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Fussball

Die tragische Geschichte von Manchester Uniteds Ex-Talent Adrian Doherty: Bob Dylan statt Beckham und Best

Von Maximilian Schmeckel
Anstatt der neue George Best zu werden, wollte Adrian Doherty aber lieber Musik machen.

Adrian Doherty: Musik immer wichtiger als der Fußball

Gleichzeitig, während der von allen gemochte "Sunnyboy des Lebens" (Kay) im Alter von 16 gemeinsam mit Giggs ins Training der ersten Mannschaft eingeladen wurde, in dem er gleich am ersten Tag Abwehrchef Denis Irwin so locker überlief, dass Ferguson Kaugummi kauend über den Platz brüllte, Irwin solle sich "verdammt nochmal zusammenreißen", war da aber immer die Musik. Die liebte "Doc" viel mehr als den Fußball. Fußball wurde mehr und mehr zu einem Job. Nicht zu einer Belastung, aber insgeheim träumte er nicht davon, im Old Trafford zu spielen, sondern seine eigenen Songs zu veröffentlichen. Nichts war für ihn mit dem Moment vergleichbar, wenn er, völlig egal vor wie vielen Leuten, er die Augen schloss und es nur noch ihn und die Musik gab.

Deshalb stahl er sich nachts oft vom Gelände der United-Akademie und spielte in kleinen Pubs in der Innenstadt von Manchester. Ferguson, der seine Spieler an der kurzen Leine hielt und Bars schonmal Kontrollbesuche abstattete, um Getürmte aufzuspüren, fand immer nur die Teenager, die sich volllaufen ließen, denn Doherty spielte nicht in den Kneipen, in die junge Feierwütige zu gehen pflegten, sondern in welchen, in denen er in verrauchten Hinterzimmern oder auf schiefen Bühnen spielen konnte. Bob Dylan oder auch Leonard Cohen.

Mit 17, Doherty stand kurz vor seinem ersten Einsatz für die Profis, so beeindruckend waren seine Trainingsleistungen, da passierte eine falsche Bewegung im Training und ein Schrei ertönte. Sein Körper, der nie Probleme gemacht hatte, der ihn nie im Stich gelassen hatte, versagte: Kreuzbandriss im linken Knie. Damals war diese Art von Verletzung weitaus schlimmer als heute, da die medizinische Versorgung lange nicht den aktuellen Standards entsprach. Es dauerte, bis man seine Verletzung diagnostizierte, sofort danach wurde er operiert. Bei schnellen Flügelspielern war das oft das Ende des eigenen Spielstils.

Adrian Doherty Flucht nach New York

Doherty nutzte die Monate, um Musik zu machen. Obwohl er nun mehr Zeit hatte, sich dem Schreiben von Songs und Gedichten zu widmen, zog ihn die Untätigkeit nach unten. Es war die Zeit, in der er Gedichte mit Titeln wie "Lost Soul" oder "Desolation" schrieb. Gary Neville sagte nach einer 18-monatigen Verletzung: "Ich fühlte mich schrecklich, vor allem psychisch, obwohl ich Kapitän von Manchester United, verheiratet war, Kinder hatte. Kaum auszumalen, wie sich ein Junge fühlen muss, der keinen festen Boden unter den Füßen hat. Keine Ahnung, wie hart es für ihn war, damit umzugehen."

Doherty hielt es nicht mehr aus. Er buchte einen Flug nach New York, um einen Plattenvertrag zu ergattern. In der Szene zeigte man sich beeindruckt vom Talent des inzwischen 18-Jährigen. Man vermittelte ihn an Bars, wo er spielen konnte. Und so trat er den ganzen Sommer über im East Green Village auf, lernte eine Menge Leute kennen, fühlte sich frei, weil er tun und lassen konnte, was er wollte. Und hier niemand wusste, wer er war, und das auch überhaupt keine Rolle spielte. Es zählte nur die Musik. Er probierte einige seiner Songs aus. Und immer wieder Bob Dylan, der ihn Zeit seines Lebens begleitete.

"There must be some way out of here", sang Doherty. Was traurig und verzweifelt klingt, war es keineswegs. Denn in diesem Sommer, in dem er durch die Straßen New Yorks lief, abends Musik machte, war er glücklich. Auch, wenn es mit dem Plattenvertrag nicht klappte. Als er zurückkehrte, arbeitete er an seinem Comeback, sein Tempo und vor allem seine Nerven aus Stahl waren aber Geschichte. Er zog nun manchmal in Zweikämpfen zurück. Es dauerte Monate, bis er endlich wieder bei 100 Prozent war. In der Saison 1993/94 wurde United zum ersten Mal seit über 20 Jahren englischer Meister. Mit einem wie entfesselt spielenden Ryan Giggs. Zum Ende der Saison erkannte Doherty, dass es für ihn nicht reichen würde. "Ich bin frustriert", sagte er 1993. Also packte er seine Sachen und verschwand. Keiner wusste, wohin er gegangen war.

Adrian Doherty: Tragischer Tod in Den Haag

Er kehrte nach Irland zurück, machte fünf Spiele für Derry, wo man hoffte, er würde in der League of Ireland der beste Spieler aller Zeiten werden. Doch er hatte keine Lust auf vergleichsweise unterklassigen Fußball. Also ließ er es, noch immer ohne Bedauern oder Bitterkeit, ganz bleiben. Um Musik zu machen. Er spielte an der irischen Küste in Pubs, schrieb Songs und fühlte sich ähnlich frei wie in seinem magischen New Yorker Sommer. Auch wenn das Geld knapp war. Er hielt sich mit Aushilfsjobs über Wasser. In Hotels, Bars, als Möbelpacker. Und war froh, dass keiner wusste, dass er einst der "Neue George Best" genannt wurde oder mit Ryan Giggs wirbelte.

Mit Mitte 20 zog es ihn nach Den Haag, wo er über einen Freund einen Job als Möbelpacker bekommen hatte und gleichzeitig die Chance, eine Reihe von Konzerten zu spielen. Am frühen Morgen des 9. Mai entdeckten Passanten einen auf dem Hafenwasser treibenden Körper. Adrian Doherty lebte noch, als man ihn ans Ufer zog. Einen Monat lag er im Koma, ehe er einen Tag vor seinem 27. Geburtstag in einem Den Haager Krankenhaus, über 500 Kilometer vom Old Trafford entfernt, verstarb. Die Polizei kam zum Ergebnis, sein Tod sei die Folge eines tragischen Unfalls, Gerüchte über Suizid oder Drogen hielten sich dennoch hartnäckig.

Zu seiner Beerdigung kam kein einziger seiner früheren Fußball-Weggefährten, seine Eltern machten United den Vorwurf, Doherty aus der Geschichte des Klubs getilgt zu haben. Diejenigen aber, die dabei waren, als Anfang der Neunziger ein dünner Junge überragend Fußball spielte, wussten, dass er immer ein Teil von ihr sein würde. Selbst Alex Ferguson sagte, Doherty sei ein Junge mit den überragendendsten Tricks gewesen. Am glücklichsten habe er, so Ferguson, aber immer mit seinen Gitarren gewirkt. Dann, wenn er die Augen schloss, durchatmete und begann, zu spielen.

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