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Fussball

Wenger will es nicht wahrhaben

SID
Enttäuschter FC Arsenal: Cesc Fabregas, Alexandre Song und Manuel Almunia (v.l.)
© Getty

Manchester United mit Cristiano Ronaldo, Michael Ballacks FC Chelsea, die Arsenal-Young-Guns und der FC Liverpool: Die Premier League ist in Europa das Maß der Dinge. Zumal sich dank zahlungskräftiger Investoren jetzt auch Teams wie Manchester City zu Höherem berufen fühlen. Für SPOX berichtet Raphael Honigstein jeden Donnerstag aus London von den Entwicklungen vor Ort. Diesmal hat er die Folgen der Finanzkrise zum Thema.

Arsene Wenger hat seit 2005 (FA-Pokal gegen Manchester United, im Elfmeterschießen) keinen Titel mehr gewonnen. Dieses Jahr aber stehen die Chancen gut wie seit langem nicht: der Franzose wurde soeben vom Esquire Magazin für den "Business Thinker of the Year Award" (Geschäftsmann des Jahres) nominiert.

"Er war der einzige Premier League-Manager, der im vergangenen Jahr Profit im Transfermarkt gemacht hat", heißt es in der Begründung der Jury.

Arsenal macht trotz neuen Stadions Gewinn

Selbst wenn man bedenkt, dass der 59-Jährige Wirtschaft studiert hat, sind seine kaufmännischen Leistungen beachtlich. Arsenal hat trotz Belastungen durch den Stadionneubau und Problemen mit dem Verkauf von Immobilien auf dem Gelände des abgerissenen Highbury-Stadions im abgelaufenen Jahr 46 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet.

Ganz nebenbei ist seine jugendliche Kurzpasstruppe mit nur vier Punkten Rückstand auf Manchester United Dritter geworden.

Auch der Start in die neue Saison verlief durchaus befriedigend. Arsenal ist nach elf Partien sechs Punkte hinter der Spitze Vierter in der Tabelle und in der Champions League schon fast durch. Spitzenspiele gegen Manchester United (am Samstag) und Chelsea (30. November) bieten den Gunners zudem die Gelegenheit, in Kürze Punkte gegen die direkte Konkurrenz gut zu machen.

Wenger unter Druck

Wer aber die englischen Blätter aufschlägt, muss von einem Verein in der Krise lesen, der bisher vielleicht größten in Wengers Amtszeit. "Wengers Sorgen werden immer größer", berichtete der "Guardian" am Donnerstag; "Ist es Zeit für Wenger, Arsenal zu verlassen?" fragte sich sogar die seriöse "Times" in der vergangenen Woche.

Unmittelbar verantwortlich für die schlechte Stimmung sind nur zwei Siege in den vergangenen sechs Ligapartien und eine ellenlange Verletztenliste. Emmanuel Adebayor fällt wie die Langzeitinvaliden Tomas Rosicky und Eduardo definitiv gegen United aus, Robin van Persie ist rot-gesperrt, Theo Walcott, William Gallas, Emmanuel Eboue und Mikael Silvestre sind alle fraglich.

Kritik an Wengers Einkaufspolitik

Wenger kann natürlich nichts für diese Ausfälle, doch seine (nicht ganz unberechtigte) Klage gegen die raue Gangart von Stoke City ("Grätschen von hinten sind feige") am vergangenen Wochenende erwies sich als riesengroßer Bumerang.

Warum, fragen sich selbst wohlwollende Beobachter und immer mehr Arsenal-Fans, weigert sich Wenger so standhaft, erfahrene Kicker zu verpflichten, die dem robusten Spiel in der Premier League standhalten können?

Premier League ist kein "Netzball"

Die finanziellen Mittel der Londoner können zwar nicht mit Chelsea und United mithalten, doch Arsenal zahlt keine Dividenden an die Eigentümer und hatte im Sommer offiziell 40 Millionen Euro für Neuverpflichtungen zur Verfügung. Aus unerklärlichen Gründen weigerte sich Wenger jedoch, einen versierten Mann für das defensive Mittelfeld zu kaufen. Er setzt auf Denilson  (20) und Alex Song (21) neben dem überforderten Cesc Fabregas.

Ist es verwunderlich, dass Arsenal in den Zweikämpfen in der Platzmitte oft das Nachsehen hat? Der unerschütterliche  Idealismus des Trainers mutet in der unverbesserlich raubeinigen Premier League langsam aber sicher naiv an. "Wenn man sie nicht spielen lässt, beschweren sie sich über die Härte", lästerte Stoke-Trainer Tony Pulis, "wir sind hier aber nicht beim Netzball."

Wenger spielt mit Stars von morgen

Die Innenverteidigung, seit Jahren Arsenals Achillesferse, wurde ebenfalls nicht entscheidend verstärkt. Es kam nur der bei United längst ausgemusterte Silvestre, quasi zum Nulltarif. Nimmt man noch den dramatisch mittelmäßigen Torwart Manuel Almunia hinzu, bemerkt man, dass Arsenal in der Defensive einfach nicht gut genug besetzt ist, um seine Ziele zu verwirklichen. "Wengers Prinzipien werden für den Verein, den er seit vielen Jahren so brillant führt, zu einem Hindernis", schrieb der "Guardian".

Schon seit drei, vier Jahren schwärmt die ganze Welt von den technisch versierten, wunderbar flüssig kombinierenden Nachwuchskünstlern aus Nordlondon. Anstatt für viel Geld Stars einzukaufen, investiert Wenger lieber vorbildlich in die Stars von morgen.

Mehr als gute Kritiken für ihren ansehnlichen Stil und ein großes Versprechen brachte dieser Sonderweg in den vergangenen Jahren jedoch leider nicht ein: die Kanoniere drohen sich als ewige Zukunftsmannschaft zu etablieren.

Flamini und Hleb sind gegangen

Wenger will das nicht wahrhaben. "Uns fehlten im vergangenen Jahr nur Nuancen", sagte er, mit kritischen Fragen konfrontiert, kürzlich bei der Mitgliederversammlung. Die Spieler selbst sind sich da nicht so sicher. Sie wollen in der Gegenwart Titel gewinnen und sich nicht mit Perspektiven vertrösten lassen.

Im Sommer verabschiedeten sich auch aus diesem Grund Matthieu Flamini und Alex Hleb aus London. Die große Gefahr ist, dass auch Fabregas irgendwann die Lust verliert, auf ein besseres Morgen zu warten.

Arsenal-Fans murren heftig

Die Basis murrt bereits heftig. Am Mittwoch, nach dem 0:0 gegen Fenerbahce, wurde die Mannschaft nicht zum ersten Mal in dieser Saison ausgebuht. Die Fans sind keine Idealisten.

Sie wollen nicht, dass Finanzgenie Wenger für seine Sparsamkeit von Männermagazinen ausgezeichnet wird und immer nur für das schöne Spiel ihres Teams gelobt werden. Sie machen sich nichts aus der B-Note. Ein richtig schmutziges, hart umkämpftes 1:0 gegen United wäre ihnen lieber.

Alle Informationen zur Premier League

Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 15 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungiert Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 34-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.

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