch leuchtet an der Westküste Korsikas am Sonntagabend nicht nur jeder verfügbare Bildschirm, sondern auch ein kleiner Hoffnungsschimmer.

A chip and a chair - pardon - un jeton et une chaise. Mehr braucht man in Ajaccio nicht. Und dieser eine Jeton, der den Platz am Tisch der Großen beschert hat, ermöglicht den Korsen 38 Spiele in der Ligue 1.

Und noch etwas: Er lässt die Fans an den großen Erfolg glauben. Den Klassenerhalt. Warum sollen es die Bären nicht Napoleon gleichtun und den einen oder anderen übermächtigen Gegner in die Knie zwingen? Wer ist schon Paris Saint-Germain?

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