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Fussball

Niederlande und Suriname: Roti, Fußballstars und die Sache mit der Staatsbürgerschaft

Ryan Gravenberch wechselt im Sommer von Ajax Amsterdam zum FC Bayern München - wie so viele bekannte niederländische Fußballer hat auch er seine Wurzeln in Suriname.

Ryan Gravenberch, der Neuzugang des FC Bayern München, hat seine Wurzeln im südamerikanischen Land Suriname - genau wie etliche andere berühmte niederländische Fußballer. Zu den interessanten Verbindungen zwischen den beiden Nationen.

Ein Eckhaus im Süden Amsterdams unweit der Amstel, davor wehen zwei Flaggen: die rot-weiß-blaue der Niederlande und die grün-weiß-rote mit dem gelben Stern von Suriname. Das New Draver ist eines von Dutzenden surinamischen Restaurants in der niederländischen Metropole.

Es läuft Musik, die an Urlaub erinnert. Es wird Bier getrunken und Roti gegessen. Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und Eier mit Pfannkuchen-artigen Fladen, die als Besteck dienen. Das Ambiente ist etwas schmuddelig, die Preise für Amsterdam moderat - und trotzdem kommen hier regelmäßig Fußball-Stars zum Essen vorbei oder einfach nur zum Verweilen. Angetrieben von Sehnsucht. Nach ihrer Heimat oder der Heimat ihrer Vorfahren.

Als Beweis dafür dienen Pokale und Fotos und vor allem eine Autogrammwand mitten im Restaurant. Einige berühmte Namen sind dort zu entziffern, sie alle haben eines gemeinsam: Ihre Wurzeln liegen im südamerikanischen Land Suriname, Karriere aber machten sie in den Niederlanden. Wohl kaum eine Fußball-Nationalmannschaft profitiert dermaßen von einer einstigen Kolonie wie die niederländische von Suriname.

Eine Auswahl an Spielern? Zunächst Ruud Gullit und Frank Rijkaard, dann Edgar Davids, Clarence Seedorf, Michael Reiziger, Winston Bogarde und Patrick Kluivert, später Jimmy Floyd Hasselbaink, Nigel de Jong, Edson Braafheid, Ryan Babel und Eljero Elia, heute Virgil van Dijk, Quincy Promes, Geor­ginio Wij­naldum und eben Ryan Gravenberch. Der Neuzugang des FC Bayern München kam als Sohn surinamischer Eltern in Amsterdam zur Welt, wo er bei Ajax zum Profi avancierte.

Auf den EM-Titel 1988 folgten Konflikte in der Elftal

Suriname ist rund viermal so groß wie die Niederlande und liegt im Norden Südamerikas zwischen Brasilien, Guyana, Französisch-Guayana und dem Atlantik. Der Großteil des Landes ist von Regenwald zugewuchert, die meisten der nicht einmal 600.000 Einwohner leben an der Küste im Großraum der Hauptstadt Paramaribo. Erst 1975 erlangte das vormalige Niederländisch-Guayana seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht, bis heute fungiert Niederländisch als Amtssprache.

Rund 350.000 Menschen mit surinamischen Wurzeln leben unterdessen in den Niederlanden. Sie oder ihre Vorfahren wanderten auf der Suche nach Arbeit oder einem besseren Leben aus. Wie Humphrey Mijnals, der 1960 zum ersten dunkelhäutigen Nationalspieler der Niederlande avancierte. Oder wie George Gullit und Herman Rij­kaard: Die beiden spielten schon in Suriname gemeinsam Fußball, ihre Söhne Ruud und Frank taten es später für Milan und die niederländische Nationalmannschaft.

Gemeinsam gewannen Gullit und Rijkaard 1988 die Europameisterschaft, als in der Elftal noch Eintracht zwischen den weißen und den dunkelhäutigen Spielern mit surinamischen Wurzeln herrschte. Mit dem Durchbruch der nächsten Generation um Clarence Seedorf und Edgar Davids erfolgte aber eine Grüppchenbildung, die der so sagenhaft talentierten Mannschaft womöglich weitere Titelgewinne bei der EM 1996 oder WM 1998 verbaute.

Bei der EM forderte Davids, dass Bondscoach Guus Hiddink "seinen Kopf aus dem Hintern einiger Spieler ziehen" solle. Mutmaßlich: der weißen. Als Konsequenz musste Davids vorzeitig abreisen. Ein weiterer Eklat erfolgte bei einem WM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei, als sich die weißen Brüder Frank und Ronald De Boer vor einem Seedorf-Elfmeter öffentlichkeitswirksam umdrehten. Erst im Laufe der Nullerjahre und mit dem Aufkommen der nächsten Spielergenerationen entspannte sich die Situation nachhaltig.

Surinames harter Kurs gegen Niederlande-Auswanderer

Dass all die berühmten niederländischen Surinamer oder surinamischen Niederländer für die Elftal und nicht das Land ihrer Wurzeln aufliefen, war übrigens alternativlos: Suriname war bis 2019 das einzige FIFA-Mitglied, das eine Doppelstaatsbürgerschaft untersagte. Wer den niederländischen Pass annahm, gab den surinamischen auf.

Somit waren auch in den Niederlanden lebende Spieler mit surinamischen Wurzeln, die es nicht in die Elftal schafften, von Nationalmannschafts-Nominierungen ausgeschlossen. Die chronisch erfolglose surinamische Auswahl setzte sich jahrzehntelang vornehmlich aus Kickern der heimischen Amateurliga zusammen, beispielsweise vom Rekordmeister mit dem lustigen Namen SV Robinhood.

"Das Thema doppelte Staatsbürgerschaft ist in Suriname ein sensibles. Die antikoloniale Stimmung im Land hat eine Gesetzesänderung viele Jahre lang verhindert", erklärte der Präsident des nationalen Fußballverbandes SVB, John Krishnadath. 2019 lief mit Nigel Hasselbaink - Sohn des einstigen niederländischen Nationalstürmers Jimmy Floyd - schließlich der erste Spieler mit Doppelstaatsbürgerschaft in einem offiziellen Spiel der surinamischen Nationalmannschaft auf. Seitdem folgten etliche weitere, unter anderem Sheraldo Becker von Union Berlin.

Suriname qualifizierte sich 2021 für den Gold Cup

Sportlich sollte sich die Lockerung der Regularien lohnen: 2021 qualifizierte sich Suriname erstmals für die seit 1991 ausgespielte Nordamerika-Meisterschaft Gold Cup. Zuvor hatte sich die Nationalmannschaft 1977 und 1985 für den Vorgänger-Wettbewerb Nations Cup qualifiziert, war aber jeweils sieglos ausgeschieden.

Obwohl sich Suriname in Südamerika befindet, tritt die Nationalmannschaft genau wie die Auswahlen der Nachbarländer Guyana und Französisch-Guayana im sportlich deutlich schwächeren nordamerikanischen Verband an. Die Chance auf Siege ist dort höher, dank der neuen Staatsbürgerschafts-Regularien wird sie nun auch öfter genutzt.

Nationaltrainer ist seit Anfang dieses Jahres Stanley Menzo. Der langjährige Keeper von Ajax Amsterdam setzte sich schon während seiner Zeit als aktiver Spieler für den surinamischen Fußball ein und begründete 1993 die sogenannten "Suri­profs". Die inoffizielle Europa-Aus­wahl Suri­names mit etlichen Stars der niederländischen Nationalmannschaft trug regelmäßig Benefizspiele aus - und gewann sogar gegen Erstligisten wie den FC Groningen.

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