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Fussball

Bert Trautmann, der Feind in unserem Tor: Wie ein verhasster Deutscher bei Manchester City zur Legende wurde

Von Dennis Melzer
© imago

Das denkwürdigste Spiel seiner Karriere, die Partie, in der er sich in Manchester selbst ein Denkmal setzte, sollte aber im Mai 1956 folgen. Die Citizens hatten es ins FA-Cup-Finale gegen Birmingham geschafft. In der 73. Minute schmiss Trautmann sich waghalsig, so, wie er es eigentlich stets zu tun pflegte, in einen Schuss aus kürzester Distanz und kollidierte dabei mit dem Bein von Birminghams Angreifer Peter Murphy.

Minutenlang blieb der Torhüter regungslos auf dem Rasen liegen, Entsetzen im Stadion, das große Bangen. Mit Riechsalz holten die Sanitäter Trautmann aus der Bewusstlosigkeit. Voller Adrenalin und Siegeswille begab sich der Verletzte tatsächlich zurück ins Tor, vereitelte in der Schlussviertelstunde weitere Möglichkeiten der Nordengländer. City gewann 3:1 und sicherte sich zum dritten Mal in der Klubhistorie die prestigeträchtige Trophäe. Erst Tage später erfuhr der Held des Spiels, dass er nur ganz knapp dem Tod entgangen war, er hatte sich den zweiten Halswirbel, also das Genick gebrochen. Stoff, aus dem Legenden gestrickt werden, der aber auch "Fluch und Segen zugleich" sein kann, wie Trautmann einst sagte. "Ich habe mich oft darüber geärgert, dass ich für die meisten nur der Mann bin, der sich in einem Fußballspiel das Genick gebrochen hat. Ich habe 15 Jahre lang Fußball gespielt und alles, woran man sich erinnert, ist diese Verletzung? Hätte ich in diesem Spiel gewusst, wie schwer meine Verletzung wirklich ist, wäre ich sofort rausgegangen. Ich wollte doch weiterleben."

Wochenlang musste er eine sperrige und komplizierte Genickstütze tragen. Wie eng der glückliche Zufall, überlebt zu haben und fürchterliche Schicksalsschläge beieinanderliegen können, musste Trautmann schon bald feststellen. Als er sich, immer noch eingepfercht in sein medizinisches Korsett, in Deutschland aufhielt, erreichte ihn die traurige Nachricht vom Verkehrsunfall seines Sohnes. Zurück in England dann die Gewissheit: Der fünfjährige John hatte es nicht geschafft. Der Tod seines geliebten Sprösslings bedeutete gleichzeitig die Entfremdung von seiner Frau Margaret, die nie über den tragischen Verlust hinwegkommen sollte. Nach 21 Jahren Ehe ließen sich die beiden letztlich scheiden.

"Natürlich fühlt man sich schuldig, wenn so etwas Schreckliches passiert", sagt Rosenmüller, der Johns Unfall im Film mit viel Symbolcharakter darstellt, zeigt, wie sehr Trautmanns innerer Konflikt, der von der bereuten Nazi-Vergangenheit bis zum lähmenden Gefühl, den Tod des Sohnes nicht verhindert zu haben, reicht. "Er hat immer wieder erzählt, für was er sich alles schuldig gefühlt hat." Um sich abzulenken widmete sich der blonde Hüne noch vor Weihnachten 1956 seinem Comeback, obwohl die behandelnden Ärzte ihm dringend von einem frühen Wiedereinstieg ins Training abgeraten hatten.

Nach über 500 Spielen im Dress von Manchester City gab Trautmann sein Abschiedsspiel an der Maine Road, der ehemaligen Arena der Skyblues. 60.000 Menschen waren an diesem Apriltag im Jahre 1964 gekommen, um ihren großen Helden, ihre Ikone gebührend zu verabschieden. Noch bevor der Schiedsrichter die Partie für beendet erklären konnte, strömten hunderte Fans auf den Rasen, einige montierten die Torpfosten ab, weil niemand anderes als ihr Bert jemals wieder zwischen diesen beiden Stangen stehen durfte. Niemand anderes als derjenige, den sie viele Jahrzehnte später zum besten Spieler der Vereinsgeschichte wählen würden.

Sein letztes Spiel für seine große Liebe hätte pathetischer nicht ausfallen, gleichzeitig aber auch nicht besser skizzieren können, was Bert Trautmann den Menschen in Manchester bedeutete. Er, der so beliebt war, weil er immer alles für sein Team gab, sich verhielt wie ein Gentleman. Er, der nach seinem Tod von der Berliner Zeitung als "heimlicher Außenminister" bezeichnet wurde, weil kaum ein Politiker zu jener Zeit im Stande war, das deutsch-englische Verhältnis derart aufzupolieren wie Trautmann es zu tun vermochte.

Sein Erbe, sein Schaffen, nicht nur aus sportlicher Sicht, wird in Manchester ewig weitergeführt. Eine Statue erinnert heute noch an ihn, ein Werk, das ihn in der Pose zeigt, mit der er sich in die Herzen einer ganzen Stadt spielte. "Wir hatten die Erlaubnis von Manchester City, Tonaufnahmen im Stadion mit dem Fanclub zu machen", sagt Rosenmüller und erinnert sich: "Da sind Leute mit Tränen in den Augen auf mich zugekommen und haben mir erzählt, wie sie ihn als Kinder im Stadion gesehen haben. Einige haben gesagt, dass er ihr Leben verändert hätte. Einer hat mir ein Gedicht mitgegeben, das er über Bert Trautmann geschrieben hat. Da schreibt er, dass alles in seinem Leben grau war. Der Himmel war grau, die Straßen, die Felder. 'Aber dann hat mein Vater mich mit ins Stadion genommen und plötzlich kam Farbe in mein Leben: Bert Trautmann.'"

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