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Fussball

Kopfüber in die Top Four

SID
Mark Hughes steht derzeit mit Manchester City auf Platz vier der Premier League
© Getty

In seiner aktuellen Kolumne bei SPOX befasst sich Raphael Honigstein mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Manchester City und stellt fest: Ohne den Dampfplauderer macht der Klub aus den Eastlands viel richtig.

Manchester City gehört, daran gibt es nun keinen Zweifel, offiziell zu den ganz Großen. Der Klub aus den Eastlands kann nämlich jetzt auch jenes schickes Statussymbol vorweisen, das man als englisches Spitzenteam in dieser Saison unbedingt braucht: einen jungen, mit fragwürdigen Methoden im Ausland abgeworbenen Kicker.

Citys Gaël Kakuta heißt Jeremy Helan, ist 17 Jahre alt, und ein französischer U-16-Nationalspieler. Im Februar wechselte der Linksfuß von Rennes zu City - ohne eine Transfervereinbarung zwischen den Klubs.

Rennes zeigte die Engländer bei der FIFA an, das Verfahren läuft schon ein paar Monate. Laut Rennes' Sportdirektor Pierre Dreossi war Citys Verhalten "noch illegaler als das von Chelsea". Helan hatte angeblich - wie Kakuta in Lens - einen Vorvertrag bei dem Erstligisten, der mit der Berufung des Jungen in Frankreichs Jugendauswahl wirksam geworden war.

"Wir sind sicher, dass wir nicht gegen die bestehenden Bestimmungen verstoßen haben", ließ City verkünden. Die Lage wird dadurch kompliziert, dass der Spieler vor dem Wechsel auf die Insel gegen die Wirksamkeit des Vertrages bei einem französischen Arbeitsgericht geklagt hat. Der Urteilsspruch dazu steht noch aus.

Hat Manchester City Transfersperre einkalkuliert?

Der Fall Helan zeigt, wie aggressiv die von der Herrscherfamilie aus Abu Dhabi unterfütterten Citizens mittlerweile auf dem Transfermarkt vorgehen. Manchester United hatte auch ein Auge auf den Youngster geworfen, sich aber wegen der unklaren Rechtslage zurückgezogen. City hatte offensichtlich weniger Skrupel.

Es ist vorstellbar, dass die Hellblauen von der FIFA ebenfalls mit einer Transfersperre bestraft werden, doch im Gegensatz zu den Rivalen vom FC Chelsea haben Mark Hughes und Co. die Zeit auf ihrer Seite.

Selbst wenn die FIFA noch in diesem Jahr ein Urteil fällen sollte, würden die Sanktionen nach einem Einspruch von City erst im nächsten Sommer wirksam werden. Im Januar-Fenster hätte City dann die Gelegenheit, sich mit Hamsterkäufen auf ein etwaiges Embargo vorzubereiten.

Ferguson: Klub mit kleingeistiger Mentalität

Mehr als 120 Millionen Euro hat man bereits vor dieser Saison ausgegeben, doch für die gewaltige Summe war nicht bei allen britischen Experten Kredit zu bekommen. Einen "kleinen Klub mit kleingeistiger Mentalität" nannte Manchester-United-Trainer Alex Ferguson die Lokalrivalen nach dem Kauf von Carlos Tevez für knapp 30 Millionen Euro.

Auch als Mark Hughes Ende Juli bei dem Versuch scheiterte, Chelsea-Kapitän John Terry ins Stadion in den Eastlands zu locken ("ein Wechsel war keine Sekunde lang eine Option", sagte Terry - nach einem schlappen Monat Bedenkzeit), spotteten die Medien auf der Insel. Der englische Nationalverteidiger hatte sich hinter Kaka und Ronaldinho in die minütlich länger werdende Liste prominenter Absagen eingereiht.

Blinde Hatz nach Glitter und Glanz

Aus City, dem sympathischen Versagerklub, der vor zehn Jahren in der dritten Liga kickte und seit 1976 nichts gewonnen hat, war ein kaufwütiger Emporkömmling geworden, der sich auf der blinden Hatz nach Glitter und Glanz überteuerte Durchschnittsware andrehen ließ.

Den Niederländer Nigel de Jong, zum Beispiel, für aberwitzige 20 Millionen Euro vom HSV. Sechs Monate später hätte der Mittelfeldspieler wegen einer Klausel im Vetrag für zwei Millionen gehen können.

Der Kader sei zudem zu "top heavy" für einen Sprung unter die ersten Vier, konnte man vor Saisonbeginn überall lesen. Der Begriff kommt aus der Schifffahrt und bezeichnet ein schlecht tariertes Lastenverhältnis mit Übergewicht unterm Bug.

Man fragte sich ob Hughes, 45, vor lauter teuren Stürmern (Tevez, Emmanuel Adebayor, Roque Santa Cruz, Craig Bellamy, Robinho, Benjani Mwaruwari) die Defensive vergessen hatte und mit dem Luxusdampfer kopfüber absaufen würde.

Hughes' Strategie funktioniert

In den Artikeln schwang sehr viel Snobismus und Klassendenken mit. Nichts ist billiger, als einem neureichen Klub Konzept- und Maßlosigkeit vorzuwerfen. In Wahrheit hat City seit dem enttäuschenden Saisonende auf Platz zehn im Mai nämlich sehr viel richtig gemacht.

Als erstes wurde Hughes' Position bestärkt. Geschäftsführer Garry Cook, ein Dampfplauderer, der in der Vergangenheit durch fast schon kriminelle Inkompetenz bei den Verhandlungen mit Kaka und Ronaldinho für ein PR-Desaster nach dem nächsten sorgte, drehte man dem Ton ab. Zu sportlichen Fragen äußert sich nur noch Hughes.

Seine Strategie, mit Ausnahme des Brasilianers Sylvinho ausschließlich Spieler von anderen Premier-League-Vereinen zu holen, mutete etwas fantasielos an, entpuppt sich aber nach Liga-Siegen in Folge als sehr gescheit.

Manchester City kauft Konkurrenten die Spieler weg

Zum einen konnte man, ganz im Stile einer etablierten Großmacht, direkte Konkurrenten um die Plätze im vordersten Tabellenviertel gezielt schwächen. Aston Villa verlor mit Gareth Barry (13,8 Millionen Euro) seinen Schlüsselspieler in der Zentrale an City, Everton musste trotz heftiger Gegenwehr und einer Beschwerde bei den Behörden Verteidiger Joleon Lescott (29 Millionen Euro) ziehen lassen. Die Akklimatisationsphase fällt für die inselerprobten Neuen naturgemäß kurz aus.

Das Beste an dieser "buy local"-Masche aber ist, dass Hughes den Druck an seine Einkäufe weitergeben konnte.

Spieler wie Tevez oder der Togoer Emmanuel Adebayor (29 Millionen Euro, FC Arsenal), die von Champions-League-Teilnehmern zu City wechselten, müssen sich und der Öffentlichkeit ja beweisen, dass ihr demonstrativer Optimismus (Adebayor: "Ich bin nur wegen dem Fußball hier, wir können schon diesen Sommer der größte Verein in Manchester sein")  mehr als Geflunker war, um von den nachdrücklich verbesserten Bezügen im City of Manchester Stadium abzulenken.

Adebayor, der dem Vernehmen nach 9,5 Millionen Euro verdient, wirkt nach seinen beschämend lethargischen Auftritten in Nord-London in der vergangenen Saison wirklich wie ausgewechselt. Mit drei Toren in drei Spielen ist der 25-Jährige mitverantwortlich für Citys guten Saisonstart.

Spieler heiß auf Erfolg

"Wenn man für ein Team spielt, wo die Fans dich lieben und immer unterstützen, versucht man, etwas zurück zu geben", sagte Adebayor. Die Arsenal-Fans werden diese Aussage beim Spiel am Samstag mit Pfiffen quittieren.

Mit den Gunners am Samstag und Manchester United in der Woche darauf kommen jetzt Gegner, die verdeutlichen werden, wo Citys Reise dieses Jahr hingeht. Platz vier erscheint realistisch, mindestens. Nicht in der Europa League beschäftigt zu sein, ist sicherlich kein Nachteil für Hughes' Truppe, der man bisher auch keine Söldnermentalität bescheinigen konnte. Die Spieler wirken sehr hungrig nach Erfolg.

Ob diese positive Grundstimmung ein paar Niederlagen überdauern kann, wird die entscheidende Frage sein. Bisher haben aber sowohl Hughes und die Scheichs gezeigt, dass sie langfristig planen. Jeremy Helan ist dafür - trotz der gewaltigen Probleme, die der Transfer mit sich bringen könnte - der beste Beweis.

Alle Informationen zur Premier League

Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 15 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungiert Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 35-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.

 

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