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Fussball

Peter Krawietz vom FC Liverpool im Interview: "Klopps Tanz war wie Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen"

Peter Krawietz arbeitet seit vielen Jahren als Co-Trainer an der Seite von Jürgen Klopp.

 

Im Oktober sind Sie zusammen mit Klopp seit fünf Jahren in Liverpool und haben seitdem fast durchgängig gearbeitet. Was haben Sie in der Corona-Zwangspause getan?

Krawietz: Mein erster Impuls war, zu Hause ein paar Sofas auszutauschen, umzuräumen und ein bisschen was neu zu gestalten. Diese Motivation hielt allerdings nur einen Tag. (lacht) Anschließend ging es vor allem um Entschleunigung und einmal richtig zur Ruhe zu kommen. Wir haben dann unsere Kinder aus eigenen Stücken aus der Schule genommen und das Home Schooling begonnen.

Und?

Krawietz: Ich kann nun ein bisschen mitreden und weiß, wie groß die Belastung für Eltern ist, die ihre Kinder zu Hause betreuen. Wir haben einen Stundenplan eingeführt mit festen Zeiten für Aufstehen, Lernen, Essen, Pause und Feierabend. Vor allem hatten wir das Glück, dass meine Frau und ich auf zwei Kinder verteilt waren - und trotzdem war es wirklich fordernd.

Wie zufrieden waren die Kinder?

Krawietz: Sie waren nicht komplett unzufrieden. Ich weiß aber, warum ich kein Lehrer geworden bin. Wenn die Motivation der zu Unterrichtenden fehlt, fällt es mir auch etwas schwer und dann werde ich latent ungeduldig. Sagen wir es so: Ich war bemüht, ihnen zu vermitteln, wie Aufgaben anzugehen sind und man eine Struktur erkennen lassen kann. Wenn ein kleiner Schnipsel davon hängengeblieben ist, bin ich zufrieden.

Inwiefern haben Sie in dieser Zeit auch Berufliches erledigt?

Krawietz: Ich habe vor allem unsere Arbeitsprozesse reflektiert, über unser Spiel nachgedacht und das auch einmal dokumentiert. Ich schaute dazu eine Serie von zwei, drei Spielen in aller Ausführlichkeit an. Da habe ich mit einem Spiel auch mal mehrere Tage verbracht: vor- und zurückspulen und genauer erörtern, warum welche Situationen geschehen sind. Daraus ist jetzt etwas Grundsätzliches entstanden, das wir in den nächsten Monaten nutzen möchten. Dabei geht es vor allem um Details und kleine Anpassungen rund um unsere Spielprinzipien. Ich habe sozusagen versucht, Ideen in Erkenntnisse umzuwandeln, um den nächsten kleinen Schritt gehen zu können.

Da seine Frau in Deutschland weilt, lebt Klopp derzeit in einer Wohngemeinschaft mit Liverpools Mediendirektor Matt McCann. Wissen Sie, wie das zustande kam?

Krawietz: Vorab: Was wir unseren Familien in der aktuellen Phase zumuten müssen, ist schon nicht ohne. Denn auch Lockerungen, die für die Allgemeinheit gelten, betreffen uns nicht wirklich, da wir uns weiter schützen müssen. Wir sind quasi zu Hause gefangen und können uns nicht frei bewegen. Jürgen war deshalb froh, als seine Frau nach Deutschland reisen konnte, weil sie dort ein möglichst angepasstes und normales Leben führen kann. Auch meine Familie flog nach Deutschland, als hier die Ferien waren. Ganz allein zu sein fand Jürgen dann halt doof, daher haben sich diese beiden zusammengetan, weil sie sich einfach gut verstehen. Beide wohnen direkt gegenüber von mir, ich bin auch schon einige Male dort abgehangen. Es scheint noch ganz gut zu funktionieren. (lacht)

Wie empfinden Sie denn grundsätzlich die Handhabung der Coronakrise in England?

Krawietz: Man hat sich vor allem am Anfang schwer getan, mit der Pandemie umzugehen. Aus meiner Sicht hat man bis heute keine effektive Vorgehensweise gefunden. Gerade die Handhabung in Deutschland war trotz der vielen Diskussionen darum ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie eine Gesellschaft dazu gezwungen wird, Neues zu lernen und damit richtig umzugehen. Ich habe mir in England daher oft genug deutsche Verhältnisse mit klaren Ansagen und Regeln, die auch relativ zügig zu Verbesserungen führen, gewünscht. Das ist man in England zu spät und zu wenig konsequent angegangen. Bis heute gibt es ein paar Regeln, die im Alltag überschaubar angewendet werden. Wenn ich mit Mundschutz und Gummihandschuhen an der Tankstelle stehe, werde ich bisweilen angeschaut, als käme ich vom Mond.

Nach Protesten von Ex-Spielern, Fans und Politik hat der FC Liverpool auf die Maßnahme verzichtet, seine Mitarbeiter über das Kurzarbeitsprogramm der Regierung bezahlen zu lassen. Stimmen Sie mit Klubboss Peter Moore überein, dass der Verein da einen Fehler gemacht hat?

Krawietz: Auch ein großer Fußballverein steht in dieser Zeit vor enormen Schwierigkeiten. Ich denke, der Verein hat versucht, eine Lösung zu finden und wurde schnell darauf aufmerksam gemacht, dass diese Lösung nicht die richtige ist. Korrekterweise wurde dann auch zügig reagiert und dieser Fehler rückgängig gemacht.

Als dann der Ball wieder rollte, haben Sie da irgendwelche spielerischen oder taktischen Veränderungen innerhalb der Premier League aufgrund der Geisterspiele wahrgenommen?

Krawietz: Für mich waren die Partien vor allem dadurch geprägt, dass man den Spielern anmerkte, eine dreimonatige Pause hinter sich zu haben. Diese Mischung aus fehlender Wettkampfpraxis und keinem richtigen Training habe ich als stärker empfunden als den Fakt, dass keine Zuschauer da waren. Denn ist die Begegnung angepfiffen, ist man recht schnell im Spiel und den jeweiligen Spielsituationen drin und nimmt das nicht so deutlich wahr.

Nach einigen Jahren bestehen die ersten Sechs der Premier-League-Tabelle nicht aus den üblich verdächtigen Vereinen. Stattdessen mischen beispielsweise Leicester, Wolverhampton oder Sheffield oben mit. Gerade bei Sheffields Dreierkette ist wie schon im Vorjahr in der 2. Liga das Phänomen der hinterlaufenden Innenverteidiger zu beobachten. Was halten Sie davon?

Krawietz: Für uns ist das keine Option, aber für ihre Spielweise mit den sehr flexibel einsetzbaren Spielern funktioniert das hervorragend. Das ist hoch interessant. Alle Achtung, dass das so gut klappt. Ich mag nicht ausschließen, dass dies eine Innovation ist, die sich durchsetzen könnte.

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