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Fussball

Früher war alles besser

SID
Chelseas Deco soll ja angeblich ein Faible fürs Londoner Nachtleben haben
© Imago

In der Premier League wird während der besinnlichen Tage durchgespielt. Doch das hindert die großen Vier des englischen Fußballs nicht daran, sich mit Unzulänglichkeiten zu überbieten, analysiert Raphael Honigstein. Für SPOX berichtet er jeden Donnerstag aus London von den Entwicklungen vor Ort.

Winterpause? No, thanks. Auf der Insel wird durchgespielt, bis das letzte Stück Grün von den Schlachtfeldern getilgt und mindestens ein prominenter Mittelfußknochen durch ist.

Noch vor ein paar Jahren wurde in England halbherzig diskutiert, ob ein bisschen Urlaub für alle Beteiligten nicht doch sinnvoll wäre, vor allem mit Hinsicht auf die Chancen im Europapokal.

Aber das Thema hat sich seit der Dominanz der großen Vier in der Champions League erledigt. Arsenal, Manchester United, Chelsea und Liverpool kamen auch dieses Mal trotz bestenfalls mittelprächtiger Leistungen aufreizend leicht in die nächste Runde.

Titelkampf: Spannend? - Ja! - Besser? - Nein!

Gut für den englischen Fußball, könnte man meinen, aber nein -  der mühelose Erfolg rief hier einige unverbesserliche Nostalgiker und den Wunsch nach Abschaffung der Gruppenphase auf den Plan. Denn "früher war alles besser, weil spannender", etc etc.

Spannender, aber eher nicht besser, ist dieses Jahr auch der Meisterschaftskampf in der heimischen Liga. Liverpool (38 Punkte), Chelsea (37 Punkte) und Manchester United (32 Punkte, bei einem Spiel weniger) haben allesamt gute Chancen, weil bisher kein Team richtig überzeugen konnte.

Der enge Wettbewerb an der Spitze ist, auch wenn es auf den ersten Blick anders aussehen mag, ein Zeichen von Schwäche. Die Statistik zeigt: Im Vergleich mit den vergangenen Jahren war es wohl noch nie so einfach, die Premier League zu gewinnen.

Liverpool mit 38 Punkten schwächster Tabellenführer seit 2002

Im Dezember 2004 hatte Tabellenführer Chelsea nach 17 Spielen 40 Punkte und vier Zähler Vorsprung. Ein Jahr später führten die Blues zum gleichen Zeitpunkt mit 46 Punkten und einem Abstand von neun Punkten auf den Zweiten. 2007 machte Manchester United nach 17 Spielen mit 44 Punkten (und fünf Zählern Abstand auf Chelsea) das Rennen, im vergangenen Jahr führte der FC Arsenal mit 40 Punkten vor United (39 Punkte).

Rafael Benitez' Liverpool ist, mit anderen Worten, der schwächste vorweihnachtliche Tabellenführer seit langer Zeit; 38 Punkte hätten zuletzt im Dezember 2002 für die Tabellenführung gereicht.

Kampf um den Titel zieht sich hin

Die Zahlen bestätigen das Gefühl: Das Titelrennen wird zur Zeit in einem ziemlich schleppenden Tempo absolviert. Die Unentschieden-Orgie des vergangenen Spieltag, als keiner der großen Vier gewinnen konnte, hat das Augenmerk auf die doch verblüffende Anzahl der Probleme an der Spitze gelenkt.

Arsenal, dank seiner radikalen Jugendpolitik schon vor der Saison kein ernstzunehmender Titelkandidat, bleibt das Team der Zukunft. In der Gegenwart aber summieren sich die Schwierigkeiten. Ex-Kapitän William Gallas ist seit seiner Ablösung durch Cesc Fabregas noch isolierter in der Mannschaft und würde am liebsten schon im Winter das Weite suchen. Leider hält sich das Interesse für  launische Innenverteidiger mit einem Jahresgehalt von 5,2 Millionen Euro europaweit in Grenzen.

Im Vorstand bekriegen sich dazu verschiedene Fraktionen, weiterhin droht eine feindliche Übernahme durch den Oligarchen Alischer Usmanow. Und in der Tabelle läuft man nun sogar Gefahr, den finanziell äußert wichtigen vierten Platz an Aston Villa zu verlieren.

Aufstand der Spieler bei Chelsea

Sehr viel überraschender sind Chelseas Mühen. Die 36 "Experten" (darunter war auch Premier League Inside), die im Sommer in der Wettbibel "The Racing Post" einstimmig auf den Londoner Klub als kommenden Meister gesetzt haben, konnten nicht ahnen, dass Weltmeistertrainer Luiz Felipe Scolari derart lax trainieren lässt, dass sich bereits die Spieler beschwert haben.

Die am Dienstag von der "Times" enthüllte Geschichte - Unverständnis der Spieler nach Auswechslungen, Sprachschwierigkeiten, Probleme mit Deco - war in Journalistenkreisen schon länger bekannt und ist nur die Spitze des Eisbergs. 

Das Training sei "wie in den Achtziger Jahren", erfuhr Premier League Inside aus Spielerkreisen; außerdem genießt Deco wie schon in seinem letzten Jahr in Barcelona anscheinend das Nachtleben zu sehr. Chelsea hat mit massiven rechtlichen Drohungen gegen die englischen Zeitungen viele ähnliche Artikel verhindert, das allein zeigt schon die extreme Nervosität im Verein.

Manchester United mit vergleichsweise ruhigem Umfeld

Meister United steht vergleichsweise gut da. Trotz des Störfeuers aus Madrid und der berechtigten Kritik an Dimitar Berbatows geringem Arbeitsaufwand sind die Grundstrukturen intakt. Bis man in der Offensive zur alten Stärke zurückfindet, kann man immerhin auf Ferdinand und Vidic in der Abwehr vertrauen, ein besseres Verteidigerduo gibt es in Europa nicht.

Allerdings wird man in den nächsten Tagen ganz ohne eigenes Verschulden Boden verlieren - United muss bei der Klub-WM in Japan gegen Gambas a la Plancha und andere Hochkaräter antreten und verpasst somit schon wieder einen Spieltag.

Liverpool als Nutznießer? - Weit gefehlt!

Der große Nutznießer sollte eigentlich der FC Liverpool sein. Zum ersten Mal in seiner Amtszeit ist Benitez an Weihnachten noch ganz dick im Geschäft - und dass, obwohl Torjäger Fernando Torres schon seit längerer Zeit ausfällt.

Eine Indiskretion von Steven Gerrard hat jedoch unnötige Unruhe in den Klub gebracht: Der mit seiner Reservistenrolle unzufriedene Robbie Keane soll im Winter verkauft werden, hat der Kapitän einem Fernsehkommentator anvertraut. Für Unverständnis sorgte auch die Aussage des Trainers, Liverpool könne "nur durch ein Wunder" Meister werden. Benitez will dies allerdings nie gesagt haben.

Vor dem Auswärtsspiel beim FC Arsenal, das er wegen einer Nierenstein-Operation verpassen wird, erklärte der Spanier offensiv, Liverpool habe "eine 80-prozentige Titelchance als Tabellenführer zum Jahreswechsel". Die Zahl ist bestimmt komplett aus der Luft gegriffen, hört sich aber gut an.

Das Jahr ist ja fast vorbei - höchste Zeit, dass endlich ein bisschen Schärfe und Tempo ins Titelrennen kommt.

Alle Informationen zur Premier League

Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 15 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungiert Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 34-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.

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