Jürgen Klopps einjähriges Jubiläum als Liverpool-Trainer: Auf Shanklys Spuren

Jürgen Klopp rangiert mit Liverpool derzeit auf Platz vier
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Vor 365 Tagen übernahm Jürgen Klopp den FC Liverpool. Innerhalb kürzester Zeit hat er im Umfeld des Vereins für eine lange nicht gesehene Euphorie gesorgt und der Mannschaft seine spezielle Idee von Fußball vermittelt. Die Parallelen zu einer der größten Legenden der Reds sind unübersehbar. Klopp ist auf dem besten Weg, selbst eine zu werden.

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Am 16. Juni war es, als Jürgen - mittlerweile Jurgen - Klopp seinen 49. Geburtstag feierte, es war sein erster in Liverpool. Nichts von perfekt eingespielten BVB-Glückwünschen wie in den sieben Jahren zuvor, nichts von BVB-Strandkörben als Geschenk von seiner Frau Ulla. Neuland für Klopp. Die Verantwortlichen von Liverpool ließen sich etwas ganz Spezielles einfallen: Zu seinem Ehrentag bekam Klopp ein essbares Abbild seiner selbst. Wobei, Abbild würde es Klopp wohl eher nicht nennen.

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Vier Tage lang arbeitete Kuchen-Künstler Ben Cullen am Klopp-Kuchen. Er ließ nichts unversucht. Marshmallows, Puffreis, Schokoladenmasse, Buttercreme - alles verarbeitete Cullen, um den essbaren Klopp zu schaffen. Das Ergebnis ist zwar sicherlich äußerst genießbar, aber doch etwas entfernt von einem Klopp-Abbild. Womöglich erinnerte sich Klopp daran, als er vor einigen Tagen sagte: "Hoffentlich bringt mir niemand einen Kuchen!"

Grund für einen Kuchen gäbe es jedoch allemal. Immerhin gilt es am Samstag Klopps einjähriges Dienstjubiläum als Trainer des FC Liverpool zu feiern. Die Fans der Reds mögen das vielleicht zelebrieren, Klopp selbst hat dazu jedoch keine Lust: "Wir werden nicht feiern, das kann ich euch sagen."

365 Tage Liverpool, 365 Tage Kloppo-Mania an der Merseyside. All der Wirbel um sein Jubiläum? Für Klopp unverständlich. Es wäre ja nicht so, als ob seine Mission beendet wäre, sie hat gerade erst angefangen. "Ich bin nicht nur für ein Jahr hier", sagt Klopp, "ich bin hoffentlich für eine lange Zeit hier." Erst kürzlich verlängerte er seinen Vertrag vorzeitig bis 2022. Das jetzige Jubiläum interessiert ihn nur peripher. Wenn überhaupt: "Ich habe keine Zeit und bin auch nicht in der Stimmung, um zurückzublicken."

Großer Klub, graue Gegenwart

Wagt man trotzdem einen Blick zurück, wird schnell klar: Klopp hat es innerhalb eines Jahres geschafft, einen schlafenden Riesen zu wecken. Liverpool, das war zuletzt ein großer Klub mit grauer Gegenwart. Rafael Benitez sorgte Mitte des vergangenen Jahrzehnts mit begeisternden Auftritten in der Champions League für Euphorie, Brendan Rodgers schrammte 2014 knapp am Titel vorbei. Ansonsten änderte sich Jahr für Jahr wenig. Außer die Zahl der Jahre, die seit der bisher letzten Meisterschaft vergangen sind. 23. 24. 25. 26 sind es mittlerweile.

Der FC Liverpool, das war einmal der absolute Dominator des englischen Fußballs. Rekordmeister. Begründet hat diesen Mythos, diese Gewinnermentalität Manager Bill Shankly. 1964 beendete er eine 17 Jahre andauernde Meistertitel-Durststrecke, geliebt wurde er aber vor allem wegen seiner Nähe zu den Fans.

Eine Statue vor dem Stadion an der Anfield Road erinnert daran. Da steht Shankly in Bronze gegossen. Beide Arme in die Höhe gerissen, einen Schal um den Hals geworfen. Ein Polizeibeamter hat den Schal eines Fans im Stadion zuvor achtlos zu Boden geschmissen. Diese Respektlosigkeit konnte Shankly schlicht nicht ertragen. Er hob den Schal auf und band ihn sich um den Hals. So mag es die Legende und so begrüßt Shankly die Fans bei jedem Heimspiel vor dem Stadion. "He made the people happy", ist auf dem Statuen-Sockel zu lesen.

Spiritueller Nachfolger

Klopp ist auf dem besten Weg, Shanklys spiritueller Nachfolger zu werden. "Klopp hat es geschafft, dass Liverpool-Fans wieder Spaß daran haben, Liverpool-Fans zu sein", schrieb das Liverpool Echo kürzlich. Geschafft hat er das nicht nur durch seinen Charakter oder den Fußball, den er spielen lässt. Nicht nur durch seine teils charmanten, teils skurril eingeenglischten Aussagen oder sein Interesse an der Geschichte des Klubs. Es ist all das zusammen, es ist die perfekte Mischung.

"Ich mochte den Klub schon, bevor ich hier war", sagte Klopp vor einigen Tagen, "aber es geht nicht darum, die Geschichte zu genießen, es geht darum, ein Teil davon zu sein. Und Teil davon zu sein, ist toll." Identifikation in seiner reinsten Form, auch wenn Klopp weiß: "Dieser Klub hat eine Menge Arbeit zu erledigen."

In seinem ersten Jahr ist er diese Arbeit mit einer Leidenschaft und einer Begeisterung angegangen, die ihresgleichen sucht - und die vor allem ansteckt. Spieler gleichermaßen wie Fans und Verantwortungsträger im Verein. Schon nach wenigen Stunden in Liverpool spürte Klopp die dortige "Intensität des Fußballs". Eine Intensität, die Klopp aus Dortmund kannte und nun bei seinem neuen, in seinem Sprech "geilen" Klub weiterlebt. "Wir müssen von Zweiflern zu Glaubenden werden", sagte Klopp bei seiner Ankunft. Das hat er geschafft: Der Glaube an Erfolg ist im Klub groß wie lange nicht.

Gegenpressing, Balleroberung, Vollgasangriff

Schon bei den ersten Spielen der Reds unter Klopp war dieser spezielle Fußball, der ihn in Dortmund einst in den europäischen Fokus beförderte, in seinen Grundzügen zu erkennen. Gegenpressing, Balleroberung, Vollgasangriff. Oder kurz: "Heavy-Metal-Fußball!"

Klopp zeigte der taktisch oft eintönigen Premier League einen neuen Horizont auf. In der vergangenen Saison war der Himmel an diesem Horizont aber noch leicht diesig und auch nicht ganz klar. Wechselhaft, englisches Wetter eben. Immer wieder fiel die Mannschaft in alte Verhaltensmuster zurück. Dazwischen setzte es aber Highlights wie in der Europa League gegen Dortmund.

In dieser Saison klart der Himmel am Liverpooler Horizont aber immer weiter auf. Der imaginäre nur, natürlich. Der Himmel über der Irischen See vor Liverpool ist meist trist und grau wie eh und je. An der Anfield Road, mit seiner neuen, größeren Haupttribüne, glänzt aber nicht nur die Flutlichtanlage, sondern zunehmend auch Liverpools Fußball.

"Here comes the sun", sangen die musikalischen Aushängeschilder der Stadt, die Beatles, 1969. Leicht lässt sich das auf die fußballerischen des Jahres 2016 ummünzen. Nach sieben Spieltagen ist Liverpool Vierter, nur zwei Punkte hinter Tabellenführer Manchester City. Kein Klub erzielte mehr Tore als Liverpool.

Mächtiger Pub-Namensgeber

Im Vergleich zur vergangenen Saison entwickelte Klopp das Spiel seiner Mannschaft in der Sommerpause enorm weiter. Während es damals zwar spektakuläre Siege gegen absolute Top-Teams zu bejubeln gab, herrschte gegen schwächere Teams, die sich in der Defensive verschanzten, oftmals Einfallslosigkeit vor.

Das hat sich geändert. Liverpool schafft es mittlerweile bei eigenem Ballbesitz, den Gegner auseinanderzuspielen. Entscheidend dafür ist auch eine taktische Umstellung. Klopp verabschiedete sich weitestgehend von seinem auch in Dortmund praktizierten 4-2-3-1-System mit zwei Sechsern, schickt seine Mannschaft nun stattdessen zumeist mit einer Mischung aus 4-3-3 und 4-1-4-1 aufs Feld. Kapitän Jordan Henderson blüht vor der Abwehr als alleiniger Sechser auf, James Milner auf ungewohnter Position links in der Viererkette.

Mit seinen 30 Jahren erlebt Milner einen Karrierefrühling. Dank Klopp. "Seine Organisation und seine Leidenschaft, die Arbeit, die er macht, ist anders als alles, was ich bisher erlebt habe", sagt Milner. Für den englischen Telegraph ist diese Einzigartigkeit Grund genug, Klopp bereits nach einem Jahr in Liverpool zu einem der zehn mächtigsten Männer im englischen Fußball zu erklären; für Pub-Besitzer nahe der Anfield Road, ihr Lokal nach ihm zu benennen. Mehr Ehre geht fast nicht in einem Land, in dem Pubs für viele das gesellschaftliche Zentrum des Lebens sind. 60 bis 70 glückliche Leute finden Platz in "Klopp's Boot Room".

Whisky und Taktik

Der Boot Room, das war einst eine kleine, lange unbeachtete Kammer im Stadion an der Anfield Road. Die stinkenden Schuhe der Spieler wurden dort gelagert. Shankly füllte den Raum mit Leben und begründete seinen Mythos. In den 60er und 70er Jahren zog er sich täglich gemeinsam mit seinem Trainerstab in den Boot Room zurück, um bei einem Glas Whisky die Taktik des eigenen Teams und des anstehenden Gegners zu diskutieren. Seine Nachfolger führten den Mythos fort.

1993 wurde der Boot Room abgerissen, um Platz zu schaffen für einen größeren Presse-Bereich. Drei Jahre nach Liverpools bisher letztem Meistertitel war das. Den Boot Room hat Klopp mit seiner gewinnenden Art in anderer Form also bereits wiederbelebt, die Euphorie, die Shankly einst entfachte, hat Klopp neu entzündet. Fehlt nur mehr eins: die langersehnte Meisterschaft.

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