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Fussball

Aus dem Kind ist ein Mann geworden

SID
Yossi Benayoun bejubelt einen seiner wichtigsten Treffer im CL-Achtelfinale bei Real Madrid
© Getty

In seiner aktuellen Kolumne bei SPOX befasst sich Raphael Honigstein mit dem heimlichen Star des FC Liverpool: Yossi Benayoun. Der Israeli galt in seiner Heimat lange Zeit als ewiges Talent und als Schnösel. Ex-Chelsea-Coach Avram Grant machte ihn zu einem vorbildlichen Profi. Er selbst wandelte sich vom Kind zum Mann.

Als Yossi Benayoun im Sommer 2007 beim FC Liverpool unterschrieb, waren nicht alle israelischen Fußballfans glücklich. Nicht wenige Anhänger der Reds im Heiligen Land - Liverpool ist dort neben Manchester United traditionell der beliebteste ausländische Verein - sahen in der Verpflichtung des West-Ham-Mittelfeldspielers nämlich nur ein weiteres Indiz für Rafael Benitez' verfehlte Einkaufspolitik.

"Viele Liverpool-Fans waren hier nicht etwa stolz, dass nach Avi Cohen und Ronny Rosenthal  endlich wieder ein Israeli das rote Trikot tragen durfte, sondern enttäuscht", erinnert sich Shaul Adar, Fußballreporter der Tageszeitung "Ha'aretz", "denn sie wünschten sich einen besseren Spieler als Benayoun, den Inbegriff des ewigen Talents".

Traum mit Anlaufschwierigkeiten

Der Junge aus Dimona, einer ärmlichen Stadt in der Negevwüste, die in Israel nur für ihr Kernkraftwerk bekannt ist, war bei der Vertragsunterschrift 27 Jahre alt. "Ein Traum geht für mich in Erfüllung", sagte er anfangs, doch bald sah es so aus, als ob er in Anfield scheitern würde.

Kleinere Verletzungen und Benitez' Rotationspolitik warfen ihn immer wieder zurück. An den Niederländern Ryan Babel und Dirk Kuyt kam der spindeldürre 1,73-Meter-Mann nicht vorbei, an dem vom Trainer damals oft im rechten Mittelfeld aufgestellten Steven Gerrard natürlich auch nicht.

Benayoun spielte wenig, und wenn er spielte, merkte man dem Techniker an, dass Rhythmus und Selbstvertrauen fehlten. "Wenn die Situation sich nicht ändert, möchte ich nicht viel länger ein Liverpool-Spieler sein", klagte er im vergangenen November am Rande eines Länderspiels in Tel Aviv.

"Die Tatsache, dass ich soviel Zeit auf der Bank verbringe, sagt alles. Es scheint mehr Konkurrenz im Team zu geben. Falls ich draußen bleibe, will ich nicht bleiben."

Torres: "Das habe ich nicht drauf"

Ein knappes Jahr später hat sich die Situation geändert, und zwar dramatisch zu seinen Gunsten. Benayoun, der in den ersten sieben Saisonspielen zum Einsatz kam - beim Ligapokal-Sieg gegen Leeds durfte er diese Woche pausieren - ist nicht nur Stammspieler, sondern eine treibende Kraft neben Gerrard und Fernando Torres.

Der Spanier lobte ihn nach dem 3:2-Auswärtssieg bei West Ham in den höchsten Tönen. "So wie Yossi vom Flügel durch die Mitte dringt, das habe ich nicht drauf", sagte Torres.

Benayouns Hattrick gegen Aufsteiger Burnley vor zwei Wochen, der seinen Aufstieg in der Mannschaft auch nach außen dokumentierte, kam dabei nicht aus heiterem Himmel. Bereits in der zweiten Hälfte der vergangenen Saison spielte er sich mit starken Leistungen und acht Toren heimlich nach vorne.

Zwanzig Jahre bis zum Durchbruch

Der gute "Run" fing mit einem Treffer gegen Real Madrid im Februar an und hat seitdem nicht aufgehört. "Man könnte sagen, dass er Rafas konstantester Spieler im Jahr 2009 ist", schrieb die "Liverpool Daily Post".

Benayoun gehört dank seiner guten Spanischkenntnisse zu der einflussreichen Clique der Spanier im Team, er hat mit 29 Jahren nun endlich geschafft, was er auf dem Platz immer versucht: von der Peripherie des Spiels in eine zentrale Rolle vorzustoßen. "Er hat extrem wichtige Tore für uns geschossen und war ein ganz wichtiger Spieler für uns", sagte Benitez im Mai, als Benayouns Vertrag bis 2013 verlängert wurde.

Der äußerst ruhige, in Liverpool als Familienvater sehr zurückgezogen lebende Kapitän der israelischen Nationalmannschaft musste länger als die meisten auf den absoluten Durchbruch warten - zwanzig Jahre, wenn man so will.

Per Anhalter zu den Spielen

Schon Anfang der Neunziger Jahre begann man in Israel, sich wahre Wunderdinge über einen kleinen Jungen zu erzählen. Benayoun war neun, als die Scouts der Erstligisten auf ihn aufmerksam wurden. Fernsehteams und Journalisten fuhren von Tel Aviv in die Einwandererstadt Dimona, um über das vermeintlich größte israelische Talent aller Zeiten zu berichten.

Trotz des frühen Ruhms und eines Jugendvertrags bei Hapoel Bersheeba, dem größten Klub im Süden des Landes, war Yossis Leben hart: der Vater besaß kein Auto, und die Busse fuhren am Sabbat nicht. Die Benayouns mussten so an Spieltagen per Anhalter ins 30 Kilometer entfernte Beersheba reisen.

"Er war ein richtiger Rotzlöffel"

Ajax Amsterdam holte Benayoun 1995 in seine Fußballakademie nach Holland. Bei einem Jugendturnier stahl er als bester Spieler einem gewissen Michael Owen aus Liverpool die Show. Doch er bekam bald großes Heimweh.

In der kleinen Amsterdamer Wohnung wohnte die gesamte Benayoun-Familie quasi aufeinander, der Druck war einfach zu groß: mit 16 ging Benayoun zurück zu Bersheeba. Die kleine Fußballnation Israel war enttäuscht. "Es hieß, der Kleine sei zu weich für die ganz große Bühne", erinnert sich Adar.

Benayoun, wie fast alle Bewohner von Dimona ein Kind marokkanischer Immigranten, hatte damals Schwierigkeiten, den Karriereknick zu verkraften. "Er war ein richtiger Rotzlöffel", sagt Adar.

Dramatischer Abstieg mit Beersheba

Mit 17 durfte Benayoun endlich sein Profidebüt in der ersten Liga geben. "Ha Yeled" (das Kind), so sein Spitzname, war auf Anhieb der mit Abstand beste Spieler seines Teams und erzielte 15 Tore in 25 Spielen.

Der nächste Rückschlag aber ließ nicht lange auf sich warten: der Traditionsklub Bersheeba stieg am Ende der Spielzeit 1997/98 unter dramatischen Umständen ab. Im letzten Match der Saison verwandelte Benayoun in der 90. Minute im Nachschuss einen Foulelfmeter. Hapoel hatte das Spiel gewonnen, die Spieler dachten, den Abstieg vermieden zu haben.

Benayoun feierte ausgelassen mit den Fans auf dem Rasen - bis er erfuhr, dass ein Resultat auf einem anderen Platz Beershebas Abstieg besiegelt hatte. Der Junge brach auf dem Platz in Tränen aus.

Grant macht ihn zum vorbildlichen Profi

Benayoun wechselte zu Maccabi Haifa, dem größten und am seriösesten geführten Klub des Landes. Er kam mit den Grünen bis ins Viertelfinale des Pokals der Pokalsieger, machte danach jedoch wieder seinem Ruf als Schnösel alle Ehre. 1999 weigerte er sich demonstrativ, von Trainer Eli Cohen ausgewechselt zu werden und verharrte minutenlang auf dem Rasen. Cohen verlor den Machtkampf gegen den launischen Leistungsträger und trat wenig später zurück.

Erst unter der Ägide des späteren Chelsea-Trainers Avram Grant reifte Benayoun zu einem vorbildlichen Profi und Anführer heran. 2001 wurde der schnelle Techniker zum Spieler des Jahres gewählt; ein Jahr später, nach dem zweiten Titel in Folge, verpflichtete ihn der spanische Erstligist Racing Santander.

Entwicklung vom Kind zum Mann

Im Sommer 2005 holte West Ham ihn für 2,5 Millionen Pfund ins East End. Trainer Alan Pardew empfahl seinem dünnen Schützling, "mehr Kuchen zu essen". Benayoun kam jedoch mit der sprichwörtlichen Härte auf der Insel relativ gut zurecht. "Hier gehst du an einem vorbei, dann rauscht dir schon der nächste rein", sagte er, "darauf muss man gefasst sein."

Nicht vorhersehbar war allerdings der Bomben-Anschlag eines palästinensischen Selbstmörders in Dimona im Februar 2008. Benayoun war zu dem Zeitpunkt zu Besuch bei seinen Eltern, die nur fünf Minuten vom Unglücksort entfernt wohnen, wurde aber nicht verletzt.

In der Nationalmannschaft läuft es derzeit nicht ganz so gut wie im Verein. Nach seiner Auswechslung beim 0:1 gegen Lettland Anfang des Monats - eine Niederlage, die Israel in der WM-Qualifikation entscheidend zurück warf - legte sich Benayoun mit Assistenztrainer Moshe Sinai an und drohte mit seinem Rücktritt.

"Ich weiß nicht, ob ich hier weiterspiele", sagte der verärgerte Kapitän. Vor dem 7:0 gegen Luxemburg hatte er sich aber schon wieder mit den Offiziellen versöhnt. Aus dem "Kind" ist ein Mann geworden.

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Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 15 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". In Deutschland wurde der 35-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.

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