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Fussball

Carlitos Weg - auf die Bank

SID
Sportlich einfach nur zweite Wahl oder Gegenstand eines abgezockten Transferpokers? Carlos Tevez hat bei Manchester United momentan nur einen Stammplatz auf der Bank
© Getty

Nach dem müsahmen 1:0-Sieg gegen den FC Sunderland in letzter Minute am vergangenen Samstag hat sich in diversen Manchester-United-Foren Widerstand formiert: "Berbatow raus, Tevez rein", lautet die Forderung der Basis. Während Millonen von Red Devils-Fans, die ihr Team nur am Fernseher erleben, sich weiter an den netten Hackentricks und feinen Pässen des Bulgaren erfreuen, sind die Stadienbesucher mit dem arg gemütlich über den Rasen trottenden Ex-Leverkusener zunehmend unzufrieden.

"Berbatow schlendert gemächlich herum und zaubert sehr unregelmäßig", schreibt zum Beispiel Craig Malpas auf den Fan-Blog-Seiten der "Times".

"Irgendwie hat er es geschafft, Ferguson davon zu überzeugen, dass man für ein paar magische Momente Lethargie und Arroganz in Kauf nehmen muss. Und Tevez muss derweil die Bank wärmen. Ist es verwunderlich, dass Cristiano Ronaldo ohne die unermüdliche Arbeit des Argentiniers noch nicht die Hochform der vergangenen Saison erreicht hat?"

So lange United gewinnt, oder wie beim 2:2 am Mittwoch gegen den Aalborg BK -  als Berbatow geschont wurde und Tévez nach drei Minuten zum 1:0 traf - zumindest akzeptable Ergebnisse erzielt, fehlt der Diskussion um den zweiten Stürmer neben Wayne Rooney noch ein wenig die Schärfe.

Man muss fairerweise sagen, dass es auf der Insel immer auch eine Geschmacksache ist: wilde Rackerer wie der Mann aus Buenos Aires kommen beim Publikum grundsätzlich besser an als schweißlose Künstler.

Ferguson hat die Qual der Wahl

Tevez' Hattrick im Ligapokalspiel gegen Blackburn schien jedoch vor einer Woche selbst Ferguson ins Grübeln zu bringen. "Es war eine fantastische Leistung, voller Energie und aggressiven Sturmläufen", lobte der Schotte, "Carlos gibt immer sein Bestes, dafür bewundere ich ihn. Er bereitet mir jetzt Probleme, die richtige Aufstellung zun finden. Ich male auf meinem Block rum, und versuche, irgendwie alle in die Elf zu bekommen".

Dann spielte gegen Sunderland aber wieder Berbatov, Tevez wurde erst spät eingewechselt. In dem Programmheft vom Mittwoch betonte der Trainer, dass United dieses Jahr besser als 1999  in der Lage sei, den Champions-League-Titel zu verteidigen - man sei nun taktisch variabler.

Das war ja eines der Hauptargumente für den 38 Millionen-Euro-Kauf von "Dimi": einen großgewachsenen, kopfballstarken Stürmer, der den Ball halten kann, hatte man vorher schlichtweg nicht im Kader.

Provokation oder Animation?

Gleichzeitig hat die Rückkehr zum guten alten 4-4-2-System jedoch Tevez aus der Stammelf gedrängt, und mit ihm ein wenig die Variation und Wucht des Angriffsspiels. Will Ferguson den Südamerikaner vielleicht nur zu Höchstleistungen animieren?

Schon die Tatsache, dass Sir Alex das Neuner-Trikot, das Tevez (Rückennummer 32) im Sommer  am liebsten für sich bekommen hätte, sofort an Berbatow weiter reichte, legt den Verdacht nahe, dass er den Mann mit der Narbe am Hals ein bisschen provozieren wollte.

So gesehen hätte Ferguson vieles richtig gemacht: "Carlito" spielt nach dem Verlust seines Stammplatzes jedenfalls mit noch mehr Schwung und Vehemenz. Wenn er denn darf.

28 Millionen Euro Ablöse

Richtig spannend wird der Fall in Anbetracht der Vetragssituation. Tevez wurde im August 2007 von West Ham bzw der windigen Spieleragentur MSI von Kia Joorabchian für zwei Jahre ausgeliehen.

United hat dafür bisher um die 14 Millionen Euro an Leihgebühren bezahlt; etwa das Doppelte soll als "Ablösesumme" für einen längerfristigen Vertrag im Sommer anfallen. Einige Blätter hatten schon vor Monaten berichtet, der Deal sei in trockenen Tüchern. Doch zuletzt sind die Verhandlungen merkwürdig ins Stocken geraten.

"Ich bin nicht frustriert", sagte Ferguson neulich zu diesem Thema, "manchmal dauert es eben ein bisschen länger. David Gill (Geschäftsführer von Manchester United, Anm. d. Red.) redet mit Tevez Berater, er macht das schon."

Der letzte Satz ließ Fergie-Kenner hellhörig werden. Gill wickelt zwar schon seit Jahren die Transfers ab, doch meistens bleibt er unerwähnt; oft fällt sein Name nur, wenn Ferguson nicht dass bekommt, was er will.

Unklare Aussagen

Im Sommer 2003 machte der Trainer zum Beispiel Gill relativ unverblümt für die gescheiterten Verhandlungen mit Ronaldinho verantwortlich; anstatt dem damals besten Spieler der Welt kaufte United letztlich Kleberson und Eric Djemba-Djemba. (Wen? Genau.)

Interessant sind auch die ständig wechselnden Aussagen zu dem Thema. Gill hatte zu Beginn dieser Saison verkündet, dass ein Deal mit Tevez "unmittelbar bevorsteht".

Im Oktober sagte Ferguson, er gehe davon aus, dass man erst Ende der Saison zu einer Übereinkunft kommen würde. Kurz darauf erklärte ein Vereinssprecher, man hoffe noch vor Jahresfrist mit Tevez zu verlängern, das Gerede von einer Verzögerung sei "Unsinn".

Etwas mysteriös, das Ganze. Tevez, so heißt es aus Argentinien, verstünde nicht, warum es so lange dauert. Die Nachrichtenagentur AFP vermeldete vor ein paar Tagen schon, dass sich seine Zeit bei United dem Ende entgegen neige.

Alles eine Frage des Geldes

Natürlich geht es in Wahrheit wie immer ums Geld. 28 Millionen Euro sind eine stolze Summe für einen Spieler, der im Sommer im Grunde vereinslos ist - besonders in einer Rezession.

Die Premier League hat es Agenturen im letzten Jahr außerdem verboten, Transferrechte an Spielern zu halten, das hat United in die Karten gespielt.

Gill dürfte versuchen, mit Hinweis auf die veränderten Bestimmungen die Transferzahlung deutlich zu drücken. Denn wenn Tevez offiziell nicht mehr Joorabchian gehören darf, müsste ja eigentlich ein (üppiges) Handgeld ausreichen.

Nach der Verpflichtung von Klaas Jan Huntelaar müsste zudem Real Madrid als schärfster Mitbieter ausgeschieden sein. Tevez hat nicht sehr viele Optionen - 28 Millionen wird im Sommer kaum jemand für einen neuen Spieler locker machen.

Manchester spielt auf Zeit

United scheint also locker auf Zeit zu spielen - dass Tevez gerade jetzt auf der Bank sitzt, ist wohl kein Zufall. Als Teammanager muss Ferguson in seinen Entscheidungen ja nicht nur sportliche Gesichtspunkte berücksichtigen.

Tevez' Transferwert dürfte als Bankspieler leiden, dies ist zumindest ein sehr angenehmer Nebeneffekt des Berbatow-Transfers und aus Sicht des Vereins auch nicht verwerflich.

Joorabchian sollte sich sputen und seine Forderungen besser senken. Denn sonst könnte es gut sein, dass Ferguson die für Tevez bereit gestellten Millionen am Ende doch lieber ganz anders investiert. In Karim Benzema, zum Beispiel.

Lyons 20-Jähriger Torjäger hat gerade erst Manchester United als einen von drei Wunschvereinen genannt und wäre aus Sicht der Marketingabteilung sicherlich die attraktivere Variante.

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Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 15 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungiert Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 34-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.

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