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Fussball

Timo Werner beendet Tor-Krise beim FC Chelsea: Warum die Flaute nicht überraschte - aber andere Probleme Sorge bereiten

Timo Werner traf gegen den FC Morecambe zum zwischenzeitlichen 2:0.

Nach 827 Pflichtspielminuten traf Timo Werner am Sonntag wieder für den FC Chelsea. Bedenklich stimmt beim 24-jährigen Stürmer aber weniger die zwischenzeitliche Torflaute, als das generelle Fremdeln mit dem System und seiner Positionierung.

Timo Werners Gesichtsausdruck zeigte eher Erleichterung denn Freude, als er am Sonntagnachmittag mit Kai Havertz abklatschte. Kurz zuvor hatte er den Ball auf Vorarbeit seines Landsmannes aus wenigen Metern Entfernung zum zwischenzeitlichen 2:0 für seinen FC Chelsea über die Linie gedrückt. Es ging im FA Cup gegen den Viertligisten FC Morecambe, am Ende stand es 4:0.

"Ich möchte das Tor ob des Anlasses nicht überbewerten, aber ich freue mich für Timo. Er hatte in letzter Zeit viele Chancen knapp vergeben. Er war oft in der Position, um zu treffen, aber die Abschlüsse gingen nicht rein", sagte Trainer Frank Lampard danach und sprach von einem "schönen, großen Schritt" für Werner.

Eigentlich hätte Werners so einfacher Treffer gar nicht der Rede wert sein sollen - war er aber, weil er es zuvor exakt 827 Minuten lang nicht geschafft hatte, den Ball aus wenigen Metern über die Linie zu drücken. In kurioser Manier vergab er reihenweise Großchancen, womöglich am kuriosesten Anfang Dezember gegen Leeds United bei einer vergleichbaren Situation wie bei seinem Treffer gegen Morecambe.

Frank Lampard: Erst Verteidigung, dann Kritik

Englische Experten und Medien übten in Folge dessen heftige Kritik an Werner, der Guardian schrieb beispielsweise: "The Germans have a word for it. They call it chancentod." Wenn Werner schon keine Tore schießt, bringt er denen da drüben auf der Insel also immerhin deutsche Vokabeln bei.

Lampard, der mittlerweile auch selbst arg in die Kritik geraten ist, verteidigte Werner zunächst stets, bis dieser nicht mehr nur Großchancen vergab, sondern auch generell enttäuschte. Bei der 1:3-Niederlage gegen den FC Arsenal am Boxing Day wechselte der Trainer seinen Stürmer zur Halbzeit aus und kritisierte danach: "Heute hat uns Timo mit und ohne Ball nicht genug gegeben. Wir müssen mit ihm schnell dorthin kommen, wo wir hinwollen."

PL-Spieler mit den meisten vergebenen Großchancen 2020/21

Chris WoodFC Burnley15
Patrick BamfordLeeds United12
Ollie WatkinsAston Villa12
Raheem SterlingManchester City12
Timo WernerFC Chelsea11
Sadio ManeFC Liverpool11

Timo Werners lange Vorbereitung beim FC Chelsea

Lampard und eigentlich generell ganz England scheinen von Werners bisher enttäuschenden Leistungen überrascht zu sein - und Werner gleichzeitig von der englischen Liga. "Die Premier League ist härter als ich dachte", sagte er neulich bei Sky. "Die Zweikämpfe sind härter als in Deutschland. Das habe ich zwar erwartet, aber nicht in diesem Ausmaß."

Und das, obwohl Werner im Sommer erstaunlich viel Zeit hatte, um sich immerhin auf seine neuen Teamkollegen einzustellen. Sein Wechsel für 53 Millionen Euro wurde bereits Anfang Juli vollzogen. Während seine ehemaligen Teamkollegen von RB Leipzig im Champions-League-Finalturnier das Halbfinale erreichten und urlaubten, absolvierte Werner eine insgesamt sieben Wochen lange Vorbereitung in London. Es folgte eine bis hierhin äußerst abwechslungsreiche Saison.

Warum Timo Werners Torflaute nicht überraschen sollte

In den ersten drei Pflichtspielen blieb Werner torlos, schoss dann im Herbst in neun Auftritten acht Tore, ehe er bis Sonntag 827 Minuten auf einen Torerfolg wartete. Es sind Statistiken, die mit einem Blick in seine Vergangenheit aber nicht überraschen sollten. Werner ist seit jeher ein Stürmer, bei dem es meist entweder richtig läuft - oder eben gar nicht. Der anders als beispielsweise der konstant treffende Robert Lewandowski vom FC Bayern München enorm vom sagenumwobenen, nicht greifbaren Selbstvertrauen abhängt.

Bei seiner ersten Profistation VfB Stuttgart gelangen Werner in 103 Pflichtspielen nur 14 Treffer. Bei Leipzig traf er nicht so konstant, wie der Wert von 95 Toren in 159 Spielen vermuten lässt.

Als Werner in der vergangenen Bundesligasaison mit 28 Treffern in der Torschützenliste Platz zwei hinter Lewandowski belegte, waren seine Tore sehr ungleich verteilt. Im Herbst und im Frühling hatte er jeweils eine Phase, in der ihm nur ein Tor in sechs respektive acht Spielen gelang. Dazwischen traf er in neun Spielen 14-mal. Lewandowski blieb dagegen insgesamt nur in sechs Spielen torlos.

Timo Werners Fremdeln mit System und Positionierung

Werners zwischenzeitliche Torflaute sollte Lampard weniger zu denken geben, als dessen Anpassungsschwierigkeiten an die taktische Ausrichtung der Mannschaft, die im Sommer nach Lampards Geschmack für rund 250 Millionen Euro verstärkt worden war. Überraschend kommen diese Schwierigkeiten freilich auch nicht: Werner ist ein Umschaltstürmer, Chelsea spielt Ballbesitzfußball - genau wie übrigens der FC Bayern, der angeblich auch aufgrund dieses Widerspruchs im Sommer auf einen Transfer verzichtete.

Am gefährlichsten ist Werner, wenn er abgesehen von Selbstvertrauen in sich auch Platz vor sich hat und somit seine größte Stärke Schnelligkeit ausspielen kann. Kurz: Wenn er spielen kann, wie in der vergangenen Saison beim auf Umschaltbewegungen bedachten Leipzig - und nicht wie beim eher auf Ballkontrolle bedachten Chelsea.

Hinzu kommt die Problematik, dass Lampard in seinem 4-3-3-System für Werner noch keine ideale Position gefunden hat, genau wie für den 80 Millionen Euro teuren Havertz übrigens. Manchmal spielt Werner im Sturmzentrum, meist auf dem linken Flügel neben einem der anderen beiden Angreifer Tammy Abraham und Olivier Giroud.

Das generelle Fremdeln mit dem System und seiner Positionierung wirkt sich auf alle relevanten Statistiken aus. Abgesehen von der Passquote schneidet Werner bei Chelsea bisher überall schlechter ab als in der vergangenen Saison bei Leipzig (siehe Tabelle unten). Diese Probleme zu beheben braucht Zeit, die Torflaute zu beenden brauchte dagegen nur einen Treffer - und der macht nun Hoffnung: Denn wenn Werner mal ein Tor schießt, dann schießt er oft gleich einen Haufen hinterher.

Timo Werner bei Leipzig und Chelsea im Zahlen-Vergleich

Leipzig 2019/20Chelsea 2020/21
Pflichtspielminuten35881898
Passquote75,26 Prozent79,31 Prozent
Zweikampfquote48,01 Prozent34,55 Prozent
Minuten pro Ballkontakt1,781,97
Minuten pro Ballkontakt im Strafraum11,0715,18
Minute pro Schuss22,5333,89
Verwandelte Schüsse21,25 Prozent16,07 Prozent
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