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Fussball

Gehirntransplantationen, Toupets und verlorene Meisterschaften: Warum sich Antonio Conte und Marco Materazzi hassen

Von Oliver Maywurm

Antonio Conte und Marco Materazzi verbindet eine tiefgreifende gegenseitige Abneigung. Schuld daran sind zwei Meister-Dramen am letzten Spieltag.

Vielleicht ist es ganz gut, dass sich Marco Materazzi und Antonio Conte bei der italienischen Nationalmannschaft nie direkt über den Weg liefen. Als Ersterer, legendärer Verteidiger von Inter Mailand, im Frühjahr 2001 erstmals für die Squadra Azzurra auflief, hatte Letzterer, mehr als ein Jahrzehnt lang Mittelfeldarbeiter bei Juventus Turin, sein letztes Länderspiel knapp ein Jahr zuvor absolviert. Und als Conte die Nationalmannschaft von 2014 bis 2016 coachte, war Materazzis Länderspielkarriere längst vorbei.

Man lehnt sich vermutlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass die Chemie zwischen den beiden Alphatieren nicht ganz so gut gewesen wäre. Vielmehr noch verbindet Materazzi und Conte seit Beginn der 2000er-Jahre eine tiefe gegenseitige Abneigung, die hin und wieder aber auch in Respekt vor der Leistung des Anderen umschlägt.

Im Frühjahr 2000 ist Conte gerade auf bestem Wege, sich mit Juve zum italienischen Meister zu küren. Mit dem heutigen Tottenham-Trainer im defensiven Mittelfeld stehen die Bianconeri vor dem letzten Spieltag auf Platz eins und haben es im Duell mit Mittelfeld-Team Perugia in eigener Hand, sich den Scudetto zu sichern.

Materazzi und Perugia versauen Conte und Juve den Scudetto

Doch obwohl es für Perugia sportlich um nichts mehr geht, haut sich das Team gegen Juve bei wegen heftigen Regenfällen beinahe irregulären Bedingungen voll rein - und mittendrin: Marco Materazzi, der in der Dreierkette aufräumt.

Durch ein Tor von Alessandro Calori kurz nach der Pause gewinnt Perugia letztlich tatsächlich gegen den haushohen Favoriten aus Turin, der den Titel damit kurz vor dem Ziel doch noch verspielt und Lazio Rom vorbeiziehen lassen muss. Conte und seine Teamkollegen sind an jenem 14. Mai 2000 untröstlich - während Materazzi, der ein Jahr später zu Juves Erzrivalen Inter Mailand wechseln sollte, die Schadenfreude überkommt.

Zwei Jahre darauf, im Frühsommer 2002, sollte Materazzi diese Schadenfreude dann jedoch einholen. Diesmal steht der damals 28-Jährige mit Inter, wo er sich schnell einen Stammplatz erobern konnte, einen Spieltag vor Saisonende an der Tabellenspitze. Es geht gegen Lazio, also das Team, das Materazzi und Perugia zwei Jahre zuvor zum Meister gemacht hatten.

Doch von später Dankbarkeit seitens der Römer ist nichts zu spüren. Lazio schlägt Inter um den Top-Sturm mit Ronaldo und Christian Vieri mit 4:2, während Conte und Juventus durch einen 2:0-Erfolg bei Udinese Calcio vorbeiziehen und den Mailändern den Meistertitel wegschnappen.

"Mit dem Scudetto kann sich Conte ein Toupet kaufen"

Der Umstand, dass ausgerechnet Inter und ausgerechnet Materazzi dieses sportliche Schicksal erleiden mussten, gefiel Conte auf den anschließenden Feierlichkeiten von Juventus anscheinend ganz besonders. Und der Konter Materazzis ließ nicht lange auf sich warten, indem er auf die bereits nicht mehr ganz so gut gefüllte Haarpracht des seinerzeit 32-jährigen Conte einging: "Mit dem Gewinn des Scudetto kann sich Conte nun ein neues Toupet kaufen", tönte Materazzi.

Conte nahm die Steilvorlage dankend an, ließ verlauten: "Ich sage zu Materazzi, dass es ausgefeiltere Techniken wie Haartransplantationen gibt. Schade, dass ich keine Hirntransplantation empfehlen kann, er hätte sie wirklich nötig. In seinem Fall würde meine Meisterprämie nicht ausreichen."

Die provokante Art, wie Materazzi zwei Jahre zuvor Juves verlorene Meisterschaft durch seinen Sieg mit Perugia zelebriert hatte, stieß Conte noch immer übel auf: "Vor zwei Jahren rief Herr Materazzi immer wieder 'Ich habe den Scudetto gewonnen, ich habe den Scudetto gewonnen' und hatte keinen Respekt vor uns", erklärte er. "Ich weiß nicht, ob er mit meinen Mitspielern bei Juventus Probleme haben wird, die er in der Nationalmannschaft wiedersieht. Aber ich weiß, dass er bereits mit der Hälfte der Serie A Probleme hat. Man sagt, er sei ein intelligenter Mensch außerhalb des Spielfelds, aber ich habe da meine Zweifel."

Materazzi zollt Conte später Respekt

Zumindest, als etwas Gras über die Sache gewachsen war und beide Streithähne ihre aktiven Karrieren beendet hatten, schlug Materazzi hier und da aber auch versöhnlichere Töne an. Als Conte im Jahr 2014 Juve als Trainer mit unglaublichen 102 Punkten zur Meisterschaft führte, zollte er dieser Leistung Respekt: "Als Interista (Inter-Fan, d. Red.) hoffe ich, dass Conte nicht bei Juventus bleiben kann, denn er macht 60 Prozent dieser Mannschaft aus. Vor dieser Leistung muss man den Hut ziehen, 102 Punkte sind eine Menge, und es ist schwierig, es in Zukunft besser zu machen", so Materazzi damals.

Auch als Conte 2019 den Trainerjob bei Inter übernahm und wegen seiner Juve-Vergangenheit einen schweren Stand bei den Fans hatte, sprang ihm Materazzi ein wenig zur Seite: "Die Vergangenheit kann nicht ausgelöscht und vergessen werden, aber er ist hungrig, und die Fans werden ihn dafür schätzen. Es liegt an ihm, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen."

Mittlerweile wäre die Stimmung also zumindest nicht mehr ganz so angespannt, sollten sich Conte und Materazzi mal wieder über den Weg laufen.

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