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Fussball

Der Abgang von "Il Presidente": Wie Franck Kessie die Herzen der Milan-Fans brach - und warum er in Barcelona scheitern könnte

Von Gabriel Wonn
Franck Kessie wechselt wohl von Mailand nach Barcelona.

Es ist noch nicht unterschrieben, aber eigentlich ist es klar: Kessie wird im Sommer ablösefrei zu Barca gehen. Das hatte aber mal anders geklungen.

Es ist der Sommer 2021, als "Il Presidente" der Gazzetta dello Sport ein Interview gibt, das er bereuen wird. "Wenn ich zurück komme, werde ich alles regeln. Ich will nur Milan, Sportdirektor Paolo Maldini kennt meine Gedanken. Ich will für immer Mailands 'Präsident' sein", sagt Franck Kessie, bevor er mit der ivorischen Nationalmannschaft zu den Olympischen Spielen fährt. Die Fans sind gerührt - und auch erleichtert: Man wird den Stammspieler im nächsten Jahr nicht ablösefrei verlieren, er wird verlängern.

Ebenjene Fans wollen es nicht hören, wollten es nie, dass solche Statements zwar durchaus ernst gemeint sein können, aber dass sie eben Momentaufnahmen sind. Der Mann, den man bei den Rossoneri aufgrund seiner Bestimmtheit und Präsenz in der Kabine den "Präsidenten" nennt, denkt im Sommer 2021 zunächst vielleicht wirklich so. Im Sommer 2022 aber steht er kurz vor der Unterschrift beim FC Barcelona. "Il Presidente" hat die Herzen der Milan-Fans gebrochen.

Seit klar ist, dass Kessie nicht verlängern wird, ist er den Spitznamen eigentlich ohnehin bei vielen los. Die Anhänger, die ihn vorher feierten, buhen und pfeifen ihn nun aus. Sie sind eben leidgeplagt: Der zu PSG abgewanderte verlorene Sohn, den viele nur noch "Dollarumma" statt "Donnarumma" rufen, ein Hakan Calhanoglu, der nach Jahren im eigenen Dress nun für Erzrivalen Inter trifft und sich erdreistet, an alter Wirkungsstätte zu jubeln - und nun der Ivorer, der doch so fest versprochen hatte, dass es für ihn nur Milan gebe. Und der in der aktuellen Saison - vielleicht auch eben wegen der Anfeindungen - weit weg von seiner Bestform agiert.

FC Barcelona: Xavi hat sich wohl selbst intensiv um Kessie bemüht

Wenn ein Spieler so stark gehasst wird, dann wurde er vorher vermutlich ebenso geliebt. Und Kessie hat den Fans Grund genug gegeben, ihn zu lieben. Der 25-Jährige kam vor fünf Jahren per Leihe aus Bergamo, 2019 wurde er fest verpflichtet. Er ist im defensiven Mittelfeld der Rossoneri eine feste Größe, ein Fels. Ein Kämpfer, ein Ackerer, ein Abräumer. Jemand, der Kreativspielern den Rücken freihält. Und da kommt der FC Barcelona ins Spiel.

Eigentlich kann man kaum weiter entfernt von einem klassischen Barca-Spielertypus sein. Vollkommen richtig. Und genau deshalb wollen sie ihn. Denn ein Kessie fehlt Barcelona. Der Ivorer ist technisch stark genug für den Fußball, den Xavi sehen will - und gleichzeitig bringt er eine körperliche Präsenz mit, die Sergio Busquets, Frenkie de Jong, Pedri, Nico Gonzalez, Riqui Puig oder Gavi eben nicht bieten können.

Kessie, der zudem ablösefrei ist und damit perfekt ins Suchraster der verschuldeten Katalanen passt, hat in seiner Karriere übrigens zunächst als Innenverteidiger gespielt. Abwehr, Sechser, Achter - der 25-Jährige kann viele Positionen bekleiden und diese Vielseitigkeit kann Barca in der Breite enorm helfen. Sie ist sein großes Plus - und seine größte Schwäche.

Barcelona: Busquets, Gavi, Pedri - wo spielt Kessie?

Denn auch wenn Xavi sich dem Vernehmen nach persönlich extrem um Kessie bemüht hat, ihn im Gegensatz zu vielen anderen Interessenten wirklich direkt überzeugen wollte und konnte, könnte Milans (Ex-)"Präsident" im Camp Nou scheitern - auch dann, wenn er leistungstechnisch voll einschlagen sollte. Denn betrachtet man Barcas Kader, wird klar: Kessie ist gut in allem - aber nirgends der Beste. Potenziell der klassische Ergänzungsspieler.

Muss man ein Ergebnis verwalten? Kessie einwechseln. Braucht man mehr körperliche Präsenz? Kessie einwechseln. Fehlt ein Innenverteiger? Da kann Kessie einspringen. Die beste Elf? Da kann Kessie wohl erstmal zuschauen. Denn die Konkurrenz ist groß und alleine drei Namen könnten dem Ivorer Kopfzerbrechen bereiten: Busquets, Gavi, Pedri. Ein verdienter Kapitän als Identifikationsfigur, Mittelfeldmotor und solider Anker - und vor ihm zwei der größten Talente weltweit, die jetzt schon als Erben von Xavi und Iniesta gesehen werden. Wo soll da Platz für Kessie sein, der sicher nicht vornehmlich als Abwehrspieler verpflichtet wird?

Es wird wohl auf zwei Dinge ankommen. Zum einen: Kann Kessie die Chancen nutzen, die sich ihm bieten, kann er geduldig bleiben - und bleiben überhaupt alle dauerhaft fit? Und zum anderen: Wie definiert man "Scheitern"? Definiert Kessie Erfolg so, dass er dauerhaft unumstrittener Stammspieler sein möchte? Dann wird der Herzensbrecher vielleicht selbst bald erleben, wie sein Herz bricht. Definiert er ihn aber so, dass er ein wichtiger Teil eines Gesamtgefüges und eines der aktuell interessantesten Projekte im Weltfußball sein möchte, dann kann er auch in der Barca-Kabine vor allem auf lange Sicht zum "Presidente" werden.

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