Fussball

Manchester Citys Sportchef Txiki Begiristain: Der Macher im Schatten von Pep Guardiola

Von Stefan Rommel
Txiki Begiristain arbeitet seit 2012 als Sportlicher Leiter für Manchester City.

Im Schatten von Pep Guardiola und all den sündteuren Stars bei Manchester City ist Txiki Begiristain das Schwungrad eines Klubs, der so hohe Ziele verfolgt wie kaum ein anderer zuvor.

Im Konferenzraum einer Bank in Lissabon entscheidet sich im Frühjahr 2008 die Zukunft des Weltfußballs. Drei Stunden lang belauern sich die hohen Herren, man tauscht sich aus, berät, zieht sich zurück. Einer hat einen kleinen USB-Stick dabei und reicht den irgendwann weiter. Eine Powerpoint-Präsentation soll das Eis brechen, den Bewerber in das rechte Licht rücken, ihm im besten Fall diesen Job verschaffen. Am Ende gehen die vier Protagonisten wieder auseinander und zwei von ihnen wissen: Das wird so nichts werden, eine Zusammenarbeit ist so gut wie ausgeschlossen.

Der Mann mit dem kleinen Speichermedium und der darauf befindlichen Präsentation war Jose Mourinho. Zusammen mit seinem Berater und Freund Jorge Mendes hatte Mourinho nach Lissabon eingeladen und Marc Ingla, Vizepräsident des FC Barcelona, und Txiki Begiristain, Sportdirektor der Katalanen, waren der Offerte gefolgt. Bei Barca zeichnete sich in diesen Tagen eine Zeitenwende ab: Die erfolgreiche Mannschaft der Nullerjahre mit Deco, Ronaldinho, Eto'o war im Begriff, auseinanderzubrechen. Trainer Frank Rijkaard allenfalls noch geduldet nach einer turbulenten Saison, an deren Ende der Niederländer würde gehen müssen.

Mourinho verhindert, Guardiola gewählt

Der FC Barcelona stand vor einem veritablen Umbruch und die neue Generation schon auf der Matte. Die alten Heroen hatten ihren Zenit überschritten, Deco und Ronaldinho wollten oder sollten weg, Samuel Eto'o war als Mittelstürmer unantastbar, als Mitspieler und Angestellter des Klubs aber immer schwerer zu kontrollieren. Die Jüngeren um Xavi, Andres Iniesta, Sergi Busquets, Leo Messi, auch Rückkehrer Gerard Pique, drängten in Führungspositionen. Es wurde nur noch jemand benötigt, der diesen Umbruch moderieren und auf bestmögliche Barca-Art anleiten sollte.

Der ehemalige Barca-Star Michael Laudrup und Arsene Wenger vom FC Arsenal waren bereits aus dem Rennen, als sich Ingla, Begiristain, Mendes und Mourinho trafen. Letzterer und ein bis dahin wenig renommierter Trainer von Barcas zweiter Mannschaft waren die letzten beiden Kandidaten. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Josep Guardiola baute die spektakulärste und erfolgreichste Mannschaft seiner Zeit, holte 14 Titel in vier Jahren, darunter das Sextuple im Jahr 2009, also alle sechs wichtigen nationalen und internationalen Titel. Das gab es weder davor noch danach.

Guardiolas Fußball wurde zum Markenzeichen, er war State of the Art und beeinflussten ganze Heerscharen anderer Trainer, Klubs und Verbände, es Guardiola und Barca gleichzutun. Und das alles, weil Barcas Granden damals ein schlechtes Gefühl hatten mit Mourinho. Ingla mochte schlicht dessen Attitüde nicht, Begiristain war da etwas nüchterner in seiner Entscheidungsfindung: Wenn es hart auf hart käme, dann würde sich Mourinho immer wichtiger nehmen als seinen Arbeitgeber. Und er würde mit seiner Art ganz vielen Menschen und ganz kurzer Zeit auf die Füße treten. Das widersprach den Leitmotiven des damaligen Barca elementar, auf Stress dieser Art wollten die Bosse lieber gleich verzichten und stattdessen einen aus der Familie ans Tischende setzen.

Überragender Einkäufer in Barcelona

Begiristain war zu diesem Zeitpunkt seit fünf Jahren in verantwortlicher Position bei den Blaugrana. Er trat in etwa zur selben Zeit an wie Präsident Joan Laporta. Barca war damals ein hochverschuldeter Klub, an die 160 Millionen Verbindlichkeiten drückten schwer aufs Gemüt. Während Laporta also die wirtschaftliche Seite in Angriff nahm und dafür einen anderen sehr wichtigen Partner ins Boot holte, waren alle sportlichen Belange eine Sache von Begiristain. Der ist zwar in einem kleinen Nest zwischen Bilbao und Pamplona im Baskenland geboren, hatte die katalanische Mentalität aber schon zu seiner Zeit als Spieler in Barcelona aufgesogen. An die 250 Pflichtspiele machte der Flügelangreifer, als verlässlicher Zulieferer an der Seite von unter anderem Romario oder Hristo Stoichkov.

Begiristain kannte die Klub-DNA und das Verlangen der Fans nicht nur nach Erfolgen, sondern auch schönem Fußball. Mit Laporta und dem neuen Mitstreiter Ferran Soriano, der sich um den Schuldenabbau kümmerte, sowie ein paar bahnbrechenden Deals unter anderem mit dem Sportartikelhersteller Nike durfte sich Begiristain bei der Suche nach neuen, jungen, unverbrauchten und noch formbaren Talenten mit dem Größten an Konkurrenz messen, mit Real Madrid, mit Manchester United, Juventus, dem AC Milan, den Bayern - und brachte Barca mit Hilfe seiner Transfers ganz schnell wieder zurück in den inneren Zirkel des europäischen Klubfußballs.

Auf Ronaldinho folgten Pique, Deco, Eto'o, Eric Abidal, Thierry Henry, Dani Alves, Zlatan Ibrahimovic, Javier Mascherano oder David Villa. Sieben Jahre lang wirkte Begiristain in Barcelona, ehe er sich 2010 eine Auszeit genehmigte. Dafür ließ er auch "seinen" Trainer und ehemaligen Mitspieler Guardiola zurück. Brüder im Geiste bleiben beide aber trotzdem. Während Guardiolas Sabbatical zwei Jahre später wagte sich Begiristain an eine besonders heikle Aufgabe.

Manchester City als größtmögliche Aufgabe

Manchester City hatte die waghalsige Idee, innerhalb kürzester Zeit den eminent großen Rückstand auf Englands Top Four auszuholen. Was andere Klubs in Jahrzehnten an Zeit, Arbeit und hunderten Millionen Pfund investiert und letztlich auch erreicht hatten, wollten Citys Scheichs innerhalb weniger Jahre schaffen. "Diese anderen Klubs sind so groß geworden und so weit nach oben gekommen, weil sie über 50, vielleicht 60 Jahre sehr viel Geld in die besten Spieler der Welt investiert haben. Geld, das Manchester City in diesen Jahren nicht ausgeben konnte", erklärte Begiristain vor einigen Jahren seine Sicht der Dinge in einem Interview mit der BBC.

Anders als in Barcelona, wo die Kaderschmiede La Masia eine Institution war und ist, wollte City seine Nachwuchsakademie von Grund auf neu errichten und dabei auch Maßstäbe setzen. 16 Trainingsplätze und ein Stadion für 7000 Zuschauern auf über 700.000 Quadratmetern Grund sind Zahlen der Superlative. An die 300 Millionen Euro soll das Prestigeobjekt gekostet haben. Zusammen mit den seither rund 1,5 Milliarden Euro Ausgaben für neue Spieler seit der Übernahme der Scheichs ergibt das ein hübsches Sümmchen an finanzieller Vorleistung. Und bedeutet jede Menge Druck für Begiristain, der nicht nur für den Zukauf teurere Spieler für die Lizenzspielermannschaft verantwortlich ist, sondern auch das Scouting im Nachwuchsbereich überwacht und sich bis heute nicht zu schade ist, selbst bei Jugendturnieren auf der Tribüne aufzutauchen.

Der heimliche Chef bei Manchester City

Aber Begiristain und Soriano, der wie er 2012 nach Manchester kam, waren schlau genug, bei Vertragsunterzeichnung nicht nur zwei, vielleicht drei Jahre vorauszuschauen - sondern einen langfristigen, nachhaltigen Plan zu entwickeln. Der unter anderem eine Reunion mit Guardiola zumindest als ein mögliches Szenario enthielt. Während also Pep drei Jahre bei den Bayern wirkte und den deutschen Fußball auf seine Art befruchtete, bastelte Begiristain im Hintergrund in Manchester an Strukturen nach Barca-Art. Seit der Zusammenführung des Trios sammelte Manchester sechs Pokalsiege und zwei Meisterschaften in nicht ganz vier Jahren ein, die Citizens wurden zum erfolgreichsten englischen Klub der letzten Jahre und - mindestens genauso wichtig - die Nummer eins der Stadt.

Ohne zig Millionen geht im modernen Fußball gar nichts mehr, in England und ohne die in der Bundesliga bestehende 50+1-Regelung herrschen dabei fast schon Wildwest-Zustände. Die Annahme, mit genug flüssigen Mitteln früher oder später sportlichen Erfolg einkaufen zu können, ist aber trotzdem falsch. Daran sind schon dutzendfach Klubs in aller Welt gescheitert, nicht wenige davon in der Versenkung verschwunden. Ohne passende Strukturen, einem tragfähigen Plan und letztlich den richtigen Personen an den entscheidenden Stellen reicht alles Geld der Welt nicht aus, um erfolgreich zu sein.

Für Manchester City hat sich Aitor Begiristain Muijka als absoluter Glücksgriff erwiesen, der im Schatten der großen Namen am ganz großen Rad dreht. Der leise Txiki ist das Komplementär zum omnipräsenten Pep. Aber sicherlich nicht weniger wichtig.

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