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Chelseas Internationalisierung: Als der FC Chelsea in den 90er Jahren unter Spieler-Trainern zum Pokal-Spezialisten wurde

Giaanluca Vialli (ganz rechts) bejubelt mit seiner Mannschaft den Gewinn des Europapokals der Pokalsieger 1998.

Zwischen 1993 und 2000 vertraute der FC Chelsea auf drei Spieler-Trainer und gewann mit ihnen sechs Pokale. Von einer Zeit, als Kosmopoliten einen urenglischen Durchschnittsklub internationalisierten.

Es fing zwar alles mit einem Engländer an, aber immerhin mit dem wohl unenglischsten Engländer aller Engländer: Glenn Hoddle. Als Spieler stets ein Künstler, kein Kämpfer. Wallendes Haar, perfekte Übersicht. Ein Spielmacher, wie er überall auf der Welt bewundert worden wäre. In seiner Heimat England, dem Land des physischen Fußballs, trat man ihm in den 1970er und 1980er Jahren aber eher mit Argwohn entgegen.

1987 wechselte Hoddle von seinem langjährigen Klub Tottenham Hotspur zur AS Monaco. Er fühlte sich wohl an der Mittelmeerküste und wurde unter Trainer Arsene Wenger französischer Meister. Mit 33 kehrte er nach England zurück, führte zunächst Swindon Town als Spieler-Trainer aus dem Abstiegskampf der zweiten Liga in die Premier League und wechselte 1993 in selbiger Funktion zu Chelsea. Es war der Beginn der Internationalisierung eines urbritischen Durchschnittsklubs, noch lange bevor Investor Roman Abramovich den Klub mit seinen Millionen in die Weltspitze führen sollte.

Chelsea entwickelte sich in den 1990er Jahren zu einer Diva: Trotz schönem Fußball nie konstant genug, um Meister zu werden, aber immer gefährlich in den Cupwettbewerben. Insgesamt sechs Pokale holte Chelsea in dieser Zeit. Mit Kosmopoliten wie Hoddle, Gianluca Vialli oder Ruud Gullit, die nicht nur auf dem Platz zauberten, sondern sich auch Trainer nennen durften.

Glenn Hoddle leitete Chelseas Internationalisierung ein

"Glenn Hoddle hat Chelsea revolutioniert", erzählte der damalige Chelsea-Spieler Scott Minto später mal. "Er war technisch der beste Spieler, mit dem ich je zusammengespielt habe. Und taktisch der beste Trainer, unter dem ich je gearbeitet habe." Bei Chelsea durfte er beides sein. In der Premier League landete Chelsea unter Hoddle dreimal in Folge zwar nur im Tabellenmittelfeld, im FA Cup aber bereits in der ersten Saison im Finale, das gegen Manchester United jedoch verloren ging. Ein erster Vorbote der kommenden Pokalläufe.

Am wichtigsten für Chelsea war aber Hoddles Ruf in Kontinentaleuropa, dem internationale Stars folgten: 1995 kam Gullit, der niederländische Weltfußballer von 1987. "Ich wusste damals nichts über den Klub und bin nur wegen Glenn Hoddle gekommen", sagte er später der BBC. "Er hat mir erzählt, dass Chelsea am Beginn einer Reise ist." Auf dem Spielfeld avancierte Gullit sofort zum Reiseleiter. "Er hat unser Spiel dominiert", sagte Minto. "Man konnte ihm den Ball einfach nicht abnehmen."

Im Sommer von Gullits Ankunft beendete Hoddle seine aktive Karriere und hatte somit mehr Zeit, sich der Weiterentwicklung des Klubs zu widmen. Der Modernisierung des maroden Trainingsgeländes etwa und auch des maroden Stadions. Die Stamford Bridge sei damals "eine einzige Baustelle, eine komplette Ruine" gewesen, erinnerte sich Gullit an seine ersten Eindrücke von Chelsea. Und das Trainingsgelände war, nun ja, eigentlich gar kein Trainingsgelände. "Es gab fünf Umkleidekabinen mit Holzbänken und Kleiderhaken. Das war es."

Ruud Gullit beendete Chelseas Titel-Dürre

Als Hoddle 1996 englischer Nationaltrainer wurde, stieg Gullit bei Chelsea zum Spieler-Trainer auf: Er sah den Fußball genauso wie sein Vorgänger, die eingeschlagene Reise ging also weiter und sie wurde sogar noch aufregender.

Mit Gianfranco Zola (vom AC Parma), Roberto Di Matteo (von Lazio Rom) und Gianluca Vialli (von Juventus Turin) verpflichtete Gullit gleich in seiner ersten Transferperiode drei ebenso erfahrene wie talentierte italienische Nationalspieler und dazu den französischen Innenverteidiger Frank Leboeuf (von Racing Straßburg). Sie alle bekamen wichtige Rollen bei Chelseas voranschreitender Internationalisierung, sie alle standen für schönes Kurzpassspiel statt wildes Ballgedresche.

In Gullits erster Saison als Spieler-Trainer gewann Chelsea mit dem FA Cup erstmals nach 26 Jahren wieder einen wichtigen Titel und Gullit, damals schon Mitte 30, hatte die schönste Zeit seines Fußballerlebens. "Es war das einzige Mal in meiner Karriere, dass ich richtig Spaß hatte", sagte er später.

Gianluca Vialli sorgt für europäische Erfolge

Umso schlimmer war es für ihn, dass er rund ein halbes Jahr nach dem Titelgewinn im Februar 1998 wegen Unstimmigkeiten mit Präsident Ken Bates entlassen wurde. Chelsea war zu diesem Zeitpunkt Zweiter der Premier League und stand im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger. Wie einst Gullit von Hoddle übernahm, übernahm nun Vialli von Gullit. "Damals meinte jemand zu mir, dass es so wäre, als würde man einem 18-Jährigen den Schlüssel eines Ferrari geben", erinnerte sich Vialli in seiner Autobiografie. "Und in vielerlei Hinsicht war es genau das."

Vialli hatte seinen Ferrari aber sofort unter Kontrolle und lenkte ihn souverän ins Ziel. Zunächst holte er den League Cup und dann dank eines 1:0-Finalsieges gegen den VfB Stuttgart den Europapokal der Pokalsieger. Torschütze Zola, Vorlagengeber Di Matteo. Die Kontinentaleuropäer sorgten dafür, dass Chelsea in Kontinentaleuropa auf einmal wieder geachtet wurde. Mit 33 Jahren wurde Vialli zum damals jüngsten Sieger-Trainer eines europäischen Wettbewerbs. Bereits wenige Wochen später gab es den nächsten Titel zu bejubeln: Im UEFA Supercup gewann Chelsea mit 1:0 gegen den Champions-League-Sieger Real Madrid.

In der darauffolgenden Saison 1998/99 kam Chelsea dem Premier-League-Titel so nah wie seit Jahrzehnten nicht mehr, der Rückstand auf Meister Manchester United betrug in der Abschlusstabelle lediglich vier Punkte. Anschließend beendete Vialli seine aktive Karriere. Chelseas darauffolgendes Champions-League-Debüt, das im Viertelfinale gegen den FC Barcelona endete, erlebte er nur als Trainer, nicht mehr als Spieler.

Unterdessen erreichte die Internationalisierung einen neuen Höhepunkt. 1999 lief Chelsea ausgerechnet beim traditionellsten aller englischer Spieltage, dem Boxing Day, gegen den FC Southampton als erster Klub der englischen Ligageschichte ausschließlich mit Ausländern auf. Am Ende der Saison stand mit dem FA Cup der nächste Titel und am Anfang der darauffolgenden mit dem Gewinn des Community Shield ein weiterer.

Das Ende der Zeit der Spieler-Trainer bei Chelsea

Sechs Pokale hatte Chelsea nun innerhalb weniger Jahre unter Spieler-Trainern geholt und das noch dazu mit schönem Fußball und spannenden Spielern. Die Erfolge sorgten natürlich auch bei der englischen Konkurrenz für Aufsehen. Und Ende der 1990er für Nachahmungen. Wie bei Chelsea funktionierte es aber nirgendwo sonst. Stuart Pearce stieg als Spieler-Trainer mit Nottingham Forest ab, Attilio Lombardo mit Crystal Palace.

Doch auch bei Chelsea währte der Erfolgslauf nicht ewig. Nach einem misslungenen Start in die Saison 2000/01 musste Vialli gehen und wurde durch seinen Landsmann Claudio Ranieri ersetzt, dem ersten nicht spielenden Chelsea-Trainer seit 1993. Die Internationalisierung des Klubs hielt somit zwar an und wurde ab dem Einstieg von Abramovich 2003 nochmal beschleunigt, die Zeit der Pokale gewinnenden Spieler-Trainer war damit aber für immer vorbei.

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