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Fussball

Chelsea-Besitzer Hansjörg Wyss: Zwischen Turbokapitalist und Philanthrop

Von Stefan Rommel

Ein nahezu unbekannter Schweizer wird einer der neuen Besitzer des FC Chelsea: Hansjörg Wyss, ein Selfmade-Milliardär und Menschenfreund, lenkt jetzt die Geschicke der Blues. Aber was will er mit dem FC Chelsea?

Am Montag wird der Chelsea Football Club seine Besitzer wechseln. Ein Konsortium mit dem sportverrückten Amerikaner Todd Boehly an der Spitze wird die Blues für fünf Milliarden Euro erwerben und damit in die Geschichtsbücher eingehen: Nie zuvor wurde eine größere Summe für einen Sportklub bezahlt.

Boehly weitet sein Engagement damit auch auf den Fußball und Europa aus. Bisher ist er unter anderem Mitbesitzer der L.A. Lakers, der Dodgers und der Los Angeles Sparks, dazu gehören ihm das Fantasy-Sports-Unternehmen DraftKings und die E-Sport-Organisation Cloud 9.

Boehly wollte schon vor drei Jahren beim FC Chelsea einsteigen oder den Klub von Roman Abramovich kaufen. Der Russe lehnte damals ab. Nun öffnete ihm Vladimir Putins Überfall auf die Ukraine unverhofft nochmals die Tür.

Chelsea-Besitzer Wyss: Selfmade-Milliardär und Phantom

Im Schatten des extrovertierten Amerikaners hat sich aber noch ein anderes Schwergewicht in den Deal eingeklinkt, das bisher im Sportumfeld überhaupt nicht aufgetaucht ist. Hansjörg Wyss gilt als einflussreichster Schweizer weltweit.

Der Selfmade-Milliadär ist in seiner Wahlheimat USA ein politischer Strippenzieher, unterstützt die Demokraten und linke Bewegungen, spendet hunderte Millionen Dollar für Naturschutz und Umweltprojekte - und kauft nun ausgerechnet mit Chelsea den Prototypen des europäischen Investoren-Fußballs.

Wyss sieht sich seit Jahren nur noch als Kapitalgeber, aus seinen operativen Geschäften hat sich der 86-Jährige längst zurückgezogen. In den letzten Wochen und Monaten wurde aus dem "Phantom", wie ihn Schweizer Medien immer wieder nannten, sogar eine greifbare Gestalt aus Fleisch und Blut.

Davor gab es aber Zeiten, da ließ sich Hansjörg Wyss auf Bildern nur bis zum Oberkörper ablichten. Selbst auf dem Deckblatt des Geschäftsberichts seiner eigenen Firma wandte sich Wyss quasi inkognito an seine Aktionäre, sein Grußwort war lediglich mit einem Bild seiner Hände versehen.

Das war noch zur Zeit, als der gebürtiger Berner ein erfolgreicher Unternehmer war, der erfolgreichste der Schweiz und einer der reichsten Männer der Welt. Wyss legte jahrzehntelang keinerlei Wert auf Aufmerksamkeit, lebte zurückgezogen in den USA und baute dort im Stillen ein wahres Imperium auf.

Wyss kauft Chelsea: Mit Schrauben, Nägeln und Platten zum Imperium

Mit "Schrauben, Nägeln und Platten" hat Hansjörg Wyss ein Vermögen verdient, wie es die Neue Zürcher Zeitung einmal schrieb. Im Jahr 2021 schätzte das Forbes-Magazin seinen Besitz auf rund sechs Milliarden Euro. Durch einen glücklichen Zufall rutschte der gelernte Ingenieur Wyss in den Medizinsektor, wurde mit einem Chirurgen bekannt, der die herkömmliche Behandlungsmethode bei Knochenbrüchen revolutionierte und statt der bis dato üblichen Gipsverbände nun einen operativen Eingriff samt Einsatz diverser Fremdmaterialien salonfähig machte.

Diese Hilfsmittel, Schrauben, Nägel und Platten, lieferte Wyss' Firma Synthes, die den damals noch aufstrebenden Schweizer in den 1970er und 1980er Jahren aus den roten Zahlen führten und Synthes in ein prosperierendes Unternehmen verwandelten. Nicht ohne eigenes Risiko, wie mehrere Kredite in zweistelliger Millionenhöhe dokumentierten.

So kühn und risikofreudig Wyss aber hinter den Kulissen agierte, so unaufgeregt und bescheiden blieb er in der Öffentlichkeit. So er denn überhaupt auftauchte. Früh siedelte Wyss in die USA über, adaptierte den unternehmerischen Geist der Staaten und baute seine Firma zu einem der führenden Medizintechnikunternehmen der Welt aus. Vor zehn Jahren verkaufte er seine Anteile an den Pharma-Giganten Johnson & Johnson für kolportierte zehn Milliarden Euro und zog sich aus der Geschäftswelt zurück.

Wyss: "Wir müssen den Planeten retten!"

Aus dem ehrgeizigen Unternehmer wurde ein gediegener Philanthrop, ein Menschen- und Naturfreund, ein Wohltäter für Umwelt und Gesellschaft. Quasi ein Anti-Abramovich. Wyss ist einer der Unterzeichner von "The Giving Pledge", der Kampagne von Bill Gates und Warren Buffet. Darin verpflichten sich einige der reichsten Menschen der Welt, bis zu 99 Prozent ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden.

Wyss spendete und spendet für Forschungsprojekte im Naturschutz, in der Medizin und bei humanitären Projekten. In einem seiner seltenen Interviews verriet er der New York Times 2018, dass er in den kommenden zehn Jahren eine Milliarde US-Dollar spenden wolle. "Wir müssen den Planeten retten!", sagt Wyss. Der sieht sich mittlerweile als eine Art Ergänzungsspieler, wenn Politik und Wirtschaft wieder einmal versagen oder es an den erforderlichen finanziellen Mitteln fehlt.

Dann springt er ein und schießt frisches Geld für Projekte und Kampagnen von NGOs zu oder gründet selbst eigene Stiftungen wie die "Wyss Campaign for Nature" zum Erhalt oder der Schaffung von Naturschutzgebieten und -parks. Dass er finanzielle Mittel auch in die US-Politik habe fließen lassen, bestreitet er vehement, unter anderem in einem Interview mit dem Blick. "Ich habe keinen Cent für einen Kandidaten der US-Wahlen 2020 gespendet. Erstens darf ich es nicht, zweitens will ich es nicht!"

Teil der Kaufsumme für Unterstützung in der Ukraine geplant

Verbrieft sind dagegen seine Beteiligung und sein Engagement an Todd Boehlys Konsortium. Hansjörg Wyss steigt nun also auch noch zumindest indirekt in den Profi-Fußball mit ein. Das macht auf den ersten Blick wenig Sinn, verfolgt der Schweizer doch schon lange keine finanziellen Interessen mehr.

Weil aber Roman Abramovich von der Kaufsumme keinen Cent sehen wird und ein beträchtlicher Teil der Kaufsumme humanitären Zwecken zugute kommen soll, hat sich Wyss für die Beteiligung zusammen mit seinen Partnern entschieden. Konkret sollen Kriegsopfer in der Ukraine mit den rund drei Milliarden Euro unterstützt werden, die abzüglich der für den FC Chelsea zurückgestellten rund zwei Milliarden Euro noch übrig bleiben.

Strategische Interessen dürfte Wyss mit diesem Engagement ebenfalls nicht im Blick haben. Die direkte Hilfe für die Ukraine steht offenbar im Vordergrund. Es sei schließlich schwieriger, zehn Milliarden Euro sinnvoll auszugeben, als sie zu verdienen. Das hat er in einem Interview mit der Welt gesagt. Und wer sollte das besser beurteilen können als Hansjörg Wyss?

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